Luther-Denkmal in Wittenberg: Sein deutsches Wort war nicht das erste.

© AP/Eckehard Schulz

Leben
03/26/2016

Der geheimnisvolle Bibelübersetzer aus Österreich

Übertragung ins Deutsche 200 Jahre vor Luther. Forscher wollen Rätsel lüften.

Rätselhaft und geheimnisvoll: 200 Jahre vor Martin Luther (1483-1546) hat bereits ein Österreicher die Bibel ins Deutsche übersetzt. Die Texte selbst sind seit Jahrzehnten als „Klosterneuburger Evangelienwerk“ bekannt – viel mehr weiß man aber nicht. Denn der „österreichische Bibelübersetzer“, wie er von den Fachleuten genannt wird, „ist als Person ein sagenhaftes Rätsel“, schreibt die Süddeutsche Zeitung. Doch in den kommenden zwölf Jahren sollen viele offene Fragen rund um diese Übersetzung beantwortet werden. In Deutschland werden sich drei Arbeitsgruppen mit der Übersetzung befassen. Gesamtbudget: 4,5 Millionen Euro. Beteiligt sind die Universität Jena, die Berlin-Brandenburgische und die Bayerische Akademie der Wissenschaften.

Dass der Autor aus dem Gebiet des heutigen Österreich stammen musste, schließen die Forscher aus Ortsangaben, die in der kommentierten Übersetzung vorkommen und den Fundorten der überlieferten Kopien.

"Elegante deutsche Prosa"

Laut einer Aussendung der Universität Jena übertrug der österreichische Autor die lateinische Satzfolge „in eine geradezu elegante deutsche Prosa“. Dabei übersetzte er nicht nur, sondern fügte auch mehr Kommentare wie jeder andere Übersetzer hinzu.

„Ich stelle mir vor, dass dieser Mann ein Mönch war und in einem Kloster diese Übersetzungen geschrieben hat“, sagt der Mittelalterspezialist Martin Schubert von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften in der Süddeutschen. Geld habe für den Übersetzer wahrscheinlich keine Rolle gespielt, sonst wäre eine derart zeitintensive Arbeit kaum möglich gewesen. Andere Experten wiederum meinen, dass er ein Laie gewesen sein muss, der das Recht der Laien auf die Bibel in der Volkssprache vehement verteidigte.

Und: „Der österreichische Bibelübersetzer lebte in einer Zeit und Region, in der die Bevölkerung immer mehr vom Glauben abfiel“, so die Süddeutsche. Eine volksnahe Übersetzung sollte neues Vertrauen in die Heilige Schrift und die Kirche schaffen. „Wäre der Buchdruck damals bereits erfunden gewesen, womöglich hätte der österreichische Bibelübersetzer die Reformation 200 Jahre früher angeschoben.“

Sein Handikap im Vergleich zu Luther: Der Buchdruck war zu seiner Zeit noch nicht erfunden – was die Verbreitung seiner Übersetzung erschwerte. „Luthers Übersetzung ist ohne Frage genial“, sagt einer der Projektleiter, Jens Haustein von der Uni Jena, in einer Presseaussendung. „Doch profitierte er auch davon, dass sein Werk direkt gedruckt und so in größerer Zahl vervielfältigt werden konnte“.

In dem Projekt „Der Österreichische Bibelübersetzer. Gottes Wort deutsch“ sollen alle 27 Textzeugnisse, die sich in zahlreichen Bibliotheken in Österreich und Deutschland befinden, genau analysiert und bearbeitet werden. Ziel sind eine gedruckte und digitale Gesamtausgabe.

„Den Forschern steht eine Sisyphosarbeit bevor, die in weiten Teilen per Hand zu leisten sein wird“, so die Süddeutsche. Bei dem Projekt handelt es sich um eines der größten geisteswissenschaftlichen Forschungsprogramme Deutschlands.

Dass Luther von den Arbeiten seiner Vorgänger wusste, davon gehen die Wissenschaftler inzwischen übrigens nicht mehr aus.