Auferstehung nach dem Erdbeben: Diese Stadt ist noch ein Italien-Geheimtipp
Von Safran, Lifestyle und viel Wasser. Zu Besuch in der Abruzzen-Hauptstadt L´Aquila.
von Christina Höfferer
Sieben Uhr früh, Piazza Regina Margherita, ein quadratischer Platz im Goldenen Schnitt, in der Mitte gurgelt der Neptun-Brunnen. Das Wasser sprudelt aus weißem und zartrosa Stein. L’Aquila ist la città delle acque, die Stadt des Wassers. In der Bar La Dolce Vita serviert die gut gelaunte Barista duftenden Cappuccino und resche Cornetti ai Frutti di Bosco – Croissants mit Waldbeeren-Marmelade. „L’amore disperato“, der 80er-Hit von Nada, tönt fröhlich aus den Lautsprechern. Die hellgrau getünchten Wände ziert ein großes Bild, es zeigt Marcello Mastroianni und eine Frau. Mastroianni und sein Lieblingsregisseur Federico Fellini kamen oft für einen Tapetenwechsel aus dem 120 Kilometer entfernten Rom nach L’Aquila, in die Hauptstadt der Region Abruzzen.
Heuer legt sich die Stadtverwaltung ganz besonders ins Zeug. L’Aquila ist Kulturhauptstadt Italiens. „Das Erdbeben von 2009 hat uns alle schwer getroffen“, sagt der Bürgermeister Pierluigi Biondi, „meine erste Tochter ist in einer Notunterkunft geboren worden.“ 2009 hat das Erdbeben mit einer Stärke von 5,9 auf der Richterskala die Stadt verwüstet. „Wenn wir jetzt italienische Kulturhauptstadt sind, so ist das ein weiterer Meilenstein, um den herum wir das soziale Gefüge unserer Gemeinschaft zukunftsweisend aufbauen können“, sagt Biondi. Inzwischen sind 98 Prozent der privaten und 60 Prozent der öffentlichen Gebäude wieder hergestellt. Die Gemeinde hat heuer für Kultur, Großausstellungen, Events und Sanierungsmaßnahmen ein Budget von sechzehn Millionen Euro zur Verfügung. Biondi regiert von seinem Büro im Palazzo Margherita aus. Der Palast wurde errichtet, um den Hof von Margarete von Österreich würdig zu beherbergen. Im 16. Jahrhundert war die Habsburgerin, eine Tochter Karls V., Königin in L’Aquila.
Blick auf die Spanische Festung.
©Francesco ColantoniStadt mit Geschichte
Die Sehenswürdigkeiten der auf siebenhundert Metern Höhe liegenden, knapp 70.000 Einwohner zählenden Stadt zeigt Gianluca Giappo. Er ist ein kreativer Kopf, der es versteht, ein eigenes Business in seiner Heimat zu betreiben. Eine Zeitlang färbte er Sneakers mit aquilanischem Safran ein und brachte sie unter die Leute. Heute widmet er sich dem Storytelling. Die Geschichte und den Lifestyle von L’Aquila vermittelt er in Führungen.
I_am_giappo: Unter dem Label teilt der Aquilaner Gianluca die Liebe zu seiner Stadt.
©Gianluca GiappoWundermittel Safran
„Im 16. Jahrhundert war L'Aquila dank der Produktion von Safran und Wolle die zweitwichtigste Stadt im Königreich Neapel“, erzählt Giappo, „der gesamte in der Region geerntete Safran wurde hier gelagert und verkauft, doch mit der Ankunft der spanischen Besatzer verlor die Stadt unter der Steuerlast an Einfluss.“ Die neuen Abgaben trafen die Safranproduzenten am härtesten. Eingeführt haben soll den Safran in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts ein Dominikanerpater namens Santucci, und zwar aus Spanien. Santucci soll von der iberischen Halbinsel heimlich eine große Menge an Krokuszwiebeln nach L’Aquila geschmuggelt haben, was von den Spaniern unter Androhung von Gefängnis- oder sogar Todesstrafe verboten war. Der Einsatz des Dominikanerpaters traf auf fruchtbaren Boden im Mikroklima der Region L’Aquila. Der aus den Krokuszwiebeln gewonnene Abruzzen-Safran erwies sich gegenüber dem spanischen als weitaus überlegen. Für ein Gramm Safran werden 150 bis 180 Blüten benötigt, für ein Kilo 200.000. Ein Kilo kostet 26.000 bis 30.000 Euro.
