Der beste Start ins digitale Zeitalter

Ein Professor für digitale Medien verbannt Laptops aus den Vorlesungssälen. Und erklärt, warum Tablets in der Volksschule mehr schaden als nutzen.
Eine junge Frau mit Tätowierungen sitzt auf einem riesigen Buch und benutzt einen Laptop.

Mit Smartphones, Laptops und E-Learning kennt sich Gerald Lembke von Berufs wegen aus: Als Professor für Digitale Medien lehrt er an der Hochschule Baden-Württemberg. Den Einsatz von Tablets in Schule und Uni sieht er trotzdem kritisch. Jetzt hat er ein Plädoyer für das analoge Lernen geschrieben: „Die Lüge der digitalen Bildung. Warum unsere Kinder das Lernen verlernen.“

Sie sind Professor für Digitale Medien. Wie kommt ausgerechnet jemand wie Sie dazu, ein Buch zu schreiben, das den Titel trägt: „Die Lüge der digitalen Bildung“?

Bei Studierenden, in der Familie und bei mir selber beobachte ich: Je mehr sich die Digitalität in den Alltag drängt, desto weniger beherrschen wir sie – und desto mehr beherrscht sie uns. Das war der Anlass für mich und meinen Co-Autoren Ingo Leipner, über die Fragwürdigkeit digitaler Bildung nachzudenken.

Sie lehren an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW): Wie haben Tablets und Laptops die Konzentration und Lernverhalten der Studierenden verändert?

Seit zwölf Jahren arbeite ich in der Lehre an Hochschulen – und es gibt regelmäßig Feedback von Studierenden und Dozenten. Die Lehrenden haben in den vergangenen drei bis fünf Jahren eine deutliche Veränderung festgestellt. Das ist genau der Zeitraum, in dem der Verkauf von Smartphones und Tablets explodiert ist. Die Aufmerksamkeit vieler Studierender ist während der Vorlesungen dramatisch eingebrochen; ihre Konzentrationsfähigkeit in Gruppenarbeiten war faktisch nicht mehr vorhanden, und die Lernergebnisse wiesen eine geringere Qualität auf.

Wie haben Sie reagiert?

Ich fragte mich, was los ist, und stellte fest: Ich komme in die Vorlesung und 98 von 100 Studenten schauen in den Laptop, wobei die meisten Facebook geöffnet haben. Daraus zog ich Konsequenzen: Diese Geräte werden nicht mehr pauschal an Studierende verliehen. Zudem sorgte ich dafür, dass bis auf Ausnahmen in den Vorlesungen Laptops weniger verwendet werden. Anfangs war der Aufschrei groß. Doch bald stellten meine Kollegen und ich fest: Die Aufmerksamkeit war wieder da, und die Studierenden erbrachten bessere Leistungen. Bemerkenswert war die Reaktion der jungen Menschen, die mir sagten: „Wir waren selbst genervt von dieser dauernden Ablenkerei.“ Das zeigt: Wenn selbst die Großen digitale Medien im Bildungsbereich kaum beherrschen, wie sollte es da jüngeren Kindern in Kindergarten und Volksschule gelingen? Daher setzen wir uns für digitalfreie Oasen im Kindergarten und in der Volksschule ein! So würden die Kinder Lernerfahrungen machen, die zu ihrem kognitiven Entwicklungsstand passen.

Manche Studien weisen darauf hin, dass Kinder, die mit Tablets aufwachsen, schlauer sind. Haben wir nur nicht gelernt, mit der Technik gut umzugehen?

Ich kenne Studien, die genau das Gegenteil belegen. Nämlich, dass der Einsatz von digitalen Medien im Kindergarten- und Volksschulalter keine positiven Effekte erzeugt. Daher muss man sich immer anschauen, wer ein Interesse hat, positive Ergebnisse zu produzieren.

Wie sieht Ihrer Meinung nach ein vorbildliches Verhalten aus, um Kindern einen vernünftigen Umgang mit Smartphone und Co. beizubringen?

Dieses Verhalten zeigt jemand, der digitale Medien als Instrument nutzt, um die reale Welt aktiv zu gestalten – und nicht zum reinen Zeitvertreib. So werden diese Medien ein Mittel zum Zweck, um berufliche oder gesellschaftliche Ziele zu erreichen. Ich kann ein Vorbild für mein Kind sein, wenn ich diese Technik zeitlich kontrolliert verwende und mich nicht stundenlang in die virtuelle Welt saugen lasse, um einfach vor mich hin zu daddeln und kein konkretes Ziel zu verfolgen.

