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Rihanna und Co: Barbados, die Insel der starken Frauen

Kein Land wird derzeit länger von einer Premierministerin regiert als Barbados. Doch nicht nur in der Politik haben auf der tropischen Insel oft die Frauen das Sagen.

Sie wolle die Männer gar nicht herabsetzen, sagt Künstlerin Vanita Comissiong. „Aber diejenigen, die hier die Verantwortung auf ihren Schultern und die Kontrolle haben, sind nun mal häufig Frauen.“ Wer am frühen Morgen über den Fischmarkt von Oistins im Süden des karibischen Inselstaats schlendert, kann auf Anhieb beobachten, was die barbadische Malerin in zahlreichen ihrer Bilder mit expressionistischer Farbwucht festgehalten hat: eine von Frauen bewegte Insel. „Die Frauen am Markt und am Straßenrand, die viele leicht übersehen – ich fühle mich von ihnen angezogen“, sagt die 62-Jährige. „Ich sehe ihre Gesichtsausdrücke, ihre Stärke und ihr Selbstbewusstsein. Wir haben eine sehr matriarchalische Gesellschaft.“

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Vanita Gopwani Comissiong malt das karibische Leben in all seinen Facette

©Daniel Heß

Barbados hat derzeit die am längsten amtierende Regierungschefin der Welt. Auch die stellvertretende Regierungschefin ist eine Frau: Santia Bradshaw. Und selbst im Alltag scheinen auf der östlichsten Insel der Kleinen Antillen Frauen augenscheinlicher als anderswo die Dinge in die Hand zu nehmen. Der Fischmarkt in Oistins gibt auch Touristen einen ersten lebhaften Eindruck davon: Fischerinnen in dottergelben, scharlachroten und orangefarbenen T-Shirts bieten nicht nur Blauen Marlin, Goldmakrelen und speziell zubereitete Fliegende Fische feil.

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Wer das Karibik-Klischee sucht, wird  bei den Kokospalmen in der Bottom Bay fündig.

©Daniel Heß

Matriarchat der Fischerinnen 

Frauen sind hier nicht nur Verkäuferinnen. Sie sind ganz selbstverständlich auch Unternehmerinnen und Geschäftsführerinnen. Etliche behaupten hier ihre eigenen Betriebe manchmal schon seit mehreren Generationen. Männer brauchen viele dafür nicht. Auf Barbados nennt man das auch das Fischerinnen-Matriarchat. In der Forschung wird diskutiert, ob die in der Karibik teilweise noch immer erhaltene Vormachtstellung von Frauen in Teilen der Gesellschaft auch auf matriarchalische Traditionen in Westafrika zurückgeht. Von dort wurden über Jahrhunderte Sklaven auf die Antillen verschleppt.

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Auch auf den Fischmärkten packen auf Barbados vielerorts Frauen die Dinge an.

©Daniel Heß

In vielen von Comissiongs üppig bunten Bildern spielen Frauen verschiedener gesellschaftlicher Hintergründe die Hauptrolle: Ob als Marktverkäuferinnen, Tänzerinnen oder Matriarchinnen, die wie Göttinnen auf Kanapees thronen – in ihren Gemälden bestimmen oft Frauen den Rhythmus, ganz wie auf der Heimatinsel der Künstlerin. „Frauen haben hier ihre eigenen Häuser, die Hypotheken, die gewichtigen Jobs und sie fahren die großen Autos“, erzählt Comissiong. „Man muss sich nur umschauen: Wer bestimmt in den Haushalten, an den Universitäten, in der Kultur: Frauen. Barbados kann sich glücklich schätzen.“

2021 wurde Barbados zur Republik und Queen Elizabeth II. als Staatsoberhaupt von Sandra Mason, der ersten Präsidentin von Barbados, abgelöst, die ihr Amt nach der regulären Laufzeit von vier Jahren im November 2025 einem Mann übergab. Die meisten Touristen besuchen die Insel für einen Strandurlaub. Wer sich jedoch auf die Spuren ihrer starken Frauen in Politik, Gesellschaft und Kultur begibt, macht überraschende Entdeckungen. Und kommt überall mit Einheimischen ins Gespräch, die stolz sind auf ihr von Frauen regiertes und bewegtes Eiland.

