Bälle: Das sind die guten Seelen im Hintergrund

Sie verkaufen Karten, schminken Ballmütter und beruhigen nervöse Debütanten. Höchste Zeit, die unbekannten Helfer der großen Tanzevents vor den Vorhang zu bitten.
Eine Frau hält zwei verschiedene Kronen in ihren Händen.

Die Ballsaison 2016 ist gestartet – und sie hat es in sich. Da der Aschermittwoch, der traditionell das Ende des Faschings markiert, heuer bereits auf den 10. Februar fällt, finden die meisten Bälle des Landes in den kommenden vier Wochen statt.

Paare tanzen in einem Ballsaal mit Zuschauern auf den Galerien.
Philharmonikerball 2015

Ein erstes Highlight ist der elegante Ball der Philharmoniker am kommenden Donnerstag. Die Tickets gehen jedes Jahr schnell weg, berichtet eine, die es wissen muss: Michaela Brenneis sitzt seit zehn Jahren im Kartenbüro am Ring. Sie ist eines der vielen "unsichtbaren" Helferlein, ohne die die aufwendigen Events nicht möglich wären. So wie Eva Bucek, die mit viel Einfühlungsvermögen für das Wohl der Debütantinnen und Debütanten des Opernballs sorgt. In der Staatsoper feiert man heuer einen runden Geburtstag: Es ist der 60. Ball seit dem Zweiten Weltkrieg.

Wo der Opernball ist, ist der Rosenball nicht weit – das schrille Event findet traditionell am selben Tag statt. Nur die wenigsten wissen: Ohne Emir Tuncman wäre der Rosenball nur halb so bunt. Er gestaltet nicht nur Kostüme und Deko, sondern auch das "Gesamtkunstwerk" Miss Candy. Dem KURIER verriet er, an welchem ungewöhnlichen Ort sich die Ballmama am liebsten schminken lässt.

Eine Dragqueen mit auffälligem Make-up und historisch inspiriertem Kostüm lächelt.
Ballorganisator Holger Thor "Miss Candy" während der Pressekonferenz für den Rosenball 2016. Wien, 11.01.2016. Der Ball findet am 04. Februar zum 25. Mal statt.

Für Naschkatzen sind Kaffeesieder- und Bonbonball die richtigen Adressen. Während Artur Dabrowski aufpasst, dass jedes Zuckerl auf seinem Platz liegt, verkauft Clarissa Riedlinger mit großer Begeisterung Tombola-Lose. Vorhang auf für die Helfer im Hintergrund.

Der wichtigste Tag des Jahres beginnt für Eva Bucek mit einem ausgiebigen Frühstück, denn: Die Nacht wird lang. Seit 30 Jahren arbeitet die 55-Jährige für die Staatsoper und somit auch für den Opernball. "Zuerst war ich das, was man in der Küche Schnibbelhilfe nennt", erzählt sie lachend. Nach und nach übernahm Bucek mehr Aufgaben, heute schupft sie mit Desi Treichl-Stürgkh und Eva Dintsis die gesamte Ball-Organisation. Eine ihrer Hauptaufgaben ist die Betreuung der Debütanten – und die bedarf manchmal starker Nerven. Ein Vorfall blieb dem Opernfan besonders im Gedächtnis: "Ein paar Tage vor dem Ball stand plötzlich eine Debütantin tränenüberströmt in unserem Büro – ihr Tanzpartner hatte sich vertschüsst." Das Team bewahrte Ruhe und trieb in der Tanzschule Svabek einen "Ersatz" auf. "Schlussendlich hatte das Mädchen einen wunderbaren Abend. Monate später – sie war Deutsche – kam sie noch einmal nach Wien und hat sich bedankt. Das freut einen sehr."

Dass sie während der Vorbereitungen in eine Mutterrolle schlüpft, leugnet die ehemalige Studentin der Theaterwissenschaften erst gar nicht. "Das ist ganz sicher so. Manche verkrampfen sich und versemmeln jeden Schritt. Ihnen sage ich dann, geht raus und dreht eine Runde in der frischen Winterluft. Danach geht es meistens wieder." Ein weiterer guter Rat an die jungen Paare: keine Diäten vor dem Ball, ordentlich essen, viel trinken. Für die Tänzer, die der Aufregung nicht standhalten, hält das Team um Bucek im Orgelsaal Bananen, Mineral und Traubenzucker bereit.

