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Leben
04/19/2019

Online-Bestattungshaus: "Der Tod sollte etwas Normales sein"

Ein digitales Bestattungshaus möchte den Umgang mit dem Sterben aus der Tabuzone holen.

Es braucht nur ein paar Klicks, um auf www.mymoria.at den passenden Sarg, die Art der Bestattung und die schönsten Blumen auszuwählen. Seit Februar ist das digitale Bestattungshaus auch in Österreich verfügbar. Gründer Björn Wolff (39) erzählt im Interview, warum wir unseren Zugang zum Thema Sterben überdenken sollten.

KURIER: Sie waren im Marketing tätig, Ihre Mitgründer im Finanzbereich – wie kommt man da auf die Idee, ein digitales Bestattungshaus zu gründen?

Björn Wolff: 2015 gab es einen Sterbefall im Freundeskreis, da haben wir mitbekommen, dass die Hinterbliebenen mit dem örtlichen Bestatter nicht zufrieden waren und nicht wussten, was sie machen müssen. Man kommt ja im Schnitt nur alle 18 Jahre in die Situation, dass man eine Beerdigung planen muss. Sie haben dann gegoogelt, aber da kam auch nicht viel raus. Da dachten wir, in unserem Zeitalter müsste es doch etwas anderes geben.

Derzeit werden zwei bis fünf Prozent aller Beerdigungen online organisiert. Wie lautet Ihre Prognose für Österreich?

Ich glaube, in fünf Jahren ist das der normale Weg. Wir beobachten auch in Österreich einen Wandel der Bestattungskultur. Die zweite und dritte Generation wohnt oft nicht mehr da, wo die erste Generation wohnt. Wir kümmern uns auch um den digitalen Nachlass: Man kann Passwörter hinterlegen und wir machen dann die Abmeldungen. Für die aktuell versterbende Zielgruppe ist das noch nicht so wichtig, für meine Generation wird das aber ein Riesen Thema sein.

Nach einem Verlust können die Planung eines Begräbnisses und das persönliche Gespräch mit dem Bestatter eine hilfreiche Ablenkung sein. Ist es richtig, all das zu digitalisieren?

Es sei demjenigen, der in einer Trauerphase ist, überlassen, wie er beraten werden möchte. Wenn er niemanden sehen will, ist das ein Weg, den wir ihm anbieten sollten. Da kann ich nicht sagen, Sie müssen jetzt aber ein persönliches Gespräch führen. Fast alle unsere Kunden nehmen den Service in Anspruch, mit einem unserer Bestatter am Telefon alles zu besprechen. Aber sie wollen eben nicht, dass man zu Hause vorbeikommt.

Der Tod ist in der Gesellschaft allgegenwärtig und dennoch ein Tabu. Warum ist das so?

Wir haben verlernt, über den Tod zu sprechen. Ich komme aus einem Dorf in Bayern, als meine Urgroßmutter zu Hause gestorben ist, haben wir sie noch verabschiedet. Heute ist man es nicht mehr gewohnt, einen toten Menschen zu sehen. Unsere Vision ist es, den Umgang mit dem Sterben unbeschwerter zu machen.

Wie wollen Sie das anstellen?

Das geht nur, indem man darüber spricht. Wir haben zum Beispiel die Videoreihe „Das kleine Sarggespräch“ gestartet, wo wir uns offen über den Tod unterhalten. In der ersten Folge erzählt Fiona Erdmann (deutsches Model, Anm.), wie sie in kürzester Zeit Mutter und Ehemann verloren hat. Mich würde es freuen, wenn wir viele Leute zum Umdenken bewegen können. Der Tod sollte etwas Normales sein. Er ist nicht so schön wie eine Hochzeit, ganz im Gegenteil, aber er gehört zum Leben.

Mymoria wirbt mit Kostentransparenz. Wie viel muss man für eine Bestattung rechnen?

Es gibt als Einstiegsangebot stille Beerdigungen, die liegen ein bisschen über 1.500 Euro. Nach oben ist keine Grenze gesetzt, wir haben auch schon Diamantbestattungen gemacht, wo der Stein mehrere Tausend Euro gekostet hat.

Abseits von Diamanten: Welche Trends beobachten Sie?

Ganz klar weg von der Erd- hin zur Feuerbestattung. Alternative Bestattungsformen wie Wald- und Seebestattung werden stark nachgefragt, dafür braucht man eine Einäscherung. Ich glaube, das hat mit der bewussten Auseinandersetzung damit zu tun, was man den Hinterbliebenen hinterlässt. Die Angehörigen sind oft nicht vor Ort, um ein Grab zu pflegen. Ich habe das für mich auch so hinterlegt. Ich stelle mir das schön vor, wie meine Hinterbliebenen bei Sonnenaufgang durch den Wald spazieren. Sie können eine Rose ablegen, aber sie müssen sich nicht jede Woche um mein Grab kümmern.