Ein Mann steht neben einem weißen Auto auf einer Straße an einem See, umgeben von Bergen mit Schnee und grüner Vegetation.

Elektro-Roadtrip durch Norwegen bis zum Nordkap: Wie geht das?

Die Hoppalas eines E-Auto-Neulings auf der 2.500 Kilometer langen Route von Bergen bis Tromsø und – dann ohne Auto – noch weiter bis zum stürmischen Nordkap.

Von Wolfgang Godai

Von Bergen bis zum Nordkap, mit dem Auto, in zwölf Tagen – das ist der Plan. Eine fordernde Aufgabe, gilt es doch, zahlreiche Fährpassagen durch Fjorde zu queren und enge Bergstraßen zu meistern, bei unberechenbarem Wetter. Und da Norwegen das Land der E-Autos ist – im Sommer lag der Anteil bei Neuzulassungen bei über siebenundneunzig Prozent –, setze ich noch eins drauf: erstmals in meinem Leben elektrisch on the road. Überraschungen sind also programmiert.

Ein Schiff liegt an einer belebten Uferpromenade mit bunten historischen Häusern und vielen Menschen im Sonnenschein.

Die Reise startet inBergen bei einem Spaziergang durchdenStadtteil Bryggen.

©Wolfgang Godai

Die erste kommt gleich in Bergen. Es ist sonnig und warm, und das Mitte Juni, in der statistisch regenreichsten Stadt Norwegens. Ein echtes Privileg, denn Bergen ist auch die schönste Stadt dieses attraktiven Reiselandes, und die Aussicht vom Hausberg Fløyen oder die bunten Hanse-Häuser im historischen Zentrum Bryggen sind bei strahlendem Sonnenschein natürlich noch toller. Dazu gibt es kaum einen besseren Ort für eine kulinarische Einstimmung, was Fisch und Meeresfrüchte betrifft.

Auf Eis liegen frischer Fisch, Seeigel, Jakobsmuscheln, Austern und Miesmuscheln.

Bevor das Auto abgeholt wird, noch eine kleine Stärkung am Fischmarkt in Bergen.

©Wolfgang Godai

Das E-Auto-Abenteuer beginnt am nächsten Tag, als ich den Polestar 4 abhole, ein schwedisch-chinesisches Fahrzeug. Aller Anfang ist mühsam. So hat das Auto keine Heckscheibe, was sich hinter mir abspielt, sehe ich auf einem Bildschirm im Rückspiegel. Die Schaltung fürs Automatikgetriebe ist nicht zwischen den Sitzen, sondern an jenem Lenkradhebel, wo ich bei meinem Benziner zu Hause die Scheibenwischer betätige. Die Parkfunktion erfolgt durch Knopfdruck auf dem Hebel.

Gewöhnungsbedürftig ist auch die Anzeige von Geschwindigkeit, Tempolimit und der nächsten Kreuzung direkt im Sichtfeld auf der Windschutzscheibe. Das stellt sich aber als sehr hilfreich heraus, denn es gilt fast überall ein Tempolimit von achtzig, oft auch sechzig km/h, was auf langen, oft einsamen Straßen ermüdend ist. Da es bei jeder Überschreitung in meine Augen blinkt, vermeide ich ungewolltes Schnellfahren, was bei den exzessiven Strafen in Norwegen vor bösen Überraschungen schützt.

Die erste Fähre

Erster Stopp ist der Ort Dale, eigentlich keine Augenweide, aber hier befindet sich die berühmteste Norwegerpulli-Fabrik des Landes. Ein perfektes Souvenir, zumal viel preiswerter als in den Touristenzentren, mit riesiger Auswahl. Nach langer Fahrt über Berge, durch Schluchten und Tunnels taucht der Sognefjord auf, einer der schönsten Norwegens. Und damit die erste von vielen Autofähren. Alles verläuft problemlos, dank Autoferjepass (siehe Infos). Jedes Mal, wenn es nach einem Berg wieder runtergeht, fällt mir auf, dass die Reichweite des Akkus steigt, was auch mit dem strahlenden Sonnenschein und den warmen Temperaturen zusammenhängt. Ein paar Tage später weiter nördlich ist es kalt und regnerisch, da leert sich der Akku viel schneller als erwartet.

