Hippokrates-Insel: Diese Heilmittel nutzen Bewohner noch heute
Auf Kos wurde vor 2.500 Jahren der Vater der modernen Medizin geboren. Noch heute sind die Insulaner stolz auf die Weisheit des Hippokrates.
Da kommt er die altehrwürdigen Stufen herunter, wie eine zum Leben erweckte Statue des Zeus. Ein Lorbeerkranz krönt den Mann mit dem weißen Bart und dem Leinen-Umhang. Zu triumphierenden Flötentönen schreitet er die Freitreppe des Asklepieion hinab.
Die Schauspielerinnen schreiten die Freitreppe des Asklepieion hinab.
©Ram Malis / Win SchumacherUm ihn herum tragen Grazien in weißen Gewändern Insignien des Gelehrten: Körbe mit Heilpflanzen, Palmwedel und eine Schriftrolle mit dem berühmten Eid des Hippokrates. Ein bisschen wie dem Göttervater höchstpersönlich wird dem Gelehrten aus dem Altertum auf seiner Heimatinsel Kos noch heute gehuldigt.
Grazien in weißen Gewändern tragen Insignien des Gelehrten.
©Ram Malis / Win SchumacherJahr für Jahr schlüpft ein Schauspieler in der wichtigsten Ausgrabungsstätte von Kos in die Rolle des antiken Arztes. Vor dem Altar des Asklepios, Sohn des Apollon und Gott der Heilkunst, stellt er den Eid des Hippokrates nach. Es ist ein besonderer Tag auch für einige von Griechenlands begabtesten Nachwuchsmedizinern.
Hier feiern sie an einem der wohl symbolträchtigsten Orte der Medizingeschichte gemeinsam mit Promovierenden aus anderen Ländern, Politikern, Würdenträgern und zahlreichen Schaulustigen die Verleihung ihrer Doktortitel. Die Zeremonie zur Feier des hippokratischen Eids wurde erstmals 1952 zu Ehren einiger europäischer Mediziner nachgestellt, die den Ort besuchten, wo vermutlich um 460 vor Christus der berühmteste Arzt der Antike geboren wurde.
Von Kos aus bieten sich Ausflüge auf die Nachbarinseln an. Hier im Bild das fruchtbare Tal von Vathy auf Kalimnos.
©Ram Malis / Win Schumacher„Hippokrates ist für mich einer der zehn Größten der alten Griechen“, sagt Nikolaos Papantoniou. „Bereits vor 2.500 Jahren hat er die westliche Medizin begründet und die Basis für die Bioethik gelegt. Er lehrte: Vor der Medizin sind alle Menschen gleich – egal ob Sklave oder Freier, Mann oder Frau. Seither haben wir das auf einer einzigen Seite: den Eid des Hippokrates“.
Im Botanischen Garten der Internationalen Hippokrates-Stiftung auf Kos, weniger als einen Kilometer Luftlinie von den Ruinen des antiken Heilzentrums entfernt, weist der Gynäkologe, Emeritus der Universität Athen und Leiter der Stiftung, auf einige der mehr als 250 Heilpflanzen hin, die in den hippokratischen Schriften auftauchen. „Dies ist geweihtes Land“, sagt der Arzt.
Nicht nur für Mediziner gibt es viel zu entdecken. Auch Urlauber entfliehen in den Garten der Stiftung vor dem bisweilen unerträglichen Rummel an den Badestränden der Dodekanes-Insel. Im Schatten von Zypressen und Ölbäumen lernen sie etwa, dass die Wurzel der hübschen, veilchenfarben blühenden Alraune bereits im Corpus Hippocraticum als Schmerz- und Narkosemittel empfohlen wird. Wer wusste schon, dass im Altertum Johanniskraut zur Wundheilung, bei Verbrennungen und Gemütskrankheiten eingesetzt wurde? Oder dass schon damals sowohl die Samen des leuchtend gelb blühenden Pfriemenginsters, als auch des Wunderbaums Ricinus communis als Abführmittel benutzt wurden?
Als Hippokrates auf Kos lehrte, stand an der Stelle des Asklepieion wohl nur ein kleiner Tempel für Apollon. Erst nach seinem Tod wurde aus der Kultstätte ein Heilzentrum mit imposanter Kuranlage, zu der über Jahrhunderte Menschen aus dem gesamten östlichen Mittelmeerraum pilgerten. Hier erhofften sie sich Heilung von allerlei Krankheiten. Ab 1901 wurde sie von dem deutschen Archäologen und Altphilologen Rudolf Herzog ausgegraben. Heute ist die imposante Terrassenanlage mit einer wieder errichteten korinthischen Säulenreihe eine der meistbesuchten Touristenattraktionen der Insel. Die meisten Touristen kommen einzig für einen Badeurlaub auf die drittgrößte Dodekanes-Insel nordwestlich von Rhodos.
