Das Denkmal der Entdeckungen in Lissabon zeigt Skulpturen vor einem Sonnenuntergang über dem Tejo.

Portugal: Nach 24 Stunden verliebt in Lissabon

Manchmal braucht Liebe Zeit. In Lissabon nicht. Wie man sich Hals über Kopf und auf den ersten Blick in eine Stadt verliebt.

Der Moment, in dem ich begreife, dass das jetzt Liebe ist, ist nicht schön. Mir ist schwindlig. Leicht übel. Es fühlt sich an wie eine Überraschung. Doch das Verliebtsein hat immer Vorboten. Ich hätte es kommen sehen müssen.

Es beginnt

Ich komme in Lissabon an, habe schlecht geschlafen, ein zerknittertes Gesicht, Ringe unter den Augen. Und sie steht da: strahlend, lachend im dottergelben Morgenlicht und weißblau karierten Sommerkleid. Sie ist schön, denke ich. Aber ich bin zu müde, um genauer hinzusehen. Sie flirtet mit mir, das spüre ich. Sie bestellt Mittagessen, ein kaltes Bier, Kaffee. Sie nimmt mich an der Hand und führt mich einen Hügel nach oben, unter uns liegen schmale Häuser mit bemalten Keramikfliesen, dahinter der Tejo. Langsam kommen wir ins Gespräch.

Sie erzählt auch von den vielen Tausenden Touristen, die jedes Jahr über sie herfallen, die betrunken durch ihre Straßen grölen, die keinen Respekt zeigen, die im Altstadtviertel die wehenden Bettlaken auf den Balkonen gegen Schlüsselkästen an den Eingangstüren ausgetauscht haben. Ich bin anders, will ich ihr zuflüstern, sie lächelt versöhnlich und sagt: „Ich weiß. Wie alle.“

Es wird sinnlich

Wieder nimmt sie mich an der Hand, ich kann gar nicht anders, als ihr zu folgen. Was jetzt folgt, ist Speeddating. Sie zeigt mir alle ihre Ecken im Schnelldurchlauf: die Viertel Alfama und Bairro Alto, ihre alten Geschäfte, die Bücher, Parfum oder Patisserien verkaufen und die LX Factory – ein Künstlerquartier auf einem alten Fabriksareal mit Galerien, Bars, Restaurants und einer Buchhandlung, in der ein rosa Fahrrad von der Decke baumelt. Ein versifft aussehendes Stiegenhaus führt in helle Galerieräume und zu kleinen Boutiquen, die portugiesische Labels verkaufen. In einer alten Ginjinha-Bar stoßen wir mit dem picksüßen Kirschlikör an. Es wird Abend, als wir durch das Viertel Belém spazieren, zum Hieronymitenkloster und zu der Bäckerei, wo die berühmten Pastéis de Nata (nur hier dürfen sie de Belém genannt werden) von Mönchen erfunden wurden. Damit füttert sie mich schon den ganzen Tag. Liebe wird aus Vanillecreme und Blätterteig gemacht. Und ich lasse mich bereitwillig füttern. Sie küsst mir den Zimtstaub aus den kaffeeverschmierten Mundwinkeln. Wir setzen uns ans Wasser neben das Entdeckerdenkmal, schauen auf Prinz Heinrich den Seefahrer und auf die rote Brücke, die so tut, als wäre das hier San Francisco. Und während die Sonne untergeht, halten wir Händchen und ich bin glücklich wie ein Teenager. Jetzt wird es gefährlich. Ich beginne, mich in ihr zu spiegeln. In allem, was sie mir zeigt, sehe ich mich selbst und ein Leben, in dem ich mit viel Liebe und zwei Koffern bei ihr einziehe.

Es wird ernst

Jetzt kann man nicht mehr so tun, als hätte man sich nie gekannt. Ich habe zwei Möglichkeiten: Ich nehme das Ernste ernst und bleibe. Ich stelle mir vor, wie ich jeden Tag Vanilletörtchen frühstücke und jeden Abend auf ihren Straßen mit ihr teile. Oder ich komme zur Einsicht. Der Zweifel ist ein ziehender Schmerz im Nacken. Hat sie sich überhaupt für mich interessiert? Bin ich nicht eine Reisende von vielen, die hier jeden Sommer durchziehen?

Spätabends spaziere ich durch ihre Straßen, die Pflastersteine glänzen, als hätte es geregnet. Ich habe Liebeskummer, obwohl sie mich gerade noch umarmt. „Du hast Saudade, meu amor.“ Dieses Gefühl, das es nur hier gibt. Die ungestillte Sehnsucht nach dem Verlorenen. Unübersetzbare Traurigkeit.

Info

https://visitportugal.comAnreise Flug bei TAP Air Portugal (flytap.com) als kostenloser Stopover möglich, etwa auf dem Weg nach Madeira. Diese Kombi hat z. B. Raiffeisen Reisen im Programm.
bestfortravel.com. CO2-Kompensation via atmosfair.de: 25 €.

Unterkunft Zentral gelegen in einem historischen Viertel: The Emerald House Lisbon. 

1837 wurden in Belém die ersten Pastéis de Belém gebacken. Das originale Rezept ist bis heute unverändert – und geheim.

Auskunft
visitlisboa.com
visitportugal.com

Es geht vorbei

Sie hat sich für die Nacht herausgeputzt, mit warmen Lichtern geschmückt. Die ausgelassenen Menschen auf den vollen Straßen trösten mich. Die portugiesische Fußballmannschaft hat ein Spiel gewonnen. Ich freue mich mit.

Sie führt mich in ein Fado-Lokal. Eine Frau mit kastanienbraunen Locken singt vom Leben einer alten Frau, die ihre Liebe und ihre Jugend verloren hat. Obwohl ich kein Portugiesisch spreche, verstehe ich jedes Wort dieses Liedes in Moll, begleitet von zwei Gitarren. „Fado ist die Anwesenheit der Abwesenheit. Man kann es nicht erklären, man muss es fühlen“, raunt man mir zu. Und ich fühle alles.

Am nächsten Morgen bin ich so ausgenüchtert, dass ich bereit bin, meine Koffer zu packen. Aus dem Flugzeug schaue ich zurück, winke ihr, die mich schon nicht mehr sieht, mir den Rücken zugewandt hat und in ihrem weißblauen Sommerkleid davontanzt.

Ich weiß, dass es nur Liebe für eine Nacht war. Aber immerhin Liebe.

Über Lea Moser

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