Leben
28.06.2018

Auch diese Lehrerin freut sich über den Schulschluss

Gerda Reißner unterrichtet einer Neuen Mittelschule in Wien, auch dieses Schuljahr hat ihr viel abverlangt.

„So, meine Damen und Herren, wir hören jetzt die Storchengeschichte.“ Es gibt Momente im Berufsleben der Pädagogin Gerda Reißner, in denen ihr Engagement belohnt wird: Adam und Aleksander treten vor ihre Klasse, und lesen die Storchengeschichte nicht einfach vor, sie performen sie im Beinahe-Burgtheater-Deutsch.

Großes Theater heute in der 1B: Die Muttersprache von Adam ist Arabisch, jene von Aleksander ist Serbisch. Und ja, der elfjährige Adam hat vor zwei Jahren kein Wort Deutsch verstanden – geschweige denn gesprochen.

Ein ehrgeiziges Ziel

Gerda Reißner kann zufrieden durchatmen. Sie ist eine von dreißig Lehrern und Lehrerinnen in einer Neuen Mittelschule in Wien-Währing. Sie hat sich im Laufe von 39 Berufsjahren ein übergeordnetes Ziel erarbeitet, das lautet: „Ich versuche, in jeder Stunde das Beste aus den Kindern rauszukitzeln.“

Ein ehrgeiziges, ein kräfteraubendes Ziel. Auch ein Ziel, das nicht ganz in das Klischee vom faulen Lehrerstand passt. Denn nicht immer sind Adam, Aleksander und Co. derart konzentriert wie bei der Storchenstory.

Mehr als zwanzig Kinder gehen mit den beiden Buben in die 1B, sie stammen alle nicht aus Währinger Elite-Familien. Den Wenigsten wurde zu Hause aus Büchern vorgelesen. Nur ein Schüler gibt auf Nachfrage an, dass er mit den Eltern Deutsch spricht.

Als nach 25 Minuten der Unruhepegel im Klassenraum deutlich ansteigt, muss die Motivatorin in ihre Trickkiste greifen. Diese ist nicht zuletzt mit zahlreichen Zusatzausbildungen gefüllt.

In der 12-Uhr-Pause steigt der Lärmpegel weiter an. Und Gerda Reißner spürt zum ersten Mal an diesem Schultag so etwas wie diffuse Gereiztheit. „Ich werde nicht jünger“, sagt sie, „und ich merke, dass mir mit zunehmendem Alter der Lärm zusetzt.“

Dabei wären es weniger die Kinder, die ihr zu schaffen machen. Denn die verhalten sich in ihren Pausen nicht anders als Kinder in Gymnasien. „Nein, es ist der Hall im Stiegenhaus, der manchmal unerträglich ist.“

Viel Körperspannung

Die zehnminütige Pause vergeht schnell. Lehrerin Reißner, seit dem Jahr 1979 im Schuldienst, wechselt fliegend von der 1B in die 3B. Dort wartet eine neue Herausforderung auf sie. „Die Testosteron-Boys“, erklärt sie mit einem Lächeln, dem sie beim Betreten des Klassenraums eine sichtliche Körperspannung folgen lässt.

Aus gutem Grund, wie ihr Generationen von Schülern schonungslos beigebracht haben. Heute weiß sie: „Du musst dir zu Beginn jeder Stunde einen Ruck geben, deine Energien neu hochfahren. Du darfst auch nicht zeigen, wenn es dir schlecht geht. Denn du betrittst jedes Mal aufs Neue eine Bühne, und du bist in diesem Augenblick allen ungefilterten Reaktionen ausgesetzt. Dein Publikum hält dir sofort einen Spiegel vor.“

Ihre Energie ist sofort wieder da, die Pflichtschüler-Dompteurin wirkt souverän. Immerhin grüßen die Boys of Testosteron, denen immer wieder mal die Hormone ihrer Pubertät zu schaffen machen, unaufgeregt. Und auch die Mädchen der dritten Klasse wollen ihr heute nichts in den Weg legen.

Gerda Reißner unterrichtet 21 Schulstunden pro Woche, doch sie zählt alles in allem 60 Arbeitsstunden in diesem Zeitraum. Einige Lerneinheiten bereitet sie am Wochenende vor. Oder in den Freistunden, auf engstem Raum im Konferenzzimmer. Sie beschwert sich nicht. Auch nicht über die Reaktionen von Unbeteiligten, die zunächst schlucken, wenn sie erzählt, dass sie in einer Neuen Mittelschule arbeitet.

War früher alles besser? „Nein“, erwidert Reißner, die viele Schüler kommen und gehen sah. „Als ich hier begonnen habe, wurden wir angehalten, den Unterricht möglichst ruhig zu gestalten.“ Und im Konferenzzimmer gab es früher alles andere als eine flache Hierarchie.

Abschalten an der Adria

Mit leichtem Kopfbrummen geht die NMS-Lehrerin auch heute in Richtung Straßenbahn. Morgen ist ihr letzter Schultag vor den Sommerferien. Da fährt sie mit einer Kollegin für eine Woche an die Adria. Um die Seele baumeln zu lassen, wie sie sagt, „und nicht wieder, wie so oft in den vergangenen Jahren, krank zu werden“.

Ja, Lehrer haben mehr freie Tage übers Jahr als andere Werktätige, und nicht alle sind derart engagiert, aber: Wer nur einen Vormittag lang dem Unterricht von Gerda Reißner beobachten darf, wird ihr jeden Sommerferientag gönnen. Dass sie sich auch in diesem Sommer fortbilden möchte, sei hier auch noch erwähnt.

Neues Buch: Working pur

Das Porträt der Lehrerin ist ein Auszug aus dem neuen Buch „Working pur. Reportagen aus der Arbeitswelt“ (Verlag des ÖGB, 264 Seiten, 19,90 €), verfasst von KURIER-Redakteur Uwe Mauch in Kooperation mit Wolfgang Freitag ("Die Presse") und Franz Zauner ("Wiener Zeitung"). Das Autorentrio beschreibt in 16 Reportagen die teilweise dramatischen Veränderungen der modernen Arbeitswelt.