Gerade sind auch junge Frauen zwischen zwanzig und vierzig Jahren in der Kunst federführend. „Sie nutzen ihre Leinwände, Skulpturen und Installationen auch für die MeToo-Bewegung und ähnliche Anliegen ihrer Generation“, sagt Comissiong.

Auf der Forbes-Liste

Mia Amor Mottley ist seit 2018 nicht nur die derzeit am längsten amtierende Premierministerin, sie wurde in den vergangenen Jahren auch mehrmals in Folge auf der Forbes-Liste der 100 mächtigsten Frauen der Welt geführt. Auch auf dem internationalen Parkett ist sie seit Langem eine geschätzte Persönlichkeit und besonders für ihren Einsatz für den Klimaschutz bekannt. „Es gibt noch immer Männer, die Frauen nicht an der Spitze ihres Landes sehen möchten“, weiß Comissiong, „aber Mia Mottley hat mit dieser männerdominierten Politik gebrochen und das hätte sie schon zehn Jahre früher tun können. Sie bekommt noch immer viel Gegenwind, aber das scheint an ihr völlig abzuperlen.“

Mit Kakao in die Zukunft

Die sechzigjährige Premierministerin verfolgt für Barbados das hehre Ziel, bis 2030 CO2-neutral zu werden. Dabei wird sie gerade von jungen Barbadierinnen unterstützt. Weg von einer von Exporten abhängigen Republik hin zu erneuerbaren Energien und Selbstversorgung – bis dahin ist es jedoch noch ein weiter, steiniger Weg.

In Coco Hill Forest im Inselinnern, fernab belebter Strände, können sich auch Urlauber ein Bild davon machen, wie Barbados mit ambitionierten Umwelt- und Agrarprojekten eine ökologisch wegweisende Zukunft anstrebt. Eine Gruppe von neun jungen Frauen und einem Mann ist dabei, Kakaosetzlinge im Coco Hill Forest zu pflanzen. Die Studierenden unterstützen als Freiwillige ein Projekt, das mit dem ökologischen Anbau verschiedener Nutzpflanzen ein Modell für eine neue Landwirtschaft schaffen will – allen Widrigkeiten zum Trotz.

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Studentinnen helfen freiwillig beim Aufforstungsprojekt im Coco Hill Forest.

©Daniel Heß

Jahrhundertelange Dominanz von Monokulturen, allen voran von Zuckerrohrfeldern, hat die Böden der Insel stark degradiert. Zudem vernichten invasive Arten wie einst aus Westafrika eingeführte Grünmeerkatzen, eine Affenart, oft große Teile der Ernte. Auch der Klimawandel macht vielen Farmern zu schaffen. „Junge Leute sehen hier, wie die Klimakrise die gesamte Karibik beunruhigt“, meint Ashley Lashley, „und gerade junge Frauen spüren, dass sie Frauen oft noch mehr als Männer trifft.“

Zuerst bei Miss World-Wahl, nun Aktivistin

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Ashley Lashley vertrat Barbados bei einer „Miss World“-Wahl. Nun ist sie Aktivistin.

©Daniel Heß

Die 26-Jährige vertrat Barbados vor sieben Jahren bei der Miss-World-Wahl und nutzte den Moment, um Jugendliche für einen Einsatz für die Umwelt und soziale Themen zu begeistern. Als UNICEF-Jugendsprecherin und Aktivistin ist sie heute in der Karibik und weltweit unterwegs. „Frauen in Führungspositionen wie Mia Mottley, aber auch andere weltweit prominente Frauen wie Rihanna ermutigen mich, Initiative zu ergreifen und meine eigenen Grenzen zu sprengen. Wir sind eine kleine Insel, aber mit unseren dynamischen Frauen an der Spitze zeigen wir der Welt, dass wir ambitionierte Ziele erreichen können“, ist sie überzeugt.