„Früher wurde Safran nicht gegessen“, weiß Gianluca, „Safran war Gold wert, er wurde Mädchen, die heirateten, als Mitgift mitgegeben. Safran wurde gegen Menstruationsbeschwerden, Zahnschmerzen und zur Konservierung von Lebensmitteln eingesetzt.“ Heute wird wieder Safran rund um L’Aquila angebaut. „Der Zafferano DOP dell’Aquila wird in den frühen Morgenstunden mit der Hand gesammelt und gesäubert.“ Die Wirkkräfte des Safrans sind vielseitig. „Schon Königin Kleopatra hat den Safran als Schönheitsmittel eingesetzt“, sagt Fiorella Bafile, die die Marke Tindora, Kosmetik aus Safran, betreibt.
Der berühmteste Brunnen und das Wahrzeichen der Stadt ist die Fontana delle 99 Cannelle im Park der Villa Comunale. Aus 93 steinernen Gesichtern strömt das Wasser. Dazu kommen sechs Cannelle, so heißen die Brunnenrohre, ohne Gesicht, sie symbolisieren die Wunden Christi. Die Zahl 99 ist mit der Stadtgeschichte verbunden. Laut der Gründungslegende schlossen sich im 13. Jahrhundert 99 Dörfer zur Stadt L’Aquila zusammen, um sich der Willkür ihrer Feudalherren zu erwehren.
Der berühmteste Brunnen und das Wahrzeichen der Stadt ist die Fontana delle 99 Cannelle im Park der Villa Comunale.
©Christina HöffererDie neue Toskana?
Voll mit historischen Informationen zieht es einen zur Einkehr in die schön gestaltete Bar der Fratelli Nurzia auf der Piazza Duomo. Hier wird seit 1835 der Weiche Torrone von L’Aquila produziert, eine süße Spezialität der Stadt. Dazu passt gut ein erfrischendes Glas Ciccone. Das berühmteste Mitglied der Familie, Madonna Louise Ciccone, hat von New York aus eine steile Weltkarriere hingelegt. Die Azienda Agricola Vinicola Ciccone produziert ihren Perlwein nach der méthode champenoise, Champagner aus den Abruzzen.
Abendessen im Restaurant Le Antologie: zart gebratene Mini-Zucchini mit Minze, eine Suppe aus Endiviensalat, Baccalà mit Humus und roten Rüben und zum Abschluss fantastisches Zitronensorbet. Auch Marianna Colantoni, die Präsidentin der Territorial Development Group von L’Aquila hat sich zum Essen in Le Antologie eingefunden: „Basta Overtourism!“, sagt Colantoni, „uns geht es um Zeit, Authentizität und Begegnungen. Wir sind die neue Toskana. Wir sind authentisch.“ Sie hat in Rom Kommunikationswissenschaften studiert, doch sie zieht das beschauliche Leben in ihrer Heimatstadt jenem in der Hauptstadt vor.
Info
Anreise:
Mit dem Auto ist L´Aquila in eineinhalb Stunden von Rom aus zu erreichen. Das Veranstaltungsprogramm der Kulturhauptstadt L´Aquila findet sich auf der Webseite laquila2026.it und wird laufend aktualisiert.
Morgens: Bar La Dolce Vita Piazza Regina Margherita 4
Abends: Le Antologie Via Vetusti, 15 Telefon: +39 389 468 3499 Bottiglieria Lo Zio, Piazza Regina Margherita 4
Wohnen: Sehr empfehlenswert ist mitten im historischen Zentrum das B&B Casa Horti, Corso Vittorio Emanuele 166 casahorti.com
Safran:
- Ramo di Mandorlo
- Tindora Cosmetics
- Via Saragat snc 67100 L'Aquila (AQ)
Beim Verdauungsspaziergang trifft sich das pulsierende Leben im Centro Storico von L’Aquila. Der Donnerstag ist der stärkste Ausgehtag, denn L’Aquila ist auch eine Universitätsstadt. Bevor die Studierenden fürs Wochenende nach Hause zu ihren Familien fahren, streifen sie durch die Straßen des Zentrums, plaudern, essen und trinken. Wieder lockt die Piazza Regina Margherita, jetzt ist es die Bottiglieria Lo Zio, die ihre Pforten für die Nachtschwärmer geöffnet hat. Diese erfüllen den ganzen Platz. Ein wohltuendes Gewusel von Italianità.
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