Robin Hood der Neuzeit: Er nimmt den Firmen und gibt den Armen

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Leben
01/22/2019

"Fairmittlerei": Rettung für beschädigte Produkte

Der Vermittler: Michael Reiter richtet es – und hilft Produzenten und Hilfsorganisationen Geldsparen.

Was immer wieder passieren kann: Dass am Ende einer Produktionslinie – sagen wir Waschmittel oder auch Kondome – falsch etikettiert oder verpackt werden. Oder dass beim Transport von der Fabrik zum Handel Kartons kaputtgehen. Selbst wenn die Produkte dabei nicht beschädigt wurden, werden sie umgehend entsorgt, weil sich eine Rückholaktion für die Produzenten nicht rechnet.

Muss das so sein?

„Natürlich nicht“, erklärt Michael Reiter, der mit viel Enthusiasmus und drei Studienkollegen den Verein die fairmittlerei gegründet hat.

Reiter, sein kleines Team und dazu 17 ehrenamtliche Mitarbeiter nehmen es den Reichen und geben es den Armen, mit dem feinen Unterschied, dass sie die produzierenden Firmen nicht bestehlen, sondern ihnen viel mehr helfen, Lager- und Entsorgungskosten zu sparen. Und dass sie die Armen nicht direkt beliefern, sondern etliche NGOs im Sozialbereich.

„Wir sind ein Pendant zur Tafel, die vermitteln Lebensmittel, wir Produkte im Non-Food-Bereich“, erläutert der Gründer des sozialen Start-ups, das nebenbei hilft, den Müllberg nicht weiter zu belasten. Auch die persönliche Geschichte von Michael Reiter ist bemerkenswert. Der Chef-„Fairmittler“ hat einen gut bezahlten Angestellten-Job bei Henkel aufgegeben, um sich seinem Herzensprojekt zu widmen, er ist damit auch ein großes finanzielles Risiko eingegangen. „Im Moment arbeite ich zu viel“, gibt er zu. „Doch leben kann ich davon noch nicht.“

Im Augenblick finanziert sich das Start-up vor allem aus den Erlösen als Zwischenhändler. Weil sich die Produzenten auf den Standpunkt stellen, dass sie die Waren eh kostenlos zur Verfügung stellen, wollen sie an die fairmittlerei kein Geld bezahlen, obwohl man sich ja die Entsorgungsgebühren erspart. Bleiben die NGOs in diesem harten kaufmännischen Kalkül als Nettozahler, jedoch zu fairen Bedingungen. Kostet sie sagen wir ein Marken-Waschmittel im Supermarkt 10 Euro, können sie es dank Vermittlung der sozialen Plattform für zwei Euro erstehen. „Dadurch können sie für ihre Klienten mehr, beziehungsweise auch höherwertige Produkte einkaufen.“

Ein bewegtes Leben

Es gibt Gründe, warum sich einer wie Michael Reiter für andere starkmacht. Seine Eltern haben ihm das Fair-zu-anderen-Sein von klein auf vorgelebt. Nach ihrer Scheidung lernt der geborene Welser früh, mit 14, auf seinen eigenen Beinen zu stehen. Im Internat einer Tischlerfachschule erfährt er eine gediegene Ausbildung. Als Möbelrestaurateur in Chicago lernt er unter anderem das österreichische Sozialsystem zu schätzen, als spätberufener Student (mit 25) lernt er seine heute wichtigsten Mitstreiter kennen.

Seine Entscheidung, für wenig Geld viel zu arbeiten, bereut der 39-jährige Vereinsobmann nur in schwachen Momenten, etwa nach einem nicht enden wollenden Arbeitstag. Doch dann erfreut er sich wieder am bereits Erreichten. Und: „Dass man mit persönlichem Einsatz viel erreichen kann, vor allem dann, wenn man sich die Arbeit aufteilen kann.“

"Wie die warmen Semmeln"

Zuletzt hat man schöne Gläser und Teller eines großen österreichischen Gastro-Großhändlers anbieten können. „Die gingen weg wie die warmen Semmeln“, freut sich Michael Reiter. Parallel zu seinem Engagement im Verein hat er eine Ausbildung zum Erwachsenenbildner am WIFI absolviert – wohl auch eine Investition in die eigene Zukunft.

Irgendwann möchte der „Fairmittler“, der im Verlauf seines Berufslebens oft Neues begonnen hat, einiges von seiner Vereinsarbeit an andere delegieren und im neuen Beruf arbeiten. Es fehlt nicht mehr viel dazu, doch Reiter bleibt gelassen: „Ich habe gelernt, flexibel zu sein.“

„Fairmittler“ gesucht!

Lager und Logistik: Helfende Hände kann es in einem  Verein, der sich sozial engagiert, niemals zu viele geben. Derzeit sind 17 Menschen ehrenamtlich
im Einsatz. Sie würden sich über tatkräftige Unterstützung beim Vermitteln sehr freuen.

Abgeber und Abnehmer: Ihr Unternehmen produziert auch Gutes für den Müll? Ihre NGO benötigt dringend Hygieneartikel oder Büro- oder Schulartikel zu einem fairen Preis? Ein Meeting mit Michael Reiter kostet nichts. Gut erreichbar ist er über die Seite http://www.diefairmittlerei.at/, oder auch telefonisch: 0676 / 428 57 55.