Wiener Staatsoper: Eine Mozart-Premiere auf glattem Parkett
Es ist das Werk zur Zeit - wobei Mozarts Opern sehr oft Werke zur Zeit sind. Und gleichermaßen die Antithese.
"La clemenza di Tito", die Milde des Titus, thematisiert die Sehnsucht nach einem gnädigen Herrscher. Kann der Kaiser selbst jenen, die ihm nach dem Leben trachten, vergeben? Schafft er es, seine Partnerin freizugeben, falls diese jemand anderen liebt, also Verzicht zu üben? Ist wahre Macht zwingend mit der Ausübung derselben verbunden oder vielleicht doch auch mit Zurückhaltung?
Kein Herrscher und weit, der heute agieren würde wie Tito Vespasiano, ob er nun Präsident ist und sich als König fühlt oder einen anderen Titel trägt. Gewalt wird mit Gewalt beantwortet. Die Urteile stehen schon lange fest, noch ehe ein Richter involviert ist. Verzeihen ist nicht gefragt, welches Delikt der mutmaßliche Täter auch begangen haben mag. Die Frage der Milde stellt sich nicht. Milde ist Schwäche, Milde ist etwas für Luschen, Härte ist angesagt. Wahrscheinlich schaut unsere Welt auch deshalb so aus.
Für die Krönung von Kaiser Leopold II. zum König von Böhmen war "La clemenza di Tito" 1791 komponiert worden, durchaus als Hoffnung bzw. versteckte idealisierte Handlungsanleitung. Auch das heute unvorstellbar. Zu einem Regierungswechsel wird eine Oper komponiert und auch aufgeführt? Auf welchem Planeten lebt, wer so etwas nur denkt? Aber vielleicht tut man potenziellen Machthabern auch unrecht, und die "John Otti Band" konzipiert schon großes Musiktheater.
Aber spürt man die Dringlichkeit des Themas Macht, die Frage, welche Körperteile die wichtigsten Entscheidungen treffen, in dieser Neuproduktion der Wiener Staatsoper? Wenn, dann nur in Ansätzen. Immerhin reagierte das Publikum am Ende milde und mit Zustimmung.
Jan Lauwers, der belgische Theatermacher, Choreograf und Bühnenbildner führte Regie, und er wählte einen sehr poetischen Ansatz. Er lässt die meiste Zeit hindurch (erstklassige) Tänzer die jeweiligen Stimmungen und gesanglich verhandelten Probleme körperlich darstellen bzw. interpretieren. Manches versteht man, einiges verpufft. Der Anfang ist spektakulär, wenn die Vorgeschichte, nämlich das erzwungene Ende der Liebe von Titus zu Berenice (Nikola Majtanova), erzählt wird: Eine Tänzerin wird von einer Männerwelt über die Bühne gejagt, dann auf Händen getragen, schließlich fallen gelassen. Ein kluges Statement zum Umgang von manchen Mächtigen mit Frauen. Mit der Zeit ermüdet diese tänzerische Doppelung der Emotionen jedoch und man würde lieber zuhören als andauernd Bewegungen zu deuten.
Die Bühne selbst besteht nur aus einem schräggestellten Parkettaufbau, Typ Fischgrät, und man könnte sich fast in einem Geschäft für Bodenbeläge wähnen. Diese Leere, dieses glatte Parkett der Mozart-Oper, müsste man mit erzählerischer Kraft füllen, davon gibt es jedoch nicht ausreichend. Lauwers reduziert die Geschichte auf die Schicksale der einzelnen Figuren, die Summe dieser szenischen Schnipsel ist aber weit weniger als das große Ganze bei Mozart.
Sesto, der beste Freund von Titus und sein Attentäter, spielt gut und leidet glaubhaft in dieser ambivalenten Rolle. Titus selbst vollbringt ein Wunder, indem er, nach dem Anschlag an den Rollstuhl gefesselt, diesen plötzlich wegwirft und problemlos wieder gehen kann. Die intrigante Vitellia singt und singt und steht und steht.
Gut geführt und einstudiert ist der Chor, der sich auch intensiv bewegen muss. Das kraftvollste Bild ist jenes beim Attentat auf Titus, als die Massen auf der Bühne durch Filmausschnitte aus "Panzerkreuzer Potemkin" von Sergej Eisenstein vervielfacht werden. Die meiste Zeit ist es auf der Bühne jedoch so einsam wie im Herzen des Herrschers.
Die Kostüme (Lot Lemm) sind historisierend, jeder einzelne Darsteller spielt die ganze Zeit hindurch barfuß. Vielleicht ganz angenehm beim Testen eines neuen Parkettbodens.
Man versteht bei dieser Inszenierung den Versuch der Reduktion, man versteht aber bei weitem nicht alles.
Auch Dirigent Pablo Heras-Casado setzt auf Zurückhaltung, auf Poesie und Feinheit. Und das gelingt in manchen Phasen gut. Das Staatsopernorchester klingt unter seiner Leitung sehr transparent, klar und reduziert, nie zu wuchtig. Man hört, dass Heras-Casado ein Experte für Barockes ist - und dass das Orchester bezüglich Intonation und Phrasierung seinen Weg mitzugehen durchaus gewillt ist. Dieser Mozart kommt nicht an die besten Ergebnisse der Philharmoniker mit Originalklang-Kapazundern heran, ist aber durchaus frisch und erfreulich. Bezüglich der Tempi, der Dynamik, der Differenzierung gibt es aber einige Luft nach oben.
Letzteres trifft auch auf die Sängerriege zu, die insgesamt solide, aber auch nicht mehr ist. Katleho Mokhoabane verfügt als Titus über ein schönes Timbre, gute Höhe, aber nicht allzu viel Ausdruck. Hanna-Elisabeth Müller ist eine Vitellia mit schöner Phrasierung, aber wenig Dramatik und kaum Kraft in den tieferen Lagen - eine gute Sängerin, aber für diese Partie nicht ideal.
Emily D"Angelo hat als Sesto die Abräumer-Rolle, kriegt auch den meisten Applaus, lässt aber einiges an Facetten und Akzentuierung vermissen. Florina Ilie ist eine famose Servilia, Cecilia Molinari ein guter Annio (dass diese beiden Partien eigentlich am besten besetzt sind, ist zumindest ungewöhnlich). Mathaus França orgelt den Publio, tanzt aber lustig.
Keine ganz schlechte Mozart-Premiere. Definitiv keine ganz gute. Mozart verläuft sich im Mittelmaß. "Clemenza" gefragt.
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