Geschwister: Reihenfolge hat keinen Einfluss

Eine neue Studie widerspricht allen Klischees über die Rollenbilder von Geschwistern.
Zwei blonde Mädchen machen Armdrücken.

Typisch Geschwister. Der ältere Verantwortungsbewusste, der mittlere Rebell, das süße Nesthäkchen. Was Generationen von Eltern bei ihren Kindern beobachtet haben wollen, wird jetzt von einer deutschen Wissenschaftlerin ins Reich der Gerüchte verbannt. „In unserer großen Studie konnten diese Klischees alle nicht bestätigt werden“, widerspricht Julia Rohrer von der Universität Leipzig den gängigen Erwartungen. „In der Wissenschaft waren diese Theorien, die auf den Psychologen Frank Sulloway zurückgehen, eher umstritten.“

Im KURIER-Interview erklärt sie, warum sie zu anderen Ergebnissen kommt: „Meistens wurden die Personen zu ihrer persönlichen Meinung über die Geschwister und zu ihrer Position in der Familie interviewt. Da wurden die Stereotypen eher verstärkt als kritisiert. Wir haben Studien ausgewertet und Fakten über die Persönlichkeit analysiert, ohne Menschen nach ihrer eigenen Meinung zu fragen.“ Dafür nutzen sie und ihre Kollegen Untersuchungen mit mehr als 20.000 Teilnehmern aus den USA, Großbritannien und Deutschland.

Nur bei einem Persönlichkeitsaspekt fand sie eine – zumindest statistische – Bedeutung: „Beim Intellekt schnitten die Erstgeborenen etwas besser ab, sowohl bei den IQ-Tests als auch bei der Selbsteinschätzung.“ Jüngere Geschwister müssen sich aber bei diesen mageren Zahlen keine Sorgen machen: „Wenn man zwei Geschwister vergleicht, wird dennoch in über 40 Prozent der Fälle das später geborene Kind den höheren IQ haben“, heißt es.

Untersucht wurden vier weitere wichtige Eigenschaften: Bei Extraversion, emotionaler Stabilität, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit gab es überhaupt keinen Zusammenhang mit der Reihenfolge der Geburt. Sie selbst wäre aus ihrem Untersuchungsraster herausgefallen, antwortet sie auf die Frage nach ihrer eigenen Geschwisterkonstellation: „Ich bin mit einer Cousine und einer kleinen Halbschwester aufgewachsen. Aber in der Studie muss man ähnliche Familienkonstellationen vergleichen.“

„Rebell in der Familie“

Seit 1996 orientieren sich viele Psychologen an dem Konzept des US-Autors Frank Sulloway („Der Rebell der Familie“). Seine Theorie: Jedes Kind besetzt eine Nische in der Familie. Bestimmte Wesensmerkmale werden durch die Gruppendynamik bestimmt, meinte er: „Kinder in der gleichen Geschwister-Reihenfolge haben mehr Charakter-Übereinstimmungen als Kinder in einer Familie“, schrieb er in seinem Bestseller. Er erklärte dieses Phänomen etwa durch die Fokussierung der Eltern auf das erstgeborene Kind, ihre größere Erfahrung mit Erziehung und die Konfliktsituation zwischen Geschwistern.

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