36 Einwohner: Das bizarre Leben auf der Bounty-Insel
Auf der Suche nach entlegenen Orten stieß KURIER-Leserin Kerstin Schallaböck mit ihrem Mann auf die Pitcairn Islands – vor der einst die berühmte MS Bounty sank. Hier erzählt sie davon.
Von Kerstin Schallaböck
Nach fast vierundzwanzig Stunden Anreise über Paris und Los Angeles landen wir auf Tahiti. Dann braucht es noch vier weitere Flugstunden nach Gambier, der östlichsten Insel Französisch-Polynesiens, bekannt für ihre Perlenzucht. Und bei diesem Flughafen, der auf einem kleinen Atoll liegt, steigen wir auf das Versorgungsschiff Silver Supporter, mit dem England sein einziges Overseas Territory im Südpazifik versorgt.
Ab hier dauert es noch achtundvierzig Stunden bis Pitcairn.
Dem Frachter Silver Supporter fehlt jeglicher Luxus. Aber immerhin reist man in einer Doppelkabine mit eigener Dusche. Nach zwei Nächten und fast drei Tagen in den Weiten des Pazifik erreichen wir endlich Pitcairn. Oder das Gewässer davor: Anlegen ist an der Insel nicht möglich, da das Meer zu rau ist. Pitcairn hat keinen Hafen, nur die kleine Bucht „Bounty Bay“ dient dem raschen Anlanden eines kleineren Longboats. Mit dem holen uns die Inselbewohner einen Kilometer vor der Küste ab und bitten uns mit dem überaus sinnvollen Befehl „Jump now!“ an Bord.
Auch das Longboat muss immer aus der rauen See.
©Getty Images/steve_is_on_holiday/istockphoto.comBeim Ausstieg lernen wir den Großteil der siebenunddreißig Personen zählenden Bevölkerung Pitcairns kennen. Unsere Gastfamilie – Olive und Steve – bringen uns auf ihren Quads nach Adamstown. Es ist eine kleine Ansammlung von etwa dreißig Häusern, aber von beachtlicher Vielfalt. Neben einer Kirche und dem Gemeindeamt gibt es ein Postamt, einen erstaunlich gut bestückten Supermarkt, ein Museum und das überaus modern ausgestattete Medical Center, sogar mit einem kleinen Operationssaal.
Info
Die Autorin
Kerstin Schallaböck, Jahrgang 1977, ist praktische Ärztin in Wien.
Die Insel
Zur Gruppe der „Pitcairns“ gehören die vier Inseln Pitcairn, Ducie, Oeno und Henderson, von denen die letzte zwar die mit Abstand größte ist (43 km2), aber nur die namensgebende besiedelt – mit aktuell 36 Menschen, die alle von den Meuterern abstammen, die hier 1789 gelandet sind.
5.000 Kilometer liegt Pitcairn von Neuseeland entfernt – im südlichen Pazifik. Die vier Inseln sind über eine Entfernung von 600 km verstreut.
Auskunft
visitpitcairn.pn
Leserin Schallaböck, selbst Ärztin, mit dem Polen Maciej, der gerade Pitcairn versorgt.
©FolgtMedizinische Versorgung
Es gibt hier auch wirklich einen Arzt. Jetzt gerade ist Maciej für sechs Monate stationiert. Der Pole findet nach medizinischen Einsätzen in Kandahar oder auf Papua-Neuguinea auf Pitcairn fast so etwas wie Erholung. Operationen könnten mit der Ausstattung stattfinden – wenn der Arzt zugleich Chirurg und Anästhesist wäre. So aber können die Pitcairnerinnen und Pitcairner zwar versorgt werden, im Ernstfall bleibt aber nur die Evakuierung durch ein vorbeikommendes Kreuzfahrtschiff oder die Silver Supporter – die aber höchstens alle zwei Wochen hier ankert.
Der Fisch ist hier immer frisch, anerkennt Joachim Schallaböck.
©privatDie Welt kennt diese Siebenundvierzig-Quadratkilometer-Insel im großen Pazifik nur, weil vor mehr als zweihundert Jahren sieben Meuterer der MS Bounty mit ihren polynesischen Frauen hier gestrandet sind. Oder eigentlich, weil Filmemacher diese Geschichte aufgegriffen haben, seit 1916 wurde der Stoff fünfmal verfilmt, Marlon Brando inklusive, ein Musical gibt es auch.
Insel-Streit
Unser Gastgeber Steve ist ein Nachkomme in siebenter Generation von Flechter Christian, 1962 eben von Brando verkörpert. Darauf legt er viel wert. Steve war über Jahre Bürgermeister der Insel. Er ist nicht groß, aber von beachtenswerter Ausstrahlung. Ihm und seiner Frau Olive gehört das größte Privathaus der Insel, nur die Schule ist größer, sie nennen es „Big Fence“. Es ist eine Mischung aus Pension und Gasthaus voller Erinnerungsstücke vergangener Generationen. Man kann sich gut vorstellen, dass es einmal der zentrale Treffpunkt gewesen ist – bevor alle zerstritten waren oder die Insel verlassen haben.
