Leben
30.04.2018

Ausstellung in Wien: Liebeserklärung an das Fahrrad

In der Nordbahnhalle wird eine gefühlvolle Schau rund ums Fahrrad gezeigt. Viel dazu beigetragen hat Markus Böhm.

Die historische Lagerhalle an der Nordbahn verbirgt sich in der allerletzten Stadtwildnis zwischen Praterstern und Millennium-City. Sie ist dennoch gut erreichbar, am besten mit dem Fahrrad, am zweitbesten zu Fuß, von der U-Bahn-Station der U1 in der Vorgartenstraße, durchs neue Wohnquartier rund um den Bednar-Park.

Markus Böhm erkor die von wildem Gestrüpp umrahmte Nordbahnhalle schon vor einigen Tagen zu seinem aktuellen Lebensmittelpunkt. Viel hat er daran gesetzt, dass seine Fahrrad-Fotografie-Sammlung Palmeri nach der Ausstellung im Vorjahr auf der Burg Hollenburg auch in Wien in einem würdigen Ambiente gezeigt werden kann. Es ist ihm in der Tat gelungen.

Schnappschüsse von unterwegs

1/8

Deutschland West, 1970:

Die jungen Frauen freuen sich in ihrem Urlaub über eine holprige Ausfahrt auf drei Rädern.

Österreich, 1930:

Prost auf das Radfahren! Aufgenommen seinerzeit in der Nähe des Neusiedlesees.

England, 1898:

Tea Time  muss sein! Die Ladys mit Hut gönnen sich während ihrer Landpartie eine Tasse Tee.

Frankreich, 1920:

Der Monsieur am Wegrand zeigt seinen Begleiterinnen, wie Savoir-vivre genau geht.

Ungarn, 1960:

hurrá, bicikli! Heute wieder mal Party auf dem selbst gebauten Transport-Drei-Radler.

Serbien, 1970:

Weit abseits der Adria ein schöner Tag mit Boot und Klapprad im Tito-Jugoslawien – am  linken Donauufer.

USA, 1965:

Der amerikanische Jugend-Traum in der Form des in der Wiese liegenden Bonanzarads.

Wachau, 1940:

Lange bevor der Donau-Rad-Weg zum Tourismus-Magneten avancierte.

Bewegende Momente

Und da hängen sie nun, seine Fotografien, schwarz-weiß, im Maßstab 1:12 vergrößert, über Kopf, überlebensgroß. Sie geben Einblick in die Erlebnisse der exzentrischen Radpioniere des 19. Jahrhunderts. Daneben zu sehen sind Familien-Schnappschüsse aus aller Welt (als Zeugnisse für eine noch nicht geschriebene Sozialgeschichte des Radfahrens) sowie bewegende Momente der Zeit- und Radsportgeschichte.

Und es ist das Leuchten in müden, von zu viel Arbeit zeugenden Augen, das Zeugnis von purer Leidenschaft gibt. Markus Böhm hat mit einem kleinen feinen Team die Ausstellung Bicyles! A Love Story kuratiert. Nach fünf Jahren Arbeit blickt er erleichtert zu seinen Fotos auf.

„Ich habe in dieser Zeit Tag und Nacht nach Fotos gesucht“, erklärt der Sammler. Gefunden hat er sie bei vielen kleinen Online-Auktionen zwischen Berlin und Triest, New York und Tokio. Und ersteigert hat er sie auch. Ja, er hat auch einiges an privatem Geld investiert, um in den Besitz der alten Ansichten zu gelangen.

Die Liebe zum FahrradMarkus Böhm hat sie relativ spät in seinem Leben wiederentdeckt. „Ich bin natürlich als Kind Rad gefahren“, erzählt er. „Aber dann bin ich 25 Jahre lang auf keinem Sattel gesessen.“ Bis er sich ein Rennrad gekauft hat und sich auf den ersten Blick von dessen Ästhetik und dessen Rasanz betören ließ. Fortan baute der Germanist sein Leben rund um das Fahrrad auf. Er gründete den wunderbaren Wiener Concept-Store „Radlager“, als geborener Kremser begann er, die Wachau zu durchmessen, und nicht zuletzt Ansichten vom Radfahren zu sammeln.

Mike & the Mechanics

Im Zuge seiner Recherchen lernte er fast zwangsläufig auch das Wiener Pendant von Mike & the Mechanics, Michael Zappe und seine Fahrrad-Schrauber-Freunde, kennen. Mit deren Hilfe konnte Kurator Böhm nun auch seine Foto-Installationen formschön anreichern: mit außergewöhnlichen Fahrrädern und Kleinobjekten wie zum Beispiel Helmut Qualtingers Fahrradlenker oder dem Jugendradl von Elvis Presley aus dem Jahr 1948 (Leihgabe des Elvis-Museums) sowie dem Steyr-Waffenrad des Autors Thomas Bernhard.

