Im Urlaub wird gearbeitet
In der Sonne liegen war gestern. Wer im Urlaub etwas erleben will, der mistet Ställe aus, erntet Kirschen, treibt Kühe zusammen oder zählt Schildkröteneier. Für eine wachsende Anzahl von Menschen ist es die ultimative Erholung, die freie Zeit als Helfer auf Bauernhöfen oder als Assistenten von Biologen zu verbringen. Geld verdienen sie für ihren Einsatz nicht. Auf Bauernhöfen ist Kost und Logies frei, wissenschaftliche Helfer zahlen.
Zum dritten Mal wird Phillip, ein junger Bankangestellter, diesen Sommer in die Alpen ziehen, um auf einem Bauernhof zu arbeiten. Hat er sich die letzten Jahre in der Steiermark verdingt, geht’s heuer drei Wochen nach Südtirol. "Es gibt nichts Schöneres, als bei Sonnenaufgang duftendes Heu zu wenden", sagt der gebürtige Wiener, der seine ersten Knechterfahrungen bereits während des Studiums gemacht hat. "Damals war es weniger die Liebe zur Natur, als das fehlende Geld", gibt er freimütig zu. Heute könnte er sich auch einen normalen Urlaub leisten. "Dafür bin ich zu verwöhnt", scherzt der smarte junge Mann. Er freut sich darauf, seinen Körper richtig zu fordern, "nicht im Disneyland eines Fitnessstudios, sondern im wirklichen Leben."
Elvira hat heuer zum ersten Mal einen Hilfseinsatz auf einem Biobauernhof gebucht. Der sportliche Aspekt ist für sie willkommene Nebensächlichkeit. Sie möchte erfahren, wie Lebensmittel hergestellt werden. Dass sie gleichzeitig helfen kann, gefällt ihr.
Leben wie Menschen, die anders leben als man selbst, das ist für viele die größte Motivation sich im Urlaub intensiv der Natur zu widmen. Um dieses Abenteuer voll auskosten zu können, muss man kräftig zupacken. Für die Generation Praktikum, also jene Menschen, die schon während ihrer Ausbildungsjahre in diversen Unternehmen gratis gearbeitet haben, nichts Neues. Sie stellen den Löwenanteil der Urlaubsarbeiter.
Auch wenn die Idee des Reisens in andere Lebenswelten schon alt ist, richtig durchgesetzt hat sie sich erst in den letzten 15 Jahren. Großen Anteil daran hat das Internet, denn die Urlaubspraktika bucht man im Netz. WWOOF ist dafür die größte Plattform. WWOOF steht für World-Wide Opportunities on Organic Farms und bedeutet arbeiten auf einem Biobauernhof. 1971 von der Londoner Sekretärin Sue Coppard als Wochenendvergnügen ins Leben gerufen, hat sich WWOOF zu einer weltweiten Bewegung entwickelt. Wer nicht in die Alpen will, der wwoofed eben in Sierra Leone, China, Spanien, Kanada oder sonst wo. Auf kanadischen Farmen etwa arbeiten Wwoofer auch als Cowboys, in Taiwan lernen sie mit Ochsen zu pflügen und in gebückter Haltung Hunderte Pflänzchen zu setzen, bis die Knie zittern. Statt sonntäglichem Kirchgang steht Meditieren am Programm oder Tanzen, je nach dem, wo man eben ist.
Weit weg führt es zumeist die wissenschaftlichen Assistenten. Die Reisekosten trägt man selbst, meist muss man auch für die Teilnahme an der wissenschaftlichen Exkursion bezahlen. Geboten werden Abenteuer mit hohem Exotikfaktor. So kann man beispielsweise Schildkrötenforscher nach Costa Rica begleiten und Seite an Seite mit den Profis Lederschildkröten, die mit bis zu 2,5 Metern Panzerlänge als die größten ihrer Art gelten, beforschen. Zu den Aufgaben zählt nebst dem Beobachten der Meeresriesen das Aufspüren und Katalogisieren ihrer Eier und das Sichern von Jungtieren. Die Arbeit versteht sich als ein Beitrag zur Erhaltung einer durch Fischerei, Jagd und Gewässerverschmutzung sehr bedrohten Art. Eine Woche Hilfsdienst schlägt mit 1990 Euro zu Buche, exklusive Anreise (Anbieter www.biosphere-expeditions.org).
Reisen mit Sinn ist die Vision, die sowohl die Helfer auf Bauernhöfen als auch die wissenschaftlichen Assistenten verbindet. Sie alle wollen die Welt ein Stück besser machen, und aktiv an Natur- und Umweltschutz teilnehmen. Bei den Fernreisen stellt sich allerdings die Frage, ob die Belastung durch einen Langstreckenflug die positiven Aspekte nicht weit überwiegt.
- von
Henriette Horny
Flugfasten hilft einzusparen, die Kompensation durch Helfen hingegen nicht. Bereits ein Langstreckenflug Wien–New York schlägt pro Passagier mit 2839 kg zu Buche. Man kann weder so viele Schildkröten retten, noch so viele Bäume pflanzen, um das auszugleichen. "Für wissenschaftliche Hilfsdienste sollte man lokale Assistenten einladen", empfiehlt Renate Kromp-Kolb, Klimaforscherin an der Uni für Bodenkultur Wien, "alles andere ist Tourismus, der das Klima belastet."
Kritisch steht die Forscherin auch dem Ablasshandel mit gegenüber, den manche Fluglinien anbieten. "Wir rechnen mit 20 € pro Tonne, es gibt die Tonne aber schon um 1,5 €." Ablasszahlung sei zudem ein schwieriges Terrain, denn es müsste das Geld in Projekte investiert werden, die den CO2-Ausstoß kompensieren, und die gäbe es kaum. "Flugvermeidung ist aktuell das Sinnvollste", meint die Forscherin.
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