Gesicht von Jesus nach Grabtuch rekonstruiert
Polizeiexperten haben anlässlich der aktuellen Präsentation des berühmten Turiner Grabtuches versucht, das Gesicht des jungen Jesus zu rekonstruieren. Dafür sei eine Software genutzt worden, die sonst bei der Fahndung nach Mafiabossen eingesetzt werde, berichtete die italienische Zeitung "La Repubblica" am Mittwoch.
"La sacra Sindone", wie das Grabtuch auf Italienisch genannt wird, soll das Tuch sein, mit dem Jesus nach seiner Kreuzigung begraben wurde. Es zeigt den Abdruck eines Mannes, der gefoltert wurde und einen grausamen Tod am Kreuz starb. Erstmals seit fünf Jahren ist es noch bis zum 24. Juni im Turiner Dom zu sehen. Allerdings gibt es Zweifel über die Authentizität des Grabtuchs.
Anders als bei der Suche nach Mafiabossen oder Vermissten, wo mitunter nur uralte Jugendfotos vorliegen und das Gesicht eines Älteren gezeichnet werden muss, ging es beim Grabtuch um die Verjüngung von Gesichtszügen. Dabei sei vor allem die Fähigkeit von Zeichner Andrea D'Amore entscheidend gewesen, heißt es. Das "überraschende" Ergebnis habe bereits die Fernsehzuschauer in Italien fasziniert und sorge inzwischen auch im Ausland für Aufsehen.
Die aktuellsten wissenschaftlichen Untersuchungen, die ich in meinem Buch diskutiere, wurden von Ray Rogers, einem Chemiker aus Los Alamos ( USA) durchgeführt. Er hat nachgewiesen, dass es sich um eine nichtrepräsentative Stichprobe handelte. Und er hat die, wie ich meine, beste Hypothese für das einmalige Bild auf dem Grabtuch aufgestellt: Er erklärt es als natürliche Verfärbungen aufgrund einer so genannten Maillard-Reaktion.
Eine Maillard-Reaktion?
Ja, das ist eine Reaktion zwischen Kohlehydraten auf der Oberfläche des Tuches und Aminen (Abkömmlinge von Ammoniak) des verwesenden Körpers. Nun sind wir bei der Kernfrage, die untersucht werden muss: Können sich Bilder wie auf dem Grabtuch von Turin durch eine Maillard-Reaktion auf antikem Leinen bilden? Wenn Wissenschaftler die Maillard Hypothese beweisen können, haben wird das Grabtuch endgültig enträtselt.
Chemischen Tests belegen, dass die Blutflecken von echtem Blut stammen, die Webtechnik gleicht jener von Textilien aus dem 1. Jahrhundert, die in Judäa gefunden wurden. Die Wunden passen zu römischen Kreuzigungen. Nimmt man all das zusammen, muss das Grabtuch von Turin zu einem Mann gehören, der nach römischer Tradition gekreuzigt, mit Dornen gekrönt, als Jude beerdigt worden war – und dessen Körper vom Grabtuch befreit wurde, ehe er verweste. Der Einzige in der Geschichte auf den all das passt ist Jesus von Nazareth.
Am Grabtuch von Turin ist meines Erachtens nichts Mysteriöses. Es ist nur ein antikes Grabtuch mit natürlichen Verfärbungen. Wäre es eine mittelalterliche Fälschung, dann wäre es ein Wunder.
Wie haben sie ihre Theorie entwickelt?
Erstmals habe ich mich 2004 für das Grabtuch interessiert, 2007 begann ich, es richtig zu erforschen und erkannte, dass eine mittelalterliche Fälschung keinen Sinn macht: Das Bild auf dem Tuch schaut wie ein Foto-Negativ aus, und kein Mensch kannte im 13. Jahrhundert Negativbilder. Die kamen erst mit der Erfindung des Fotografie im 19. Jahrhundert auf. Die einzige Erklärung, die ich fand, war, dass das Bild echt sein müsse.
Faszination und Euphorie, weil das Bild so außergewöhnlich ist. Und auch weil es mich verstehen ließ, warum die Jünger dachten, sie sehen eine echte Person – matt, als wäre es nur ein Hauch oder ein Nebel, der verschwindet, sobald man ihm zu nahe kommt. Das Gesicht ist dagegen sehr intensiv mit riesigen Augen, die von innen zu leuchten scheinen. Es ist wirklich unvergesslich, und das ist der Punkt: Es schaut aus wie ein Geist. Wir haben eine Beschreibung des auferstandenen Christus , geschrieben vom Augenzeugen Paulus. In seinem Ersten Brief an die Korinther, nennt er den Auferstandenen einen Geist und beschreibt seinen Körper als spirituellen Körper. Diese Idee wurde meiner Meinung nach vom Anblick des Grabtuchs ausgelöst.
Genarrt trifft es nicht. Die Apostel waren weder dumm noch leichtgläubig, aber sie lebten in einer anderen Zeit , in der die Menschen ganz anders wahrnahmen. Daher fragte ich mich: Was hätte das Bild auf dem Grabtuch einem Juden aus dem 1. Jahrhundert gesagt? Um diese Frage zu beantworten, muss man sich vor Augen halten, dass Menschen überall auf der Welt Abbilder – besonders Schatten und Reflexionen – als etwas Lebendiges ansehen. Denken sie nur an die Götter, die in der antiken Welt überall präsent waren. Heute denken wir wissenschaftlich und unterdrücken diesen Instinkt. Aber in der Antike war diese Wahrnehmung real. Jeder antike Mensch, der das Bild auf dem Grabtuch gesehen hätte, würde es als lebende Erscheinung von Jesus betrachten. Da dachte ich: So ließe sich die Auferstehung erklären – die Berichte, dass Jesus nach seinem Tod lebend gesehen worden war.
Sind sie religiös? Und warum interessiert sie das Turiner Grabtuch so sehr?
Ich bin weder religiös, noch glaube ich an Wunder. Ich möchte aber Geschichte verstehen, und daher bin ich entschlossen, das Grabtuch zu verstehen. Kein Zeitpunkt der Weltgeschichte ist so signifikant, wie der um Christi-Geburt. Die Geburtsstunde des Christentum betrifft uns alle – Christen, Muslime, Juden , Atheisten, Agnostiker – weil diese Religion in den vergangenen 2000 Jahren einen so großen Einfluss auf die Welt hatte.
Zweifelsohne, es wird Leute geben, die sich ihre Meinung bereits gebildet haben und nicht wollen, dass irgendwer über das Grabtuch nachdenkt. Andere wollen nicht, dass man die Auferstehungsgeschichte anrührt. Daher: Ja, ich erwarte ordentliche Gegenwind für meine Ideen. Aber mein Ziel ist es, Geschichte zu begreifen und nicht an alten Ideen festzuhalten, die vieles unbeantwortet lassen. Wissenschafter haben das Grabtuch seit mehr als 100 Jahren ignoriert. Ich hoffe, dass einige erkennen, welch wichtiges und faszinierendes Artefakt es ist.
Die Kirche schweigt, obwohl konservative Kreise jeden Erklärung, die Auferstehung nicht als Wunder zu erklären als Angriff betrachten. Ich möchte niemanden aufbringen, finde es aber wichtig herauszufinden, wie religiöse Ideen entstanden sind.
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