Leben
01.04.2018

1. April: Hat der Aprilscherz noch eine Zukunft?

In der Ära von Realsatire wird es schwieriger, Spaß von Ernst zu unterscheiden. Was Kabarettisten und Satiriker dazu sagen.

Der Aprilscherz ist tot, hoch lebe der Aprilscherz. Es scheint, als hätte der jahreszeitentypische „Hoax“ Dauersaison. Immer öfter müssen Meldungen mit dem Hinweis „Kein, Aprilscherz“ versehen werden, verknüpft mit dem Gedanken: „Darf das alles noch wahr sein?“

In Zeiten alternativer Fakten und Realsatire wird es immer herausfordernder für Beobachter, Witz von Ernst und wahr von falsch zu unterscheiden. Zumindest  gilt das Motto: „Und gib uns unser tägliches Wundern.“  Dabei war es in den meisten Medien noch vor wenigen Jahren Usus, ihre Leser in den April zu schicken. Die gebrachten Gags oszillierten zwischen fad und originell.   Legendär ist   jener der britischen BBC  im Jahr 1957. Da wurde von einer üppigen Spaghetti-Ernte in der Schweiz berichtet. Der Beitrag von Bauern, die Nudeln von Bäumen ernteten, hatte zur Folge, dass sich zahlreiche Menschen meldeten, weil sie wissen wollten, wo es die Pflanzen gibt. Auf Youtube ist der Clip immer noch ein Renner.


Heute verschwimmt vieles. So wäre etwa unklar, ob nicht doch was Wahres dran ist, wenn da steht, dass es in Städten mit über 25.000 Einwohnern  lila Plaketten für die Autos von Frauen geben soll (April-Scherz der Bild-Zeitung, 2009).  „Wenn eine Gesundheitsministerin gegen das Rauchverbot stimmt, könnte das böse Satire im Stile von Monty Python sein. Dann wäre es lustig. In der Realität ist es das nicht“, sagt der Kabarettist und Comedy-Autor Gerald Fleischhacker („Bist du deppert“, Bild unten). Und: „Humor ist nur dann gut, wenn er wohl überlegt ist und niemandem Böses tut. Ein Scherz tut niemandem weh. Fake News und Kopf-Tisch-Entscheidungen der Regierungen hingegen tun weh.“

Längst liefert der Polit-Live-Stream und niemals enden wollende Fluss geteilter Falschmeldungen in den Sozialen Medien den Stoff, aus dem das Kopfschütteln gemacht ist. Und das: ernst gemeint. „Heute kann uns kein Aprilscherz mehr verblüffen. Ich glaube mittlerweile alles und nichts“, sagt KURIER-Humorist Dieter Chmelar (sein Kabarett „Wissen Sie nicht, wer ich war?“ hat am 4. April in der Wiener Kulisse Premiere).

Auch Peter Klien („Willkommen Österreich“, „Reporter ohne Grenzen“) ist an diesem Punkt angelangt: „Man weiß echt nicht mehr so genau, was wahr ist oder nicht.  Da ist eine Wanze in meinem Büro, nein es ist doch nur ein Kabel. Glawischnig geht zu Novomatic. Wir wollen jetzt Pferde bei der Polizei.“   Die Absurdität all dessen kommt durch die Glawischnig-Meldung besonders schön zur Geltung. Wohl deshalb wurde sie   auf der   satirischen Online-Plattform Die  Tagespresse  veröffentlicht, obwohl diese sonst nur  frei Erfundenes publiziert. „Hier wird aufgezeigt, wie nah sich Realität und Satire mittlerweile sind“, sagt  Fritz Jergitsch, Chefredakteur der Tagespresse.

Haben es da Satiriker und  Publikum nicht immer schwerer? „Nein“, sagt  Kabarettist Florian Scheuba („Folgen Sie mir auffällig“, Bild unten), „aber der Beobachter ist mehr gefordert, seine Intelligenz einzusetzen. „Der Jammer ist, dass der Scherz oder die Satire mittlerweile  als Ausrede gebraucht wird, um jemanden der Lüge zu bezichtigen und um sich in Folge vor den damit verbundenen juristischen Konsequenzen zu drücken.“ Stichwort: Straches Facebook-Verleumdung gegen Armin Wolf.