Nach der Eröffnung flitzt Eva Bucek durch die Oper und hilft, wo sie gebraucht wird. "Jedes Mal, wenn mir ein Eröffnungspaar über den Weg läuft, gratuliere ich und sage, wie toll sie es gemacht haben. Wenn dann die Mütter und Omas ganz stolz daneben stehen... dann ist das einfach ein wunderschönes Gefühl."

Wer im Kartenbüro der Wiener Philharmoniker anruft, gerät mit großer Wahrscheinlichkeit an Michaela Brenneis. Seit zehn Jahren arbeitet die 36-Jährige für das berühmte Orchester, mit dem Ball ist sie von August bis Jänner beschäftigt. "Nach dem Neujahrskonzert gibt es kein anderes Thema mehr", lacht sie – Zwölf-Stunden-Tage sind in den Wochen vor dem Fest die Regel. Neben der kompletten Ausstattung im Musikvereinssaal ist die studierte Politikwissenschaftlerin für den Karten-, Tisch- und Logenverkauf zuständig – da ist Feingefühl gefragt. Mittlerweile weiß Brenneis, welche Prominenten lieber in einem ruhigen Eck sitzen und welche einen Tisch an der Tanzfläche präferieren. "Man erlebt schon allerhand: 2015 waren wir am ersten Vorverkaufstag ausverkauft. Das hat uns natürlich gefreut, aber es hat auch einige Schwierigkeiten mit sich gebracht." Denn so mancher wollte partout nicht einsehen, dass die Anzahl der Karten behördlich begrenzt ist. "Ein Mann kam ins Büro, lehnte sich an den Tresen und sagte: ‚Waun i Kortn braucht hob, hob i immer no wöche kriagt.‘" Er bekam keine.

Hart und trotzdem freundlich zu bleiben, darin ist Brenneis nach zehn Jahren im Kartenbüro Profi. "Die Leute versuchen alle möglichen Interventionen: sei es über Prominente, bekannte Orchestermitglieder oder Vorstände von irgendwelchen Firmen. Aber Vitamin B bringt nichts – wenn die maximale Besucherzahl erreicht ist, kann der sprichwörtliche Kaiser von China kommen und wird keine Karte mehr bekommen." Heuer gelang es, etwas mehr Tickets in den Verkauf zu bringen. "Dem Mythos, dass es unmöglich ist, Karten für den Philharmonikerball zu ergattern, konnten wir Gott sei Dank entgegenwirken."

Ohne Kaffee geht für Emir Tuncman in den Wochen vor dem Rosenball gar nichts. Bis zu 20 Stunden pro Tag werkt der 37-Jährige an den Kostümen für die Promotoren – und an jenen für die Ballmami Miss Candy.

Die Szene-Lady lernte Emir vor 20 Jahren im U4 kennen, wo der erste Rosenball stattfand. Seit 1998 ist der Hetzendorf-Absolvent nun – mit Unterbrechungen – für das schrille Event im Einsatz, fünf Jahre davon als Art Director: Er gibt das Motto vor, schminkt die "Chefin", entwirft Einladungen, Plakat, Kostüme. Mit Miss Candy ist Emir so gut eingespielt, dass gar keine Anprobe mehr nötig ist. "Sie weiß genau, was sie möchte, und ich weiß es auch." Nämlich: ein elegantes Abendkleid für den roten Teppich ("heuer wird es, passend zum Märchen-Motto, ein Cape haben") und ein kurzes Outfit für ihren Auftritt. Emir selbst kommt in schlichtem Schwarz. "Leider habe ich keine Zeit, für mich etwas zu nähen oder zu kaufen. Angezogen wird, was im Kasten hängt." Das große Schminken findet kurz vor Ballbeginn statt – im Liegen: "Miss Candy lässt sich am liebsten schlafend auf dem Massagetisch schminken. Da kann sie noch einmal wunderbar entspannen, bevor es so richtig stressig wird."

Während der Party-Nacht weicht Emir nicht von Miss Candys Seite. "Ich halte mich die ganze Zeit in ihrer Nähe auf, um ihr Make-up nachzubessern und beim Umziehen zu helfen." Die Rolle im Hintergrund ist ihm "mehr als recht": "Wenn sie fotografiert wird, verstecke ich mich, damit ich nicht im Bild bin."

