Ausdrucksstark und berührend: Deborah Voigt als Marie. Thomas Hampson musste absagen.

© Cory Weaver/Metropolitan Opera

Der Sieger heißt Berg
03/08/2014

Der Sieger heißt Berg

"Wozzeck" mit Goerne an der Metropolitan Opera.

von Gert Korentschnig

Das ist selbst in einer Weltkulturhauptstadt wie New York einzigartig: Innerhalb von nur sechs Tagen spielen zwei der bedeutendsten Musiktheater-Institutionen "Wozzeck". Selbstverständlich nicht das schon wieder von den Spielplänen verschwundene Musical. Auch nicht die Oper dieses Namens von Manfred Gurlitt, dem Halbbruder des NS-Kunsthändlers Wolfgang Gurlitt, die nie wirklich auf den Spielplänen war.

Sondern das grandiose, 1925 durch Erich Kleiber uraufgeführte Werk von Alban Berg, das Georg Büchners Vorlage so raffiniert, zwischen Atonalität und kompositorischen Elementen aus der Musikgeschichte changierend, höchst expressionistisch verarbeitet.

Wiener Vorlage

Den Auftakt hatte die Wiener Staatsoper mit ihrem konzertanten Gastspiel in der Carnegie Hall gemacht – der Zuspruch des Publikums für die Wiener Philharmoniker, Dirigent Franz Welser-Möst und die Solisten war ebenso groß wie jener der Kritik.

Nun folgte die New Yorker Metropolitan Opera, die dem Vernehmen nach keine sonderliche Freude damit hatte, dass die Wiener Staatsoper so knapp davor ihre "Wozzeck"-Interpretation präsentiert hatte. Sie wollte der Wiener Besetzung mit Matthias Goerne in der Titelpartie eine bedeutend lyrischere Variante entgegensetzen: Thomas Hampsons Debüt als jener schizophrene Mörder, der als erster in der Kriminalgeschichte auf Zurechnungsfähigkeit getestet worden war.

Daraus wurde leider nichts: Hampson sagte kurzfristig krankheitshalber ab. Der Einspringer: Matthias Goerne, der noch tags zuvor in der Carnegie Hall einen Liederabend gesungen hatte. Er hatte Hampson bei der einer Probe zugeschaut und konnte sich deshalb rasch in die extrem statische, auf Schwarz-Weiß-Ästhetik und Schattenspiele setzende Produktion von Mark Lamos einfügen.

Bekannter Einspringer

Goernes Wozzeck ist von großer Intensität, Wortdeutlichkeit, er pendelt scheinbar mühelos zwischen großen Bögen und rhythmischer Deklamation. Deborah Voigt ist die Marie an seiner Seite, ausdrucksstark und berührend.

Peter Hoare als Kapitän, Clive Bailez als Doktor und Simon O’ Neill als Tambourmajor runden ein famoses Ensemble ab.

Am Pult des präzisen und klanglich exzellenten Orchester saß James Levine, und zwar im Rollstuhl. Die MET hat extra für ihren seit 41 Jahren im Amt befindlichen Chefdirigenten das Pult umgebaut, seit einem Sturz vom Podium in Boston 2006 hat Levine große Rückenprobleme. Sein Dirigat ist sensibel, dann wieder höchst dramatisch, die Zwischenspiele sind berauschend gut gestaltet.

Der Sieger des Duells zwischen Staatsoper und MET ist also… Alban Berg.

KURIER-Wertung:

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