Eine Fähre, möglicherweise die "Leikanger", fährt auf einem Fjord vor einer Bergkulisse.

Am Weg müssen immer wieder Fähren genommen werden.

©Wolfgang Godai

Bis dahin kann ich die landschaftlichen Highlights doppelt genießen. Etwa eine der steilsten Seilbahnen der Welt inklusive Gletscherblick am Loenfjord. Oder die Serpentinen auf den 1.476 Meter hohen Berg Dalsnibba, wo man über der Schneegrenze die optimale Aussicht auf den Geirangerfjord und die Gebirge im Landesinneren hat.

Ein Fluss stürzt durch eine grüne Landschaft, im Hintergrund ein Fjord mit einem Kreuzfahrtschiff.

Ausblick auf den Geirangerfjord und den Wasserfall Storseterfossen.

©Wolfgang Godai

Stopp in Ålesund 

Norwegens Fischereizentrum, die Jugendstil-Stadt Ålesund, ist einen längeren Aufenthalt wert. Glücklicherweise schaffe ich es frühmorgens bei den letzten Sonnenstrahlen für mehrere Tage, den Hausberg Aksla auf 418 Stufen zu erklimmen, mit absolut lohnendem Panoramablick auf diese UNESCO-Welterbestätte und die idyllische Inselwelt davor.

Bunte Häuserzeile in Ålesund spiegelt sich im Wasser.

In derJugendstil-StadtÅlesund sollte man einen längeren Zwischenstopp einplanen.

©Wolfgang Godai

Auf der Weiterfahrt nach Trondheim am nächsten Tag regnet es dann durchgehend, was die Fahrt an der sehenswerten Atlantic Road mit ihren futuristischen Brücken, idyllischen Küstenlandschaften und Fähren ein wenig trübt.

Das hat Folgen. Der Bordcomputer befiehlt mir, schon früher als geplant aufzuladen. Um Akku zu sparen, schalte ich sogar die Heizung aus und fröstle im Auto. Trotzdem muss ich noch vor dem Tagesziel Trondheim eine Ladestation suchen.

Glück im Unglück: Es ist die einzige Ladestation während meiner Reise, die auch mit Kreditkarte funktioniert. Und mit den Lade-Apps, die auf meinem Handy installiert sind, gibt es immer wieder Probleme. Zum Teil sicher, weil ich keinerlei Erfahrung damit habe. Aber auch ein freundlicher Einheimischer, der mir einmal beim Laden mit seiner eigenen App hilft, bestätigt, dass es nicht immer einfach ist, die richtige Ladestation zu finden.

Nationales Heiligtum

Trondheim sollte übrigens ein Fixpunkt jeder Norwegen-Reise sein, eine Stadt mit vielen Gesichtern. Auf der einen Seite des Flusses Nidelva kann man durch die alten Holzhausviertel spazieren, auf der anderen Seite ist das architektonisch prächtige Zentrum mit Fußgängerzonen, tollen Museen und Restaurants. Alles im Schatten des Nidaros-Doms, dem größten sakralen Bauwerk Skandinaviens, Krönungskirche und Nationalheiligtum.

Die Fassade des Nidarosdoms in Trondheim mit grünem Dach und Turmspitze ist zu sehen.

In Trondheim stehtdasNationalheiligtum Norwegens: der Nidaros Dom.

©Wolfgang Godai

Ein Höhepunkt jeder Autoreise durch Norwegen bleibt mir leider versagt. Für die Traumstraße Kystriksveien, die mit zahlreichen Fährpassagen direkt entlang der wilden Atlantikküste mäandert, sollte man sich zwei, drei Tage Zeit nehmen. Ich gebe nach einem halben Tag auf, es schüttet so heftig, dass es nichts zu sehen gibt. Ein kleiner Glücksmoment dazwischen: Am Abend – hier wird es kaum noch dunkel – lassen die Wolken kurz einen Sonnenstrahl durch, was ich für den Aufstieg zum mystischen Berg Torghattan nütze, wo man durch ein großes Loch mitten im Felsen einen weißen Atlantikstrand sehen kann. Magisch.