Für Chmelar ist  der Humor, so wie die Satire, die Notwehr der Wehrlosen. „Es ist ihre letzte Waffe.“  Ähnlich Jergitsch: „Beim April-Scherz will man Mitmenschen reinlegen. Das ist dann besonders lustig, wenn das Opfer vergisst, dass 1. April ist. Satiriker spielen dagegen mit der Realität und verfremden sie. Durch die Übertreibung von Missständen werden diese sichtbar. So wird Satire zum Werkzeug für Kritik an den herrschenden Umständen.“   KURIER-Kolumnist Guido Tartarotti („Selbstbetrug für Fortgeschrittene“) schließt sich an: „Reale Witze wie  energetische Schutzwälle für ein Krankenhaus oder Wanzen bei H. C. Strache finde ich wunderbar, sie liefern großartige Steilvorlagen für Gags. Je verrückter die Realität desto mehr kann man satirisch damit machen.“

Komödiant Robert Palfrader („Wir sind Kaiser“, „Allein“) meint: „Jedes Mal, wenn der Gedanke aufkommt, Satire hätte es heute schwerer, weil die Politik ohnehin schon Realsatire produziert, sagen die Kollegen Maurer, Scheuba und meine Wenigkeit einen Satz, den wir schon  oft gesagt haben: Es gibt einen Unterschied zwischen freiwilliger und unfreiwilliger Komödiantik. Wir sind freiwillig komisch. Nur weil etwas lustig ist, heißt es noch lange nicht, dass es Satire ist.“

Fake News als Stilmittel

Und die „Fake News“? Die hatten, lange bevor sie so hießen, wirklich gute Zeiten und galten  als Stilmittel, um auf  etwas aufmerksam zu machen. Man erinnere sich an Helmut Qualtingers  „Kobuk“-Schabernack:  Qualtinger hatte bei einem Empfang des P.E.N.-Club Präsidenten Briefpapier mitgehen lassen und darauf den  Kulturredaktionen die baldige Ankunft des weltberühmten Eskimodichters „Kobuk“ angekündigt. Tatsächlich: Am 3. Juli 1951 warteten Reporter und Fotografen auf dem  Westbahnhof, um den Poeten zu empfangen. In Pelzmantel und -haube gehüllt stieg Qualtinger selbst aus dem Zug. Auf die Frage, wie ihm Wien gefalle, antwortete er: „Haaß is.“  

Der Schauspieler und Kabarettist hatte einige solcher „Practical Jokes“ auf Lager – „hinterlistige Handlungen gegen andere, die keine schwerwiegenden Folgen haben.“ Chmelar liebt das: „Die Falschnachricht kann viel Witz haben. Nur wenn sie in einem Tsunami daherkommt wie jetzt, wird’s mühsam. Nach dem Motto Narren hat es immer gegeben, aber vor dem Internet haben sie einander nicht gekannt.“

Humor macht Dinge erträglich

Vielleicht braucht der Aprilscherz wieder mehr Privatsphäre. „Ich mag den 1. April, bin generell ein Freund des Scherzes. Mit den Mitteln des Humors kann man unerträgliche Dinge oft leichter ertragbar machen“, meint Fleischhacker.  Er erinnert sich  gerne an einen Aprilscherz mit seinem Vater: „Es war zur Osterzeit. Schokohase vorsichtig aus dem Papier wickeln, dann unten mit einer heißen Nadel ein Loch machen, Chilisenf rein, wieder einwickeln. Das Gesicht beim Kosten – priceless!“  Scheuba hat ebenfalls nichts gegen Aprilscherze: „Das ist wie ein Witz für mich. Wenn eine gute Idee dahinter ist: Warum nicht?“  Für  Palfrader  ist klar: „Ich mache das 365 Tage im Jahr, hauptberuflich. Der Aprilscherz ist, so wie der Fasching, kein Thema für mich.“ Ähnlich denkt  Tartarotti. Das „Lachen, nur weil es auf dem Kalender steht“ findet er furchtbar. Auf die Frage, ob er nicht doch einen Aprilscherz kenne, den er lustig findet, antwortet er: „Es gibt einen einzigen und der ist schrecklich. ,Achtung. Ihr Schuhband ist offen.’ Alle anderen sind nur Varianten davon.“