Leben
06.06.2018

"Casa Sonnwendviertel": Alt und Jung unter einem Dach

In dieser neuen Einrichtung eines Wiener Caritas-Tochterunternehmens lernen Kinder und Senioren – voneinander.

Eine nette und vor allem alltagstaugliche Arbeitsteilung findet heute auf der Terrasse im zweiten Stock statt: Die beiden Bewohnerinnen im neuen Pflegewohnhaus im Sonnwendviertel beim Wiener Hauptbahnhof halten die Blumentöpfe, während die beiden Mädchen aus dem Kindergarten Blumenerde hineinschaufeln.

Die Mädels lernen von Maria Müller und Elisabeth Gerbasits, die vom Alter her ihre Großmütter bzw. Ur-Großmütter sein könnten, wie man Lavendel und Fuchsien einsetzt. Und sie erkennen dabei auch, dass man mit älteren Menschen Geduld haben muss. Weil diese nicht mehr so gut hören, nicht so gut sehen und nicht so zielgerecht hantieren können.

Und die beiden Bewohnerinnen? „Sie erfreuen sich am Elan, an der Lebensfreude der Kinder“, sagt ihre diplomierte Betreuerin Lisa Sandgruber. Dabei blühen sie hier auf der Terrasse förmlich auf.

Unter einem Dach

„Sie können viel voneinander lernen“, beschreibt Dagmar Treitl den Vorteil von der „Casa Sonnwendviertel“, einem Haus, das sie leitet und das von einem Tochterunternehmen der Caritas geführt wird.

85 Kinder und 84 Senioren erhalten unter dem gemeinsamen Dach die Chance, einander täglich zu begegnen. Dieses Konzept ist nicht ganz neu – aber auch noch lange nicht Standard in Österreich.

In der Hausgemeinschaft einen Stock darunter liest Maria Tuider mit ruhiger Stimme ihren jungen Zuhörern aus dem dicken Märchenbuch vor. Heute stehen „Die Bremer Stadtmusikanten“ auf ihrem Programm. Für die agile 72-Jährige ist das Vorlesen ein gutes Training, um geistig fit zu bleiben. Zudem freut sie sich über die Aufmerksamkeit der Kinder. Ihre Stimme bringt diesen kurzfristig Beruhigung in ihrem aufregenden Leben. Bald sind die jungen Zuhörer mit ihren Gedanken im Märchen. Dabei müssen sie sich auf den Vortrag konzentrieren. Nicht alle haben übrigens Großeltern, die für sie daheim vorlesen.

Regelmäßig kommen die älteren Hausbewohner mit den Kindergartenkindern zusammen: Bei Feierlichkeiten im Jahreskreis, Geburtstagsjausen oder anderen Aktivitäten im modern eingerichteten Veranstaltungssaal. Einige haben auch eine Patenschaft übernommen. Als Paten haben sie nicht nur Pflichten, ganz im Gegenteil.

Es ist nicht zuletzt die Unbeschwertheit der Kinder, die von den durchaus berechtigten Sorgen im Alter und körperlichen Beschwerden ablenkt. Wie locker und lustig Fünfjährige mit gemeinsam erlebten Situationen umgehen, kann in der Sekunde für allgemeine Heiterkeit sorgen. Und mit einem Mal verwandeln sich zig Alters- in Lachfalten.

Schuhband als Chance

„Unser Ziel ist es, ein Leben wie zu Hause zu ermöglichen“, erklärt Lisa Sandgruber. „Angehörige sind immer fixer Bestandteil des Lebens in einer Familie. Und Kinder sind es somit auch.“

Öfters müssen auch in der "Casa Sonnwendviertel" Schuhbänder gebunden werden. Eine willkommene Gelegenheit für ältere Menschen, um ihr Wissen gewinnbringend weiterzugeben und nicht zuletzt an ihrer Feinmotorik in den Fingern zu arbeiten.

Nähere Infos unter: www.casa.or.at