Gehobene Zweitadresse
Da ist etwas dran, dass sich so mancher Wald- und Gartenvogel gestört fühlen mag, wenn in seinen Wohnbaum Menschen einziehen. Die dann dort kochen, essen, baden und schlafen, vielleicht auch feiern. Zum Glück handelt es sich bei den temporären Baumhäuslern in der Regel um Naturgenießer, die die Stille suchen, in immer luxuriöser gestalteten Refugien.
Es ist nämlich nicht mehr nur der bastelfreudige Papa, der für seinen Nachwuchs einen Bretterverschlag zwischen die Äste setzt, damit dieser sich wie Robinson Crusoe fühlen kann. Jetzt ist Design gefragt, immer häufiger auch aus Profi-Hand. Und nicht für Kinder, sondern für eine erwachsene Klientel.
In Deutschland hat sich das Baumhausbauen bereits zu einer Nische der Architektur entwickelt. Als Gegenstück zur nostalgischen Bretterhütten-Konstruktion kommt da und dort eine futuristisch anmutende Gestaltung in Kapselform ins Spiel. So als wäre ein Ufo gerade gelandet.
Beate Wittmann, die in Österreich die erste Baumhaus-Manufaktur, nämlich die BAUmKUNST Mödling, betreibt, möchte jetzt in Kooperation mit der britischen Mutterfirma High Life Tree Houses Ltd ihren Landsleuten zu einem Aufstieg in die Bäume verhelfen.
In England, dem Land mit der großen Gartentradition, hatten kleine Häuschen, darunter auch Baumhäuser, schon immer ihren sicheren Platz. Filme wie "Der Herr Ringe", in denen die zwergenartigen Hobbits auftraten, aber auch Harry Potters Mittelalter-Welten verliehen dem Wunsch der Briten nach einem Holzhäuschen der fantastischen Art starken Auftrieb.
Der Trend zum Ritterburg-Stil und zum Fantasy-Look ist aber nicht nur bei der Freizeitarchitektur abzulesen, er hat auch die Business-Welt erfasst. Dass eine Künstlerin ihr Atelier als Baumhaus mit "gotischen" Fenstern gestalten lässt, mag da weniger überraschen als der Wunsch einer Rechtsanwältin in der Nähe Londons, ihre neue Privatkanzlei in Form eines Rundbauhauses zwischen zwei 600 Jahre alte Eichen zu stellen.
TÜV-geprüftes Baumheim
"Möglich ist bei uns alles, was sich Menschen erträumen", sagt Beate Wittmann. Ob Pfahlbaubüro, Baumkronen-Chalet oder ein Spielhaus für die Kinder in Form einer Hobbit-Höhle am Fuß des Lieblingsbaums. Alle Häuser sind bewohnbar und TÜV-geprüft. Elektrische Versorgung ist vorgesehen, WC und Bad möglich. Es geht aber nicht nur darum, einer gut betuchten Klientel den Traum vom Hochsitz in den Bäumen zu erfüllen. Das System eignet sich auch zur Wohnraumbeschaffung für Leute mit geringem Einkommen zu ebener Erde. "Rund 40.000 € für ein winterfestes Wohnhaus mit 25 m² Innenraum, einer Terrasse oder einem begehbaren Dach sind nicht viel", meint Beate Wittmann. Noch dazu, wenn man den Bau als nachhaltig bezeichnen kann. Die Häuser werden aus heimischem Holz gefertigt, das Dach ist mit Holzschindeln gedeckt, aus Lärche. Wittmann beruft sich dabei auf eine alte Tradition, die Gebäude bei guter Wartung fast unbegrenzt haltbar macht. "Im Pinzgau", erzählt sie aus Erfahrung, "steigt man auf die Leiter, dreht die Schindeln um und nagelt sie wieder fest". Im Alpenraum hofft sie jetzt auf einen Großauftrag für ihre Baumhäuser in der österreichischen Tourismusbranche. Dann geht es auch angesichts der Gipfel ab in die Wipfel.
- von Ingrid Greisenegger
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