Doch wer sich auf die Spuren von Hippokrates begibt, macht überall heilsame Entdeckungen und kommt mit Einheimischen ins Gespräch, die noch heute augenfällig stolz auf den berühmtesten Spross ihrer Insel sind. Gesundheitstourismus auf Kos im Sinne des Vaters der Medizin muss dabei keineswegs restriktiv und enthaltsam ausfallen.
„Schon Hippokrates lobte den Wein“, sagt Michalis Skevofilax. „Für ihn gehörte er zu einer gesunden Lebensweise genauso wie eine ausgewogene Ernährung“. Der 38-jährige Winzer zeigt gerade Touristen, die für eine Weinprobe gekommen sind, das Weingut Ktima Akrani. Hinter den Rebenreihen ragt das Dikeos-Gebirge in den blauen Nachmittagshimmel. „Der Wein ist ein Ding, in wunderbarer Weise für den Menschen geeignet, vorausgesetzt, dass er, bei guter und schlechter Gesundheit, sinnvoll und in rechtem Maße genossen wird“, soll Hippokrates gesagt haben. Skevofilax pflichtet ihm bei: „Es kommt nicht von ungefähr, dass man sagt, Rotwein in Maßen sei gut für das Herz“.
Hippokrates sah Wein als Heilmittel – damit kann Winzer Michalis Skevofilax gut leben.
©Ram Malis / Win SchumacherAlter Wein und junge Winzer
Der Koios Enos genannte Wein, der zu Lebzeiten von Hippokrates auf Kos angebaut wurde, soll weit über die Insel hinaus begehrt gewesen sein. Dennoch ist die Weinindustrie auf der Insel noch jung. In osmanischer Zeit war der Weinbau fast vollends verschwunden. Das erste Weingut wurde erst 1929 wiedereröffnet, nachdem die Insel unter italienische Herrschaft geriet. „Heute beginnen sich auch immer mehr junge Leute für den Weinbau zu interessieren und öffnen kleine Boutique-Weingüter“, sagt Skevofilax. „Kos will weg vom Massentourismus und der gerade erst einsetzende Wein-Tourismus scheint in die richtige Richtung zu weisen.“ In einer der Tavernen fernab der großen Strandresorts munden die auf Kos gekelterten Assyrtiko-, Malagouzia- und Mavrothiliko-Weine besonders, etwa im Bergdorf Zia. Bei Sonnenuntergang hat man von dem Ort am Hang des 846 Meter hohen Dikeos eine einmalige Weitsicht über Pinienwälder, Obsthaine, Weinberge und Inselchen bis zur nahen türkischen Küste bei Bodrum.
„Eure Nahrung sei eure Medizin, und eure Medizin sei eure Nahrung“, soll Hippokrates seinen Patienten einst mitgegeben haben. Die Einwohner auf Kos scheinen sich dies zu Herzen zu nehmen. „Meine Großmütter wurden 94 und 95 Jahre alt“, sagt Giannis Papadimitriou, „Die älteren Menschen hier schwören dabei auf einen Teelöffel Olivenöl an jedem Morgen“. Papadimitrious Familie betreibt nahe der Inselhauptstadt Kos die älteste Olivenölfabrik der Insel. Wer dem Olivenbauern durch die nahen Ölbaumhaine folgt, lernt viel über das flüssige Gold Griechenlands und seine unterschiedlichen Sorten und Anwendungen.
Ganz im Westen der Insel nahe der Ausgrabungen vom Astypalaia, der antiken Inselhauptstadt, wo Hippokrates der Tradition nach geboren wurde, erfüllt das Summen der Bienen den späten Nachmittag. Die Kefalos-Halbinsel ist neben dem Dikeos-Gebirge der wohl einzige Ort, wo Wanderer selbst in der Hauptsaison dem Touristenansturm entkommen können. Mehr Stille findet dann nur noch, wer sich auf die kleineren Nachbarinseln wie Kalimnos, Tilos oder Nisiros übersetzen lässt.
„Unser Honig stammt von all den Inseln ringsum“, sagt Dionysia Anthouli. „Dort sammeln die Bienen Pollen von wilden Kräutern wie Oregano, Salbei und Lavendel“. Mehr als sechshundertfünfzig Bienenstöcke beliefern das Familienunternehmen Melissa der 48-jährigen Insulanerin, die bereits in dritter Generation Honig vertreibt. Bereits Hippokrates wusste vom Honig als Allheilmittel, empfahl Fieberkranken seine Wirkung in Salben und olympischen Athleten Honigwasser gegen Erschöpfung.
Imkerin Dionysia Anthouli ist Herrin über mehr als sechshundertfünfzig Bienenstöcke.
©Ram Malis / Win SchumacherIn seinem Geiste schwört Dionysa Anthouli auf Pinienhonig bei Entzündung der Atemwege und bei Lungenkrankheiten, auf den aromatischen Thymianhonig bei Halsschmerzen und Hautausschlägen sowie den vor allem auf Heidekraut basierenden Winterhonig bei Blasenerkrankungen.
