Der Kennewick-Mann war doch ein Ur-Indianer

Forscher haben die Herkunft von einem der berühmtesten Skelette Amerikas entschlüsselt: Der Kennewick-Mann ist ein Ahne der heutigen Ureinwohner im Nordwesten der USA.
Ein Schädel neben einer rekonstruierten Büste eines Mannes.

Er ist der wohl berühmteste Ur-Amerikaner, um den bereits Prozesse geführt wurden. So klagten Indianer aus dem US-Staates Washington, weil sie den als ihren Vorfahren reklamierten Mann beisetzen wollten. Jetzt haben Forscher die Herkunft des prominenten Skeletts entschlüsselt: Der sogenannte Kennewick-Mann ist tatsächlich ein Ahne der heutigen Ureinwohner im Nordwesten der USA.

„Die neue Genanalyse zeigt, dass der Kennewick-Mann näher mit modernen Indianern verwandt ist als mit jeder anderen lebenden Bevölkerungsgruppe“, schreibt eine internationale Forschergruppe um den dänischen Evolutionsbiologen Eske Willerslev von der Universität Kopenhagen im Fachmagazin „Nature“. Sie hatten Erbgut aus einem Handknochen des Skeletts analysiert und mit genetischen Daten von Bevölkerungsgruppen aus aller Welt verglichen.
Die Studie dürfte weitreichende Folgen haben, denn um die Abstammung des Skeletts dreht sich seit Jahren ein erbitterter Rechtsstreit zwischen Indianern und Forschern. Die Gebeine lagern derzeit in einem Museum in Seattle. Doch fünf Indianerstämme aus der Fundregion ehren den Kennewick-Mann als frühen Ahnen. Sie fordern die Überführung der Knochen, um sie nach ihren Ritualen zu bestatten. Nach einem US-Gesetz können die Ureinwohner über die Überreste ihrer Vorfahren selbst bestimmen.

Rückblick

1996 wurde in der Nähe der Ortschaft Kennewick am Ufer des Columbia River im US-Bundesstaat Washington per Zufall das gut erhaltene Skelett eines Mannes entdeckt, der dort vor langer Zeit begraben wurde. Radiokarbon-Analysen ergaben ein Alter von mehr als 8000 Jahren. Aufgrund von Schädelmerkmalen vermuteten Experten, dass «Kennewick Man» nicht mit den heutigen Ureinwohnern Amerikas verwandt ist, sondern von einer früheren Einwanderungswelle aus Japan oder Polynesien stammt. Vertreter der lokalen Ureinwohner hingegen sind der Ansicht, dass «Kennewick Man» einer ihrer direkten Vorfahren war und verlangten deshalb eine sofortige Rückgabe und Wiederbestattung der sterblichen Überreste.

Nach jahrelangen rechtlichen und wissenschaftlichen Kontroversen hat ein internationales Forscherteam die Herkunft des berühmtesten nordamerikanischen Skeletts nun eindeutig geklärt. Die Analysen der Forscher zeigen außerdem auf, warum frühere Untersuchungen des Kennewick-Skeletts zu falschen Schlussfolgerungen führten. Nur aufgrund von Skelettmerkmalen lassen sich die Verwandtschaftsbeziehungen von archäologischen Einzelfunden wie dem «Kennewick Man» prinzipiell nicht eindeutig rekonstruieren. Das liegt an der enormen Komplexität des menschlichen Körpers, der das Resultat der Interaktion einer großen Anzahl von Genen und Umwelteinflüssen ist. Somit sind die Unterschiede zwischen zwei Individuen derselben Population oft größer als die zwischen Individuen verschiedener Populationen. Während die Struktur von Tausenden von Genen unabhängig voneinander analysiert werden kann und damit klare Verwandtschaftshinweise liefert, bildet die Skelettstruktur eine Einheit, die sich nicht so einfach in ihre Faktoren zerlegen lässt.

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