Der Ball der Wiener Kaffeesieder ist für Clarissa Riedlinger seit vielen Jahren ein Fixtermin. Die 53-Jährige, die als Röntgenassistentin im Wilhelminenspital arbeitet, ist die wichtigste Anlaufstelle für Tombola-Teilnehmer: Um 21.00 und um 23.00 Uhr verkauft sie neben der Feststiege in der Hofburg Tombola-Lose – immer eines pro Person.

Eine Frau mit Brille und Fächer steht auf einer Treppe.
Clarissa Riedlinger verkauft Tombola-Lose am Kaffeesiederball, Wien am 14.01.2016.

Lohn bekommt die Mutter einer Tochter dafür keinen – abgesehen von einem Getränkegutschein für den Ball. "Aber wegen des Geldes mache ich es ohnehin nicht", erzählt sie. "Das Lose-Verkaufen und das ganze Drumherum machen einfach großen Spaß. Es ist, als würde man zu einem Treffen mit Freunden gehen." Über die Jahre sind im "Tombola-Team" gute Bekannt- und Freundschaften entstanden, "obwohl man sich meistens nur dieses eine Mal im Jahr sieht".

In den 17 Jahren als "Los-Lady" hat Riedlinger nicht nur gute Erfahrungen gemacht. "Seit Kurzem haben wir einen Security-Guard, weil manche Leute nach vorne drängen oder ungut sind. Ich versuche aber immer, zu kalmieren und freundlich zu bleiben." Die meisten Ballbesucher wissen ihre Freundlichkeit zu schätzen. "Manche kaufen ein Los und schenken es mir. Das finde ich immer besonders charmant." Wer gewinnt, darf sich eine der Torten, die im Foyer aufgebaut sind, mit nach Hause nehmen. "Die sind immer unbeschreiblich gut", schwärmt Clarissa, die ihren nächsten Ball kaum erwarten kann.

Seine Mitarbeiter sind sich einig: Ohne Artur gäbe es keinen Bonbonball. Der 46-Jährige ist seit einem Vierteljahrhundert im Marketing von Manner tätig und läuft vor dem süßen Ball, den die Schnittenfirma sponsert, zur Höchstform auf. Stände mit Zuckerln, die selbst gebaute "Casali-Bar" oder der exotische "Casali-Saal", der kurz vor dem Event mit Palmen und rot-grünen Lichtern ausgestattet wird – alles passiert unter Arturs Aufsicht.

Ein Mann befestigt ein Schild mit der Aufschrift „Manner Miss Bonbon 2016“.
Bonbonball

Stress ist der quirlige Wiener mit polnischen Wurzeln gewöhnt. Aber einmal wurde es selbst ihm beinahe zu viel: "Wegen einer Veranstaltung konnten wir erst um ein Uhr nachts am Vortag mit dem Aufbau beginnen – das war schon anstrengend", sagt er und lobt die Techniker vom Konzerthaus: "Sie arbeiten oft stundenlang in der Nacht. Am Tag danach zu Mittag ist vom Ball keine Spur mehr."

Arturs Lieblingsaufgabe aber ist eine andere: Mit leuchtenden Augen erzählt er von der jährlichen Wahl zu "Miss Bonbon", dem Höhepunkt der Ballnacht. "Das ist wirklich eine lustige Sache. Die Kriterien sind anders als bei einer normalen Miss-Wahl: Es geht nicht um Schönheit oder Modelmaße, sondern um Ausstrahlung."

Eine Frau mit Schärpe sitzt auf einer Waagschale, während zwei Männer Manner-Waffelpackungen auf die andere Seite legen.
Bonbon-Ball, Miss Bonbon 2014; 28. 2. 2014, Wiener Konzerthaus, Manner; Photo: Bernhard Noll / Manner

Sobald die neue Miss gekrönt ist, hat Artur seinen großen Auftritt: Er wiegt die Gewinnerin mit Mannerschnitten auf. "Sie sitzt auf einer Seite der Waage und ich schaufel so lange Schnitten auf die andere, bis ein Gleichgewicht entsteht." Die Anzahl der Packungen wird von der Miss für einen guten Zweck gespendet. Eines ist Artur besonders wichtig: "Ich sage nie, wie viele Kilo die Miss hat – nur, wie viele Schnitten sie wiegt."

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