Gesundheit geht auf Kos jedoch längst nicht allein durch den Magen. Ganz im Südosten der Insel, wo das Dikeos-Gebirge schroff in das Ägäische Meer fällt, kann man an kühlen Abenden vor allem außerhalb der Hauptsaison Einheimische beobachten, die in einem kleinen Naturpool am Strand planschen. Die im Sommer von Touristen belagerte Embros-Therme wird von einer heißen Quelle gespeist und erinnert daran, dass nur einen Bootsausflug entfernt auf der kleinen Insel Nisiros noch immer ein Vulkan brodelt. Einige Badende wechseln dabei immer wieder in das angrenzende Meer. Die Einheimischen schreiben dem Thermal- und dem Meerwasser von Kos heilende Wirkung zu.
„Für Hippokrates spielte Wasser als ein Heilmittel eine wichtige Rolle“, sagt Anna Grigoriadis. Die mit einem Griechen verheiratete Deutsche leitet den Elixir Spa des Luxme Kos Imperial unweit des Therma-Strands. Das Resort bietet seinen Gästen Thalasso-Anwendungen und Therapien an, die von den Körperpflege-Ritualen im alten Griechenland inspiriert sind. Die Beobachtung, dass die Wunden an den Händen von Fischern durch das Meerwasser schneller verheilten, soll Hippokrates dazu bewegt haben, Infektionen mit Salzwasser-Umschlägen und -Bädern zu behandeln. „Ich bin in Istanbul am Bosporus geboren, habe lange am Tegernsee gelebt und lebe nun schon seit siebenundzwanzig Jahren in Griechenland“, sagt sie. „Wasser ist ein Teil von mir und wir möchten, dass unsere Gäste seine heilende Kraft erfahren“. In Bayern arbeitete sie eine Zeit lang in Bad Wörishofen und lernte dort die Kneippsche Wasserkur kennen. „Im Grunde hat Kneipp nur gelehrt, was Hippokrates längst wusste“, sagt sie.
Erika Mastorou mit Pferd und Kind.
©Ram Malis / Win SchumacherHippotherapie am Strand
Auch Erika Mastorou wähnt sich bei ihren Therapien in den Fuß- oder besser gesagt in den Hufspuren von Hippokrates, dessen Name im Deutschen so viel wie „Kraft des Pferdes“ bedeutet. In ihrem Reitstall nahe des Marmari-Strands bietet die Hippotherapeutin für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen und Autismus-Spektrum-Störungen physio- und psychotherapeutische Behandlungen auf und mit Pferden an. „Erst während meiner Ausbildung wurde mir bewusst, dass Hippokrates gewissermaßen der erste Pferdetherapeut war“, sagt Mastorou. „Er empfahl Kriegsverletzten das Reiten, um an Körper und Seele zu gesunden.“ Auch für Urlauber bietet die in Australien aufgewachsene Griechin Reitausflüge an. „Kos auf dem Pferd zu erkunden, kann für jeden wie eine Therapie wirken.“
Von Mastorous Reitstall trägt das Pferdchen den Urlauber an den Salzsee von Tigaki, wo sich bisweilen kleine Grüppchen von Flamingos sammeln. Von dort geht es weiter durch wogendes Strandgras ans Meer. Möwen kreischen. Seevögel steigen ins letzte Blau auf, während die Sonne im Ägäischen Meer versinkt. Bald werden die Hufe von sanften Wellen umspült. Die Reitausflügler kehren mit dem letzten Tageslicht und einem Lächeln im Gesicht zurück. Sie geben Mastorou recht und schätzen sich glücklich, dass sie ihren Kos-Urlaub nicht allein an überfüllten Stränden verbracht haben. Wie sagte schon der alte Hippokrates: „Der Arzt behandelt, die Natur heilt.“ Und noch etwas hat sie der Urmediziner auf Kos gelehrt: „Heiterkeit entlastet das Herz“.
Info
Anreise
Austria Airlines fliegt in der Sommersaison direkt von Wien nach Kos, auch Condor und Ryanair bieten saisonal Nonstop-Flüge an. -Kompensation via atmosfair.de: 18 €.
Alternativ ist eine Anreise auch mit der Fähre ab Piräus (ferries.gr) möglich. discovergreece.com
Unterkünfte
– Das Strandresort Luxme Kos Imperial im Osten der Insel liegt unweit des Psalidi-Schutzgebiets und der Embros-Therme. Sein Elixir Spa setzt auf von Hippokrates inspirierte Treatments.
– Das Casa Paradiso am Marmari-Strand lockt Familien mit Kids Club und in eine Gartenlandschaft eingebetteten Pools. grecotel.com
Veranstalter
Select Luxury stellt individuelle Reisen auf die Dodekanes-Inseln und zu anderen Zielen in Griechenland zusammen. select-luxury.travel
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