Kultur
12.05.2017

Wiener Festwochen: Runter mit den Privilegienrucksäcken

Hyperreality: Die Wiener Festwochen bekommen ein eigenes Festival für Clubkultur, das Regeln brechen möchte.

Queer, Transgender, Polysexualität, Antikapitalismus, Feminismus. Diese Signalwörter ziehen sich wie ein roter Faden durchs Programm der Wiener Festwochen. Sie tauchen auch immer wieder im Gespräch mit Marlene Engel auf, die an der Seite des Neo-Festwochen-Chefs Tomas Zierhofer-Kin sowie Nadine Jessen und Johannes Maile als Kuratorin agiert.

Engel, die in den vergangenen Jahren bei Festivals wie dem sound:frame, Elevate oder Donaufestival tätig war, ist tief in der österreichischen Clubkultur verwurzelt. Bei all diesen Tätigkeiten hat die 32-Jährige stets ihren eigenen Geschmack einfließen lassen. Ihr geht es dabei nicht nur um die Musik, sondern um mehr; um das Große und Ganze; um Diskurs, Konfrontation, Provokation und um Alternativen zur Ausgehkultur; um unterrepräsentierte Strömungen in der Clubkultur; um neue Spielarten der elektronischen Musik; um globale, sich dem Mainstream einerseits entziehende und diesen andererseits unterwandernde Kunst.

KURIER: Wann war es klar, dass es eine Clubreihe geben wird? Marlene Engel: Für Thomas-Zierhofer-Kin und mich war es bereits im Vorfeld klar, dass wir im Rahmen der Festwochen so einen Schwerpunkt setzen wollen. Denn in Wien gibt es oder gab es schon lange kein experimentelles elektronisches Clubfestival mehr, das sich mit globalen Subkulturen und gängigen Hierarchien im Club auseinandersetzt – mit Musik, die Pop und Mainstream mit queeren und politischen Messages unterwandert. Wir wollen den Blick in die Zukunft richten, auf neue Kunstformen und Sparten. Als Stadtfestival war es uns außerdem wichtig, den Fokus auf Dinge zu lenken, die hier noch weniger stark repräsentiert sind: weg vom Sprechtheater hin zur Performance, weg von klassischer Musik hin zu zeitgemäßerer elektronischer Musik oder Clubkultur. Wir wollen neue Impulse geben und nicht bