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Leben
12/29/2018

Gute Vorsätze: Wie sehr hilft ein finanzieller Anreiz?

Immer zu Jahresbeginn soll alles anders werden – aber wie? Ein deutscher Psychologe ist überzeugt: Mit Geld funktioniert's.

Einfach so geht gar nichts. Irgendeinen Schubs braucht der Mensch, um zu erreichen, was er sich vorgenommen hat. Davon ist der deutsche Psychologe Marco Schneider überzeugt – er kannte das ja von sich selbst. Jahr für Jahr nahm er sich vor, mit dem Rauchen aufzuhören. Ohne Erfolg. Eines Tages traf er mit einer Freundin eine Vereinbarung: Pro gerauchter Zigarette gehen fünf Euro in die Kaffeekassa. Bis heute ist er Nichtraucher.

Geld motiviert

Vor etwas mehr als einem Jahr entwickelte sich daraus eine Start-up-Idee, die das Prinzip verfolgt, für eigene Ziele äußere Anreize zu schaffen. Die sechs Freunde Marco, Martin, Erik, Wencke, Cécile und Carolin gründeten die Motivationsplattform „Ansporner“. Diese funktioniert nach dem Konzept „eines faustischen Pakts“: Man schließt einen Vertrag mit sich selbst und steckt sich ein Ziel. Dabei wird Geld auf den eigenen Vorsatz gesetzt. Wird das Ziel nicht erreicht, geht das Geld an eine gemeinnützige Organisation. Sobald man aufgibt, ist alles futsch. „Die Erfolgsquote unserer Nutzer zeigt, dass Vorhaben, auf die Geld gesetzt wird, deutlich erfolgreicher sind als Vorhaben ohne Geldeinsatz. Die Leute sind weit mutiger, als wir erwartet hatten: Über 65 Prozent der Nutzer setzen Geld auf ihre Vorhaben, im Schnitt 15 Euro“, erzählt Schneider. Auch Ansporner-Texter Martin konnte davon profitieren und pflegte über ein Jahr lang sein Vorhaben, jeden Tag einen Schüttelreim zu schreiben, mit erstaunlicher Ausdauer. 270 Schüttelreimen sind erstanden. Wencke, die Spendenkoordinatorin, konnte sich durch das Prinzip das 10-Finger-Schreiben beibringen“, erzählt Schneider.

Weshalb braucht es überhaupt Anreize wie Geld, um wichtige Vorsätze zu realisieren? Warum reicht, wie zum Beispiel beim Rauchstopp, nicht einfach die Idee der Gesundheitsvorsorge? „Ganz einfach: Zwischen guten Absätzen und geforderter Umsetzung bildet sich schnell eine Kluft“, so Psychologe Schneider. Alte Gewohnheiten haben große Kraft und gewinnen die Oberhand. Dabei sei es weniger die mangelnde Willenskraft als das Problem, sich neu zu organisieren. Auch der fehlende Mut zur Selbstverpflichtung ist aus Sicht der „Ansporner“ einer der Hauptgründe, warum Neujahrsvorhaben scheitern. „Ziele werden zu hoch gesteckt, schwammig formuliert, Widerstände und Fallstricke nicht eingeplant“, sagt Schneider. Dazu kommt die Dimension des Vorgenommenen: „Je größer das Vorhaben, desto eher geben wir auf. Oft ist auch der Zeitpunkt unpassend. Wenn ich jetzt schon weiß, dass mir eine stressige Phase bevorsteht, sollte ich mir eingestehen: Die Chance, mit dem Rauchen aufzuhören, ist danach größer. Ein Ziel allein ist eben noch kein Plan.“

Jetzt! Sofort!

Aus Sicht von Saskia Tatjana Seibel, Psychologin und Coach bei „Change it!“ in Wien, scheitern Wünsche nach Veränderung daran, weil sie in die Zukunft projiziert werden. „Wenn ich wirklich etwas verändern möchte, handelt es sich um eine Entscheidung. Dann muss ich jetzt, in diesem Augenblick, mit der Umsetzung beginnen.“

Im Falle des Rauchstopps heißt das: Packerl weg – und zwar sofort. Der Satz „Ich will es einfach nur fertig rauchen“ gilt nicht. „Weil er nichts anderes ist als Selbstverarschung“, sagt Seibel. Sie ist übrigens nicht der Meinung, dass Veränderung schwer fallen muss: „Im Grunde bleibt ja nie etwas gleich, alles verändert sich permanent. Veränderung ist immer da.“ Hürden seien vielmehr Gewohnheiten und Routinen: „Die sind oft hartnäckig. Um sie zu verändern, braucht es unbedingt ein „stattdessen“, eine Alternative, um einen ähnlichen Effekt zu erzeugen wie durch die alte Gewohnheit. Seibel: „Rauchen, etwa. steht für Entspannung oder eine Pause. Stattdessen könnte man kurz spazieren gehen oder was anderes Schönes tun.“

Stichtag Jahreswechsel

Und wie sieht es mit den Vorsätzen der "Ansporner" selbst aus? "Die Klassiker natürlich: Mehr Sport treiben, weniger Stress, sich gesünder ernähren, Gewicht verlieren, Geld sparen. Uns unterläuft dabei derselbe Fehler, wie den meisten, dass wir uns in dem Moment, in dem wir den Vorsatz fassen, zu wenig Gedanken um die Umsetzung machen. Und je weiter das Ziel, desto unkonkreter die Planung", erzählt Schneider. Dabei wird die Realität durch ein Wunschbild ersetzt: Nötige Mühen werden nicht einkalkuliert – wir wollen gerne daran glauben, dass wir es schon irgendwie schaffen. Auch wenn eigentlich alles dagegen spricht. Der Jahreswechsel bietet sich hierfür besonders an und steht für einen Neubeginn. Menschen mögen solche Stichtage. Die Schwierigkeit aber ist, dass zwar Handlungsbedarf besteht, man sich aber erst später aufraffen muss. Bis dahin kann man sein Vorhaben aufschieben und sich einreden, dass man voller Tatendrang sein wird, wenn es erst einmal so weit ist. "Eine böse Falle, in die auch wir regelmäßig getappt sind."

Daher wird auch spannend, wie es mit der Motivationsplattform weitergeht. Dazu Schneider: "Ansporner ist keine Idee, die schon heute oder morgen explodieren wird. Wir lieben unser Baby, geben ihm Zeit und werden dadurch stetig besser. Deshalb stehen in nächster Zeit einige Umstrukturierungsmaßnahmen an."

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