Die neurowissenschaftliche Forschung hat ergeben, dass Kinder bis etwa zum zwölften Lebensjahr nicht in der Lage sind, Informationen adäquat zu verarbeiten, die über einen Bildschirm auf sie einströmen. Digitalität kann bei kleinen Kindern mehr schaden als nutzen. Daher haben wir die zentrale These aufgestellt: „Eine Kindheit ohne Computer ist der beste Start ins digitale Zeitalter.“ Warum? Medienkompetenz lässt sich nicht am besten fördern, indem ich diese Medien möglichst früh einsetze. Im Gegenteil: Kinder müssen viel in der realen Welt unterwegs sein, Sport und Musik machen. Toben, Klettern, Balancieren – das alles führt zu einer gesunden Entwicklung des Gehirns, um später bewusst und kritisch mit Digitalen Medien umzugehen. Das zeigen deutlich die Erkenntnisse der Neurobiologie. Bildschirme dagegen fressen zu viel reale Lebenszeit, wodurch die senso-motorische Entwicklung der Kinder leidet. Es ist zu befürchten, dass der frühe Einsatz digitaler Medien Entwicklungschancen unserer Kinder kaputt macht.

Sie sehen die Werbung als große Gefahr für Kinder. Wie kann man sie erziehen, nicht auf Werbebotschaften hereinzufallen?

Wer auf TV-Kanäle oder Internetseiten für Kinder geht, findet dort haufenweise Werbung, die sich sehr raffiniert an diese Zielgruppe richtet, auch in verdeckter Form. Diese Inhalte entdecken unsere Kinder wieder, zum Beispiel am Zeitschriftenstand, wo auf ihrer Höhe „kindgerechte“ Magazine liegen, inklusive Gadgets mit Bezug zu aktuellen Fernsehserien. So bereiten die Medien die Kinder systematisch darauf vor, am „Point of Sale“ diese Produkte wiederzuerkennen. Das geschieht crossmedial, über Kinderseiten im Internet, Apps fürs Smartphone und diverse Fernsehserien. Da hilft nur eins: Bei kleinen Kindern Glotze, Smartphone und Rechner aus! Später ist es eine erzieherische Aufgabe der Eltern, Kinder im Netz zu begleiten und zu sagen: „Das ist jetzt Werbung, um Dich zum Kaufen zu verführen“. Diese Botschaft lässt sich gar nicht oft genug wiederholen! Als Professor für digitale Medien weiß ich genau, wie sich digitale Medien für das Online-Marketing nutzen lassen. Digitale Medien sind Öl im Feuer – und besonders Kinder sind nicht in der Lage, sich auf Grund mangelnder Impulskontrolle alleine gegen solche Manipulationen zu wehren.

Die digitalen Medien haben auch Vorteile, weil ich viel Faktenwissen schnell parat habe. Es geht heute darum, diese Fakten zu vernetzen und einschätzen zu können, ob die Quelle seriös ist. Wann kann ein Kind das?

Die Entwicklungspsychologie sagt, dass Kinder ungefähr ab dem 12. bis 14. Lebensjahr beginnen, abstrakt zu denken und erste Möglichkeiten der Selbstreflexion entwickeln. In diesem Alter wird es sinnvoll, systematisch Medienkompetenz aufzubauen, die über eine reine „Wischkompetenz“ hinausgeht. Was wir darunter verstehen, schildern wir detailliert in unserem Buch: Konzentrations- und Kritikfähigkeit, kombiniert mit der produktiven Kompetenz, gut zu schreiben, zu fotografieren und zu filmen. Das sollten Schüler lernen, weil sie dann auch gut mit Wikis oder Videos umgehen können. Auf Inhalte kommt es an, egal ob sie analog in einem Buch auftauchen – oder digital in einem YouTube-Video.

Buchtipp: Gerald Lembke/ Ingo Leipner „Die Lüge der Digitalen Bildung. Warum unsere Kinder das Lernen verlernen“ (Redline, 2015, ca. 20 Euro)

Das Buch „Die Lüge der digitalen Bildung“ von Gerald Lembke und Ingo Leipner mit Händen, die digitale Geräte bedienen.

Kommentare