Zu Inseln und Fjorden

Die längste Fährfahrt meiner Reise findet nördlich des Polarkreises statt, dreieinhalb Stunden von Bodø nach Moskenes auf den Lofoten.

Während man auf den meisten Fähren kurzfristig unterkommt, muss man hier unbedingt vorbuchen. Sandstrände, Fjorde, verbunden mit abenteuerlichen Brücken, und schroffe, grüne Berge mit weißen Schneekuppen machen die Lofoten zu einem Spektakel für alle Sinne, man sollte ihnen einen eigenen Urlaub widmen.

Von Å, dem südlichsten Ort mit dem kürzestmöglichen Namen, bis zur nördlicheren Inselgruppe der Vesterålen reiht sich hier eine Naturschönheit an die nächste, ein kitschig-buntes Fischerdorf ans andere. Meine Reise endet früher als ursprünglich geplant am Ausgangspunkt vieler Polarreisen, der Stadt Tromsø. Berühmt ist sie auch durch die Eismeerkathedrale am anderen Ende einer spektakulären Brücke, die das Zentrum mit dem Festland verbindet.

Weiter in den Norden

Stadtseitig ist direkt am Meer der erneuerte Stadtteil Vervet entstanden, in dem vor allem junge Kreative wohnen und an Start-ups arbeiten. Hier findet man auch interessante und leistbare Lokale.

In Tromsø gebe ich das E-Auto zurück, denn um damit bis zu meinem Reiseziel, dem Nordkap, und retour zu fahren, würde ich noch zwei Tage je zehn Stunden nonstop am Steuer verbringen. Deshalb fliege ich mit der lokalen Airline Widerøe nach Honningsvåg, von wo es geführte Bustouren zum nahen, sturmumtosten Nordkap gibt.

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Der Autor Wolfgang Godai hat sein Ziel erreicht: das sturmumtoste Nordkap.

©Wolfgang Godai

Info

Anreise Austrian fliegt direkt nach Oslo. CO2-Kompensation via atmosfair.de: 21 Euro.

Reisezeit Juni und September sind kühler, aber zu empfehlen. Der Juli ist sehr überlaufen, Staus vor Fähren sind vorprogrammiert. 

Autoferjepass Ein Muss für Autoreisen in Norwegen. Über Autonummer und Tag am Auto kommt man auf jede Fähre, der Preis wird elektr. abgebucht, mit bis zu 50 Prozent
Rabatt (autopassferje.no). Fähr-Fahrpläne unter entur.no

Mietauto
12 Tage von Bergen nach Tromsø kosten mit Mietauto knapp 4.000 €. Preiswerter wird es, wenn man das Auto am gleichen Ort wieder zurückgibt, ca. 1.500 €. Der Polestar 4 ist
geeignet für lange Strecken. Achtung: Nicht alle Apps funktionieren auf allen Smartphones. Der ÖAMTC empfiehlt die Apps Elton und Mer, mit Elton machten auch wir gute Erfahrungen. GuteWebsite: chargefinder.com

Unterkünfte
–Ålesund: Quality Hotel
–Trondheim: Scandic Nidelven
– Lofoten: Thon Hotel Svolvær im gleichnamigen Hauptort der Inselgruppe. 

Auskunft Hilfreich sind die regionalen Tourismusbüros der einzelnen Regionen. Infos: visitnorway.de

Für Individualreisende ist der kleine Provinzflughafen übrigens eine Herausforderung. Es gibt hier weder Busse noch Taxis in den Ort (das einzige im Ort ist so gut wie nie verfügbar), zu Fuß geht man mehr als eine Stunde. Keine gute Option mit Gepäck bei eisigem Wind und Regen. Mich haben bei der Ankunft freundliche Einheimische mitgenommen, am Rückweg musste ich autostoppen. Stehengeblieben ist nach längerer Wartezeit ein Benzin-Auto – mein einziges in zwölf Tagen, nach rund 2.500 Kilometern durch Norwegen.

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