KURIER Talk mit Kerstin Schallaböck
Aber zuerst wirkt alles ein bisschen wie ein Idyll. Die beiden führen uns durch das Leben der Insel, zeigen uns ihre Anbaufelder, auf denen wir einer Galapagos-Schildkröte begegnen, die vor über hundert Jahren auf die Insel gebracht wurde. Flora und Fauna sind beeindruckend, ein paar Häuser mit einfachem westlichen Standard blitzen aus dem Grün und am Weg zum höchsten Punkt der Insel steht eine große Sendeanlage – die Pitcairn bis vor Kurzem per Funk mit der Welt verbunden hatte. Jetzt gibt es eine Starlink-Verbindung.
Eine Galapagos-Schildkröte wurde vor hundert Jahren hergebracht.
©privatDie Insel verfügt über überraschend viele Feldwege. Denn alle Pitcairner haben einen Job: der Umweltverantwortliche über den Besucheradministrator bis zum Ressourcenmanager – und einer kartografiert eben Wege. Auch Post, Supermarkt und Bank sind zwar nur wenige Stunden pro Woche geöffnet, dafür aber auch, wenn niemand kommt. Die Orientierung fällt einem mit oder ohne Weg leicht, zumal ohnehin alle nach Adamstown führen.
Nur wer sich Südseeflair erhofft, wird enttäuscht. Pitcairn hat einen einzigen unwirtlichen Sandstrand, zu dem man eine Stunde über steiles Gelände absteigen muss. Der Rest der Insel gleicht einem subtropisch bewachsenen Felsen.
Wer sich die Pitcairn-Insel als Paradies mit Badespaß vorstellt, irrt.
©Kerstin SchallaböckSchweres Erbe
Auch die Geschichte der Insel ist leider durchwachsen und immer wieder von Gewalt geprägt. Die Meuterer lebten nur wenige Jahre und starben in Fehden mit Polynesiern, die sie auf die Insel mitgenommen hatten. In ihren guten Zeiten hatte die Insel bis zu dreihundert Bewohner – eine Bevölkerungszahl, die so groß schien, dass ein Teil nach Australien übersiedelt wurde.
In der jüngeren Geschichte trat Pitcairn vor allem durch sexuelle Missbrauchsfälle in Erscheinung. Die Gesellschaft lebte in einem unbeachteten Mikrokosmos, dessen Schattenseiten erst sukzessive bekannt wurden, als Kinder für Schulaufenthalte ins Ausland geschickt wurden. 2004 schritt deshalb die englische Gerichtsbarkeit in Pitcairn ein und verurteilte mehr als die Hälfte der männlichen Bevölkerung zu mehrjährigen Haftstrafen. Auf der Insel wurde eigens dafür ein Gefängnis errichtet. Dieser Teil der Geschichte ist nach wie vor sehr präsent, wenngleich nicht gerne darüber gesprochen wird.
Auch Steve war involviert. Er saß lange in Haft, echte Einsicht zeigt er nicht. Zu merken ist allerdings sein Ärger über die seither streng auftretende neuseeländische Verwaltung der Insel.
B wie Bounty
Geschichte
1789 meuterten 7 Seeleute gegen Kapitän Bligh, der mit der HMS Bounty Brotfruchtbaum-Ableger transportierte.
Filme
Der Stoff wurde oft verfilmt, am bekanntesten ist Marlon Brandos Darstellung von Obermeuterer Fletcher Christian.
Schallaböcks Buchtipp
„Schlange im Paradies: Meine Reise in die Südsee zu den Nachfahren der Meuterer auf der Bounty“ von Dea Birkett (1999, Verlag Knaus).
Wie im Film
Trotzdem ist da diese Gastfreundlichkeit. Die drei Tage, in denen wir uns oft wie Statisten in einer Filmkulisse vorkommen, auch emotional durch die Szenerie wirbeln und dabei verurteilte Verbrecher, ihre Mitwisser und ihre Opfer kennenlernen – mehrheitlich mit völlig unterschiedlichen Wahrnehmungen, die tatsächliche Handlung betreffend.
Die drei Tage fühlen sich lang an, trotzdem geht es dann sehr plötzlich zurück auf die Silver Supporter. Nach der noch stürmischeren Rückfahrt sitzen wir wenige Tage später, erschöpft aber voll mit Erinnerungen, im Airbus 350 der Air France nach Paris. Die Insel rückt in die Ferne, die Erinnerungen verschwimmen, die Eindrücke aber wirken nach.
Es sind unwirkliche Tage, die man auf Pitcairn verbringt. Aber es war wichtig zu kommen.
Und gut, wieder zu gehen.
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