Biathlon-Arena in Antholz, Italien.

Antholz vor Olympia 2026: Lokalaugenschein im Biathlon-Mekka

Das Antholzertal im Schatten des Hochgalls ist ein Austragungsort von „Milano Cortina 2026“. Das um 52 Millionen Euro ausgebaute Biathlon- Stadion tut aber manchem weh.

Vielleicht liegt es ja daran, dass der direkte Weg von Osttirol über den Staller Sattel, ein bei Motorradfahrern beliebter Kurvenparcours, von Ende Oktober bis Mitte Mai gesperrt ist. Wenn man aus Österreich kommt, muss man einen ziemlichen Umweg über Innichen nehmen. Im Winter gibt es daher keinen Durchzugsverkehr. Und so führt das malerische Antholzertal ein Schattendasein neben dem Puster- und Grödnertal. Lange Zeit gab es, außer der Landschaft mit den Dreitausendern rund um den Hochgall, keinen Grund, hier Urlaub zu machen.

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Die Passstraße ist im Winter gesperrt: Den Antholzer See kann man nur zu Fuß umrunden.

©Thomas Trenkler

Paul Zingerle, eigentlich Lehrer, wollte in den 1960er-Jahren den Wintertourismus nach Antholz holen. „Er war ein Visionär und hatte zunächst die Idee eines Gletscher-Skigebiets“, erzählt der Sportstättenchef Lorenz Leitgeb. „Rückblickend war es eh gut, dass daraus nichts geworden ist. Dann kam er mit dem Biathlonsport in Kontakt.“

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Lorenz Leitgeb managt die Arena.

©Thomas Trenkler

Bis zum Zweiten Weltkrieg gab es Biathlon nur beim Militär. Erst 1954 wurde die Kombination aus Laufen und Schießen vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) als eigenständige Sportart anerkannt. Zingerle erfuhr zufällig davon, dass die italienische Nationalmannschaft in der Nähe von Sterzing trainieren würde. „Er hat sie nach Antholz eingeladen. Und schon bald danach, 1971, haben unter der organisatorischen Leitung von Zingerle die ersten Wettkämpfe stattgefunden.“ Den Zuschlag für die Ausrichtung einer Biathlon-Weltmeisterschaft erhielt das Antholzertal erstmals 1975. Zwei Jahre später führte Zingerle, nun auch Hotelier, zusammen mit dem damaligen DDR-Trainer Kurt Hinze den Biathlon-Weltcup ein: Die Freunde bastelten ein Reglement, kauften einen fünfundzwanzig Kilogramm schweren Pokal und vergaben ihn anlässlich der „Internationalen Biathlon-Woche“. Ein Jahr später wurde der Weltcup offiziell eingeführt.

Bis dahin schoss man mit Großkalibergewehren auf lange Distanzen: „Da wurde der Schießstand auf dem zugefrorenen Antholzer See aufgebaut. Mit dem Umstieg auf die Kleinkaliberwaffe und eine Distanz von 50 Metern wurde Biathlon sportlicher und auch interessanter für die Zuschauer“, erklärt Leitgeb. Er leitet seit 2016 das Biathlon-Stadion in Antholz Obertal auf 1.600 Metern unterhalb des Sees. „Wir hatten seither 46 Weltcup-Events und sechs Weltmeisterschaften, die letzte im Jahr 2020. Und jetzt erwartet uns das Highlight – mit den Olympischen Spielen.“

Weil das IOC die Devise ausgab, in erster Linie bestehende Sportstätten zu nutzen, finden die Wettkämpfe von 6. bis 22. Februar nicht nur in Mailand und Cortina d’Ampezzo statt, sondern auch in Livigno, Bormio, Predazzo, Tesero – und eben Antholz. Das Obertal ist längst das größte Biathlon-Zentrum von Italien – vergleichbar mit Hochfilzen, Ruhpolding, Oberhof und dem Holmenkollen. Und für die Olympischen Spiele wurde das „Naturstadion“ noch einmal ausgebaut. Was Leitgeb aber etwas anders ausdrückt: „Wir haben uns über die Jahre immer weiterentwickelt. Und die neuen Verbesserungen in die Infrastruktur haben wir eigentlich für die Zeit nach den Spielen gemacht. Einfach, um die Zukunft zu sichern.“

„Noch attraktiver“

Was ihm ganz wichtig ist: Weil das Stadion in einem Naturschutzgebiet liegt, hätte man sich bei den Baumaßnahmen auf die Ausdehnung des bisherigen Areals beschränkt. Neu hinzu kam ein eigener Trakt mit Reporterkabinen, Waffenkammer, Werkstätten (fürs Wachsen), Photovoltaikanlage und Wärmepumpe. Und im Stadion selbst gibt es nun eine Art Achter: „Wir hatten bisher einen gefährlichen Kreuzungspunkt. Zudem ist die neue Wegführung fürs Publikum noch attraktiver, weil es die Athleten viel länger sieht.“

Die Beschneiungsanlage für die Loipe ist komplett neu, neu ist auch der Speichersee. Insgesamt hat die öffentliche Hand 52 Millionen Euro investiert. Eine Summe, die manchem sauer aufstößt. Denn natürlich sticht das Stadion mit der riesigen Tribüne für 13.800 Besucher ins Auge (hinzu kommt noch eine weitere bei der Huber Alm für deren 6.000). Felix Neureuther, der deutsche Ex-Slalom-Läufer, übte in seiner Doku „Spiel mit den Alpen“ (2024) massiv Kritik – nicht nur an den neuen Sprungschanzen in Predazzo. Zumal: So viele Biathlon-Athleten gibt es nicht. Auch wenn die Antholzer bemüht sind, den Sport populärer zu machen: „Es gibt Schnupperkurse. Und wir bieten auch Laserschießen an, das ist total ungefährlich.“