Eine weitere Frau bestimmt seit Jahren das Bild von Barbados in der Welt: Rihanna. Als Weltstar, Unternehmerin und erste Self-Made-Milliardärin auf der Forbes-World’s-Billionaires-Liste, blieb sie trotz ihrer internationalen Karriere ihrer Heimatinsel eng verbunden, unterstützte wiederholt Mia Mottley und wurde im Jahr der Republikgründung zur Nationalheldin erklärt.

Rihanna ist „eine von uns“

Die meisten Barbadier sind leidenschaftliche Verehrer von Rihanna, auch Passa Austin. „Sie ist eine Frau mit unglaublicher Kraft und Ausstrahlung“, sagt ihr ehemaliger Nachbar im Bridgetowner Hafenviertel. „Gleichzeitig ist sie aber ganz die Alte und hat keinerlei Allüren. Wenn sie hier vorbeikommt, ist sie für uns nicht Rihanna, sondern einfach nur Robyn, wie sie eigentlich heißt. Einfach eine von uns.“

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Das Häuschen, in dem Sängerin und Schauspielerin Rihanna aufwuchs, ist heute ein Airbnb und beliebtes Touristenziel.

©Daniel Heß

Der 64-Jährige hat direkt gegenüber des Häuschens, in dem der spätere Superstar aufwuchs, eine Bar eröffnet. „Hier saß sie oft auf der Stufe und passte auf ihre Landschildkröte auf. Ein ganz normales Mädchen. Sie schaut noch immer ab und an vorbei. Dann verteilt sie auch mal Geldgeschenke an die Nachbarn“, berichtet Austin. Die Straße mit ihren bunten Hausfassaden wurde inzwischen in „Rihanna Drive“ umbenannt. In Austins Bar können Fans der Sängerin nun bei einem Rum Punch in Begeisterung für ihr Idol schwelgen, während „Diamonds“ und „We found Love“ über den Tresen schallen.

Info

Anreise
Zum Beispiel mit Austrian Airlines oder Condor über Frankfurt nach Barbados. C02-Kompensation (atmosfair.de): 110 €

2021 Seit dem Jahr ist die ehemalige britische Kolonie eine Republik. visitbarbados.org

Individuell Reisen Geoplan Privatreisen stellt individuelle Reisen zusammen. geoplan-reisen.de

Unterkünfte
– Im „O2 Beach Club“ entspannt man mit Blick auf einen weißen Sandstrand unter Palmen im  Strandort Saint Lawrence Gap. oceanhotelsbarbados.com 
– Die „Ocean Spray Apartments“ sind eine preiswerte Alternative zu den großen Strandresorts. oceansprayapartments.co

„Wir haben Mia Mottley und natürlich Rihanna“, sagt Patricia Affonso-Dass. Sie leitet die Ocean Hotels, eine kleine familiengeführte Gruppe mit drei Hotels und mehreren Restaurants und ist eine von unzähligen Frauen, die im Tourismus der Insel Führungspositionen innehaben. 2024 wurde sie vom karibischen Hotel- und Tourismus-Verband CHTA als „Caribbean Hotelier of the Year“ ausgezeichnet. „Als ich in der Reiseindustrie begonnen habe, waren Frauen vor allem im mittleren Segment zu finden. Jetzt aber findet man sie immer mehr in führenden Positionen“, ordnet Affonso-Dass ein.

Die kleine Hotelgruppe wirbt auch offen um LGBTQIA+-Urlauber. In der Karibik ist das keineswegs selbstverständlich. Auf vielen Urlaubsinseln der Antillen herrschen noch immer Gesetze, die homosexuelle Handlungen verbieten und teils hart bestrafen. Barbados gehört seit 2022 nicht mehr dazu. Unter Sandra Mason und Mia Mottley wurde das Strafgesetz gegen homosexuelle Handlungen abgeschafft.

„Wir sind noch immer eine konservative Gesellschaft und Veränderungen brauchen ihre Zeit“, sagt Affonso-Dass. „Aber zumindest das Barbados, das ich kenne, ist offen und großherzig. Ich war früher auch oft die einzige Frau im Raum, habe aber nie Vorurteile gegen mich erlebt. Hier ist man einfach respektvoll mit dem Gegenüber, ganz egal, welches Geschlecht, welche sexuelle Orientierung und welche Hautfarbe er oder sie hat.“

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