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Südfrankreich: Was die Nase nie vergisst

In einem Parfum-Workshop im Château de Montcaud an der Grenze zwischen Provence und Okzitanien zeigt Parfümeurin Delphine Landai, wie persönliche Duftwelten komponiert werden.
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Ob Grignan oder Drôme – jedes Jahr verwandelt die Lavendelblüte die französische Provence in ein violettes Duftmeer. Wenngleich das lila Gold untrennbar mit der französischen Region verbunden ist, ist es bei Weitem nicht das einzige Aroma, das die Gegend zu bieten hat.

Wohlriechende Odeure findet man übrigens über die Provence hinaus: Im fließenden Übergang steht die Grenzregion in Okzitanien dem „Land des Lavendels“ nämlich in nichts nach, wie die südfranzösische Gemeinde Sabran zeigt. Eingebettet zwischen dem Cevennen-Gebirge und der Provence befindet sich dort das Château de Montcaud, wo Duftexpertinnen und -experten (und solche, die es noch werden wollen) voll auf ihre Kosten kommen.

Bekannte Gerüche

Im Schatten von Kastanienbäumen, Syrischem Wacholder und Persischem Flieder, der unter Vogelgezwitscher und dem Zirpen von Zikaden die Sonne des Südens verdunkelt, steigt ein Duft prägnant in die Nase. Intensiv holzig und leicht harzig. Eine gefällte Zeder. Vor rund einem Jahr wurde sie abgeholzt. Reibt man die Hände am leicht ausgefransten Rand des Baumstumpfs und hält sie an die Nase, ist das Aroma so durchdringend wie frisch gefällt.

„Merken Sie sich die Gerüche, die Sie im Wald wahrnehmen, um sie später herzustellen“, sagt Parfümeurin Delphine Landai bei einem Spaziergang durch den Waldpark des Châteaus. Seit rund zwei Jahrzehnten ist Delphine Landai eine „Nase“, wie der Beruf umgangssprachlich gern genannt wird. Schon als Kind wollte sie die Liebe zum Duft zum Beruf machen, erzählt die Parfümeurin. Gelernt hat sie ihr Handwerk acht Jahre lang beim französischen Parfümeur Maurice Roucel (Gucci, Hermès).

Eine Frau mit blonden Haaren steht lachend im Sonnenschein vor einem grünen, bewaldeten Hintergrund.

Parfümeurin Delphine Landai hat immer den richtigen Riecher

Neben Zedern wachsen im Schlosspark Rosen, ebenso wie mehr als hundertvierzig Baumarten aus der ganzen Welt. Aus ihren Extrakten soll später in einem Workshop unter Anleitung der professionellen „Nase“ ein Raumparfüm entstehen. Wie es von den frischen „Zutaten“ zum fertigen Duft kommt, können Gäste innerhalb der Schlossmauern im alten, renovierten Taubenschlag des Anwesens lernen.

Zunächst gilt es sich selbst eine schwierige Frage zu beantworten: Welche Duftnoten sagen einem am meisten zu? Geschnüffelt wird an zahlreichen Papierstreifen mit insgesamt vierzehn verschiedenen Proben, darunter Jasmin, Feige, Kräuter der Provence oder Honignoten.

Nasen-Neustart

„Es fühlt sich an wie eine Weinverkostung. Manchmal kann man es nicht benennen, selbst wenn es einem auf der Zunge liegt“, sagt Hausherr Rolf Bertschi beim Besuch des Workshops. Ähnlich schwummrig wird es bei der Duftverkostung, da die verschiedenen Gerüche nach kurzer Zeit schlichtweg nicht mehr zu unterscheiden sind. Professionelle Hilfe ist also gefragt: „Ein einfacher Trick, um wieder besseren Durchblick zu bekommen, ist, an der eigenen Haut zu riechen“, erklärt Landai. Denn ein Nasen-Neustart gelingt am besten mit bekannten Gerüchen.

„Wenn man ,blind‘ riecht, also ohne festes Vokabular, geht es genau darum, eigene Verbindungen dazu aufzubauen, nicht die ,richtigen‘ Begriffe zu kennen“, so die Parfümeurin. Diese Vorgangsweise mache Düfte oft stärker, weil sie direkt mit Erinnerung und Emotion verknüpft werden. Ist dann wieder etwas Klarheit im Kopf geschaffen worden, wird im nächsten Schritt festgelegt, wie der Duft aufgebaut sein soll. „Es gibt drei Ebenen – die Basis, das Herz und den Kopf“, sagt Landai.

Die richtige Mischung

Die Basis sei etwas „schwerer“ in ihrer Note, wie eine Mischung aus Zedern und Moos, die holziger duften. Zum sogenannten Herz stehen florale oder Zitrus-Noten, wie etwa Jasmin, zur Auswahl. Für den Kopf können Workshopteilnehmer beispielsweise zwischen frischer Wassermelone oder Bergamotte wählen. „Woher Menschen kommen, beeinflusst üblicherweise, welche Noten sie auswählen“, berichtet die Expertin. Die Papierstreifen vom Geruchstest – es empfiehlt sich, sie zu beschriften, – werden also noch einmal hervorgeholt und in unterschiedlichen Kombinationen übereinandergelegt.

Um die passende Balance der verschiedenen Aromen zu finden, ist Geduld gefragt. Ist man überzeugt, die für sich richtige Mischung entdeckt zu haben, kommt die Pipette zum Einsatz. Sorgfältig werden einzelne Tropfen in einem zunächst noch leeren Gefäß platziert. Dosiert werden sie nicht nach Belieben, sondern nach genauer Rechnung. Wer Schwierigkeiten beim Prozentrechnen hat, kann den (Handy-)Taschenrechner zur Hilfe holen.

Individuelle Vorlieben

„Mehr Jasmin-Anteil würde etwas mehr Modernität in den Duft bringen“, berät Delphine Landai einen Workshop-Teilnehmer nach der ersten Kreation. Tipps und Trick werden geteilt, sind aber kein Zwang: „Man darf nicht vergessen, dass etwas für einen Menschen gut riechen kann, während es ein anderer hasst“, sagt die „Nase“.

Je nachdem, was eine Person mit einem Geruch verbinde, wecke es unterschiedliche Gefühle. In erster Linie geht es beim Duft also um individuelle Vorlieben. Was kann Landai selbst am besten riechen? „Ich liebe Sandelholz besonders.“ Die Parfümeurin braucht üblicherweise rund einen Tag, um den perfekten Duft zu kreieren. Für die weniger geschulten „Nasen“ im Workshop braucht es fünf Versuche an zwei Tagen, um ein wohlriechendes Ergebnis zu erzielen.

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