Bitte lächeln! Joaquin Phoenix lehrt als Joker das Fürchten

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freizeit Leben, Liebe & Sex
10/18/2019

"Joker" und Co.: Woher die Angst vor den Grusel-Clowns kommt

Wie die Spaßmacher zu Horror-Ikonen wurden - und was echte Clowns vom Grusel-Hype halten.

von Julia Pfligl

Wenn Arthur Fleck alias Joker sein Gesicht mit weißer Schminke bemalt, seine Haare giftgrün färbt und seine Mundwinkel mit roter Farbe nach oben verlängert, dann fällt es einem schwer, im Kinosaal cool zu bleiben. Mit seiner Darstellung des psychisch erkrankten Außenseiters, der nach einer Reihe Zurückweisungen zum Mörder im Clownkostüm mutiert, sorgt Joaquin Phoenix derzeit für Angst und Schrecken, bei der Premiere verließen einige (erwachsene) Besucher panisch die Vorführung.

Durch den Hype um das Psychodrama „Joker“ rückt das Image des Clowns, der eigentlich Spaß und gute Laune verbreiten soll, weiter ins Grusel-Eck – auch abseits der Leinwand. Gestern stoppten Polizisten am Wiener Hauptbahnhof einen verwirrten Mann mit „Horrorclown“-Maske, eine Vorstellung, die vielen einen kalten Schauer über den Rücken jagt.

Unberechenbar

Wird die Angst vor Clowns krankhaft, bezeichnen sie Psychologen als Coulrophobie: Die Angststörung, die durch Filme wie „Joker“ getriggert oder verstärkt werden kann, betrifft vor allem Kinder, aber auch Erwachsene. Johannes Lanzinger, Psychologe am Phobiezentrum Wien, das auf Angststörungen spezialisiert ist, erklärt, warum sich die ulkigen Gesellen als Gruselfiguren eignen: „Clowns sind sehr ambivalent in ihrem Verhalten – sie sind meist Erwachsene, die sich wie Kinder verhalten und unberechenbar sind.“

Auch das Aussehen spielt eine Rolle, sagt der Psychologe. „Clowns sind stark geschminkt und haben ein Dauerlächeln. Das bedeutet, wir können ihre Mimik nicht lesen und wissen nicht, was in ihnen vorgeht. Die starre Mimik erinnert uns zudem an den Tod.“

Für den Alltag hat die Clown-Angst faktisch keine Bedeutung, „das ist eher ein popkulturelles Phänomen“, sagt Lanzinger, der in der Praxis bis dato noch keinen Coulrophobiker behandelt hat. Den Grusel-Stein ins Rollen brachte Stephen King: Mitte der Achtziger erschien sein Horror-Roman „Es“ über den blutrünstigen Clown Pennywise, der gerade wieder einmal neu verfilmt wurde. King verarbeitete darin seine eigene panische Angst vor Clowns und positionierte die Spaßmacher als neue Schreckgespenster der Popkultur. Später lehrten Jack Nicholson und Heath Ledger in der Rolle des Batman-Antagonisten einem Millionenpublikum das Fürchten. Als ein Kolumnist des Guardian jüngst Ultrarechtspolitiker wie Trump als „Killer-Clowns“ charakterisierte, war klar: Die Lage ist ernst.

„Die guten Clowns überwiegen“, betont Udo Berenbrinker, der die älteste Clownschule im deutschsprachigen Raum leitet und selbst lange in Gute-Laune-Mission unterwegs war. Jährlich verlassen 25 frisch gebackene Clowns die Akademie, um fortan mit ihrer Tollpatschigkeit Partys aufzulockern, kranke Kinder zu unterhalten oder Demenzpatienten ein Lächeln zu entlocken.

Spiegel der Gesellschaft

Kann er den Grusel-Hype nachvollziehen? „Bis vor zehn Jahren schon. Da gab es noch diese grässliche weiße Schminke, die jetzt durch Joker wieder aufgelebt ist. Dann wurde erforscht, dass Kinder das nicht wollen, weil sie das Gesicht nicht sehen. Heute gibt es das nicht mehr. Auch keine Perücken.“

Die „modernen Clowns“ stecken sich bunte Dinge ins Haar, tragen übergroße Kleidung und alte Schuhe. Viele verzichten sogar auf die rote Nase. Und sie haben eine Mission. „Clowns halten der Gesellschaft einen Spiegel vor. Sie machen Fehler und freuen sich darüber. Das sind wir nicht mehr gewohnt.“

Trotz furchteinflößender Darstellung in den Medien beobachtet Berenbrinker auch ein Comeback der „guten“ Clowns. „Immer, wenn die Gesellschaft besonders starr und normativ wird, tauchen die Clowns auf. Ihre Hochsaison hatten sie im Mittelalter als Gegenbewegung zum Fürstentum. In der Nazizeit waren sie verboten.“ Heute, sagt Berenbrinker, brauchen wir gute Clowns mehr denn je.