„Duftende Wälder“

Im Obertal muss man aber nicht zwingend mit dem Gewehr durch die Winterlandschaft hirschen, man kann in der „unberührten Natur“ (so der Werbesprech) mit den „duftenden Wäldern“ auch nur langlaufen. „Wenn man alles zusammenzählt, kommen wir auf siebzehn Kilometer Loipe“, sagt Leitgeb. „Und wenn genügend Schnee liegt, kann man fünf oder sechs Kilometer durchs Tal laufen – reine Abfahrt bis nach Antholz Mittertal.“

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Findige Antholzer: Bachmann entwickelte fürs Biathlon-Gewehr einen Karbon-Schaft.

©Thomas Trenkler

Dort hat eine zentrale Figur ihren Firmensitz: Rudolf Bachmann. Der Kunstschmied, 1962 geboren, suchte immer wieder nach neuen Herausforderungen. Er begann, Alphörner zu bauen – und schaffte es mit ihnen in die Scala von Mailand. Aber der Absatzmarkt ist minimal, Bachmanns Interesse verlagerte sich auf akustische Gitarren. Er kündigte, stellte bei Fachmessen aus und fiel durch die Qualität der Hölzer auf: Instrumentenbauer baten ihn, sie mit Fichten- und Ahornholz für Geigen, Bratschen, Kontrabässen und so weiter zu beliefern. Bachmanns Vater war Waldarbeiter gewesen, und so erkannte er mit einem Blick, welche Stämme geeignet sind.

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In Antholz Mittertal hat Rudolf Bachmann sein riesiges Holzlager: für Ausbesserungen an Geigen, Bratschen und Kontrabässen.

©Thomas Trenkler

Anfangs schlägerte er die ausgesuchten Bäume noch selbst; mittlerweile klinkt er sich nur ein, wenn es irgendwo Schlägerungen gibt. In seinem Betrieb werden die Bretter mit Nummern versehen und bis zur Decke geschichtet. Wenn also an einem Instrument irgendwo in der Welt etwas kaputtgehen sollte: Bachmann kann mit dem Holz des exakt gleichen Baumstamms aushelfen.

Und dann kam der Biathlon-Sport ins Spiel. Bei Wettkämpfen kommt es immer wieder zu Stürzen. Wenn dabei ein Teil an den Gewehrschäften abbricht, muss dieser über Nacht angeleimt werden. Der örtliche Tischler wollte aber nicht länger Servicemann spielen, man wandte sich händeringend an Bachmann.

Infos

XXV. Winterspiele
Zum dritten Mal – nach Cortina d’Ampezzo 1956 und Turin 2006 – werden die Olympischen Winterspiele in Norditalien ausgetragen. Sie finden von 6. bis 22. 2. statt. Aufgrund der großen Distanzen von Milano Cortina, die Wettkampfstätten sind auf sieben Orte verteilt, gibt es kein gemeinsames Olympisches Dorf. Die Eröffnungsfeier findet in Mailand statt, die Schlussfeier in Verona. Vorgesehen sind insgesamt 116 Wettkämpfe (54 für Männer, 50 für Frauen und zwölf Mixed) in acht Sportarten. In Antholz gibt es elf Bewerbe. Erstmals ist Skibergsteigen (kurz: Skimo) olympisch.

Auskunft
antholzertal.com/de
suedtirol.info
olympics.com/de

„Idiotensicher“

Und immer wieder kam es vor, dass ein Sportler nebenbei Wünsche äußerte, z. B. den Standard-Griff der Hand anzupassen. So kam dem Tüftler die Idee für einen Schaft, der mit dem Athleten von Jugend an quasi mitwächst und leicht adaptiert werden kann. „Die Handhabung muss idiotensicher sein“, so Bachmann über sein Grundkonzept. „Damit sich die Athleten voll aufs Laufen und Schießen konzentrieren können.“

Als Material wählte er Karbon, dann folgte eine Phase des Experimentierens. Seit 2008 bietet Bachmann diese Schäfte an: Es gibt sieben Teile, die man mit dem gleichen Inbusschlüssel verstellen kann, darunter den Handstopper, die Wangenbacke, die Schulterstütze, den Pistolen- und den Stehendgriff. Längst beliefert er fast alle im Biathlon-Zirkus. Und so stehen die Chancen sehr gut, dass die Olympiasieger 2026 mit einem Bachmann-Schaft gewonnen haben werden.

Thomas Trenkler

Über Thomas Trenkler

Geboren 1960 in Salzburg. Von 1985 bis 1990 Mitarbeiter (ab 1988 Pressereferent) des Festivals „steirischer herbst“ in Graz. Seit 1990 freier Mitarbeiter, von 1993 bis 2014 Kulturredakteur bei der Tageszeitung „Der Standard“ in Wien (Schwerpunkt Kulturpolitik und NS-Kunstraub). Ab Februar 2015 Kulturredakteur beim “Kurier” Kunstpreis 2012 der Bank Austria in der Kategorie Kulturjournalismus für die Recherchen über die NS-Raubkunst seit 1998 und die kontinuierliche Berichterstattung über die Restitutionsproblematik (Verleihung im Februar 2013).

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