Der Kurator erklärt respektvoll: „Das hat er sich gekauft, als die Ölkrise begann.“ Ebenso sehenswert: ein Rennrad, das bereits schön Patina angelegt hat. Mit dieser Leihgabe fuhr einst die Züricher Radsport-Legende Hugo Koblet, der (als erster Nicht-Italiener) im Jahr 1950 den Giro d’Italia gewonnen hat – und nur einen Sommer später auch die Tour de France.

„Ein Lebensgefühl“

Bei seinen Recherchen stieß Markus Böhm, der sich selbst als Alltagsradler bezeichnet, auf unglaublich viel Leidenschaft: „Ich bin immer noch erstaunt, wie viel Liebe zum Detail in so einem Fahrrad drinnen steckt. Und wie viel Liebe Menschen für ihre Fahrräder aufbringen. Das Rad ist kein reines Fortbewegungsmittel, es ist mehr: ein Lebensgefühl.“

So warfen sich die Radpioniere vor der Jahrhundertwende in feinstes Tuch, wenn sie auf oder neben ihrem Fahrrad vor dem Fotografen posierten. Das Fahrrad war für diese First Mover Status- und Luxusobjekt.

Und noch etwas fasziniert ihn: „Wie viel das Fahrrad bewirken kann, von den persönlichen Gesundheitseffekten bis zum Erreichen globaler Klimaziele.“

Die Ausstellung ist in jedem Fall eine Liebesbekundung. Sie spannt einen weiten thematischen Bogen von der Erfindung der Draisine bis zu einem ferrariroten Gefährt, das aussieht wie ein Sportwagen, in Wahrheit aber wie ein Liegerad mit Muskelkraft angetrieben wird.

Eine Hoffnung verbindet der Kurator mit seiner Ausstellung auch: „Dass sie nach ihrer zweiten Station in Wien auf Weltreise gehen und an möglichst vielen Orten gezeigt werden kann.“ Anfragen gibt es bereits. Kommt Zeit, kommt Rad: Die Ausstellung in Wien läuft jedenfalls noch bis 3. Juni, danach möchte Markus Böhm sein Rennrad, das von der altehrwürdigen Wiener Fahrrad-Manufaktur RIH erzeugt wurde, von der Wand der Nordbahnhalle nehmen und damit wieder raus in die ihm so vertraute Wachau radeln.

Bicycles! A Love Story“: die Ausstellung in der Wiener Nordbahnhalle

Die historische und akustische Hauptachse der Ausstellung ist eine multimediale Installation – in Form einer 35 Meter langen und 8 Meter hohen Raum-Diagonale. Diese zeigt fotobedruckte Fahnen (Fotos aus der Sammlung  Palmeri– im Maßstab 1:12 vergrößert), Großprojektionen sowie Exponate aus 201 Jahren Fahrrad-Geschichte. Diese sollen laut Ausstellungsmacher Markus Böhm, Maris Liska, Sophie Sacher und Max  Demets „durch die musikalischen Klanginseln beseelt werden“. Originale Stiche und Grafiken entlang der Wände ergänzen die Installation.

Was sonst noch geboten wird

In der kleineren Halle nebenan wird die Zukunft des Fahrrads mit dem Fokus auf urbane Mobilität und Nachhaltigkeit thematisiert (u. a. zu sehen: der Rad-Ferrari „Fahrradi“). Im Rahmenprogramm sind Filme rund ums Fahrrad zu sehen, zudem sollen Mobilitätsexperten und Fahrradlegenden zu Wort kommen.  Auf dem Programm steht auch eine Wahl zur Miss und zum Mister „Bicycle!“. Auch nicht zu verachten: unter allen   Ausstellungsbesuchern gelangt ein maßgefertigtes Rahmenset (Rahmen und Gabel) „made by moos.bike“ zur Verlosung.

Weitere Schmankerln

Das erste und vermutlich einzige erhaltene Rad-Navi der Welt aus dem Jahr 1896, Hundepistolen, Peitschen und ein nach Original- rezept produzierter Tonic-Wein zum Kosten. Dieser enthält u. a. Wermut, Hibiskus, Jasmin, Bergamotte sowie Coca-Nuss und schmeckt leicht bitter.

Was man noch wissen sollte

Genaue Adresse der Nordbahnhalle: 1020 Wien, Leystraße 157. Die Ausstellung läuft bis zum 3. Juni. Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag, 10–21 Uhr. Eintrittspreis: 5 €.
www.bicycles-exhibition.com