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Erziehung
07/16/2015

Elektronische Fußfessel für Kinder

Mit Handy-Apps kontrollieren "Drohnen-Eltern" ihren Nachwuchs. Sagen Sie Ihre Meinung.

Helikopter-Eltern waren gestern, heute ist die Rund-um-die-Uhr-Überwachung noch umfassender geworden. Die "Drohnen-Eltern" sind im Anflug. Sie verwenden Handy-Apps als lange Leine für ihre Kinder. Möglich macht das die moderne Technik – das GPS-System ist seit genau 20 Jahren auf dem Markt. Gehören Sie auch dazu? Sagen Sie Ihre Meinung am Ende des Artikels.

Ursprünglich wollten Eltern mit Tracking-Apps bloß verlorene oder gestohlene Telefone wieder finden. Aber Eltern sind kreativ. Sie wollen via Handy ihren wichtigsten Schatz, ihre Kinder, kontrollieren. Manche treiben es dabei gar zu bunt: Ein Vater beobachtete seine Tochter am Schulweg doch tatsächlich mit einer Drohne, bezeichnete das aber später als "einmaliges Experiment".

Für besorgte Eltern gibt es immer mehr Angebote. Mit Apps wie iNanny oer Synagram können sie auf Knopfdruck überprüfen, wo sich ihr Kind befindet. Das deutsche Start-up-Familonet zählt mit einem solchen Angebot 600.000 User, berichtet Der Spiegel. Eine Kinder-Armbanduhr sendet sogar einen Alarm, wenn sie abgenommen wird. Die Assoziation mit einer Fußfessel liegt da nahe. Die App "ignore no more" wiederum sperrt das Smartphone der Kinder, wenn sie auf Anrufe der Eltern nicht reagieren.

Panik

Sobald Entführungsfälle von Kindern durch die Medien geistern, wird die Panik der Eltern wieder angeheizt – mit Werbesprüchen wie: "Behüten Sie, was Ihnen lieb und teuer ist." Barbara Buchegger von der Initiative "Safer Internet" bezeichnet die Sorgen der Eltern als "Natascha-Kampusch-Komplex": "Kinder sind immer weniger alleine unterwegs, weil das gesellschaftlich nicht mehr anerkannt wird." Eltern ohne elektronische Leine würden als Rabeneltern gelten. Und sie statten ihre Kinder aus: Die Expertin beobachtete im vergangenen Schuljahr eine deutliche Zunahme von Smartphones bereits in der Volksschule. Studien zufolge nutzen ja spätestens 80 Prozent der Teenager eines.

Für sie hat die elektronische Sicherheit zwei Seiten. "Es hängt vom Alter der Kinder ab. Für manche ist das Handy eine Sicherheit, mit der auch sie sich wohl fühlen. Andere empfinden die Überwachung als Eingriff in ihre Selbstständigkeit."

Auch jungen Kindern sei ein selbstbestimmter Heimweg von der Schule zu gestatten. "Ich durfte als Kind für einen Fünf-Minuten-Weg zwei Stunden brauchen", erinnert sich Buchegger. "Heute läutet nach zehn Minuten das Handy und jemand fragt das Kind panisch, wo es ist." Dabei brauchen Kinder Freiräume und Zeiten ohne die Kontrolle Erwachsener, um sich gesund entwickeln zu können.Dass Kinder über digitale Aufpasser nicht sehr glücklich sind, bemerkte Barbara Buchegger bei einem Workshop mit Acht- und Neunjährigen. Da sprach sie über Geräte, die mit dem Internet verbunden sind. "Bei einem vernetzten Fahrrad hat die Kinder irritiert, dass die Eltern dann immer wissen, wo sie sich aufhalten".

Vertrauen ist besser

Eltern, die glauben, dass sie mit Aufpass-Apps die totale Kontrolle behalten und ihre Kind schützen, sollten wissen: Im Alter von zwölf oder 13 Jahren können Kinder die Apps ohnehin umgehen, wenn sie wollen.

Bis dahin ist die Gesprächsbasis mit dem Kind bereits ruiniert, weil das Vertrauen weg ist. Nichts schlimmer als das. "Wenn Eltern heimlich die Kinder elektronisch ausspionieren, ist das vergleichbar mit dem Schock, wenn Jugendliche entdecken, dass Vater oder Mutter das Tagebuch gelesen haben", weiß Buchegger.

Die Überwachungsmethoden werden dabei immer perfider: Die geplante "Hello Barbie" soll echte Gespräche mit Kindern führen können und Links zu den Audiodateien an die Eltern mailen. Dafür wurde sie mit einem "Big-Brother-Award" ausgezeichnet. Diesen Nachteil sieht Buchegger auch bei den Apps: "So gewöhnt man Kinder daran, dass sie und ihre Daten ständig unter Kontrolle stehen. Dabei sollten Jugendliche eine Sensibilität für Privatsphäre im Netz entwickeln."

Doch die fehlt auch Erwachsenen. Denn die Apps, mit denen Kinder überwacht werden sollen, werden auch eingesetzt, wenn jemand seinem untreuen Partner nachspionieren will.

Kommunikation statt Spionage

WhatsApp & Co.: Eltern brauchen die Sicherheit, dass es ihrem Kind gut geht. Doch die Apps gehören mit Familien-Kommunikationsregeln verbunden. Wer soll sich warum, wann und wie melden?

Gefahren definieren: Überlegen Sie, wann und wo Ihr Kind alleine oder ohne Erwachsene unterwegs ist und welche Gefahren drohen.

Übung schafft (Selbst)Vertrauen: Üben Sie mit Ihrem Kind, wie es sich richtig verhält: bei Kontakt mit Erwachsenen, wie es sich orientiert und wie es im Notfall Hilfe bekommt. Mit und ohne Handy.

Wann melden? Besprechen Sie mit Ihrem Kind, welcher Kontakt für beide sinnvoll und wichtig ist. Es soll es ja nicht ständig am Telefon hängen. Oft reicht ein SMS.

Regeln: Informieren Sie sich über die Regeln der Schule oder Jugendorganisation. Manchmal müssen dort die Handys ja ausgeschaltet sein.

Offenheit: Kommunizieren Sie klar mit Ihrem Kind, welche Funktionen Sie nutzen und wann.

Schwimmen: Eine neue – vielleicht sinnvollere Art – der Überwachung sind Programme wie die der Schweizer Firma BlueFox, die vor dem Ertrinken schützen können. Die Schwimmer tragen ein Armband, das Wassertiefe und Dauer unter Wasser misst. Sobald eingestellte Parameter überschritten wurden, wird Alarm ausgelöst.www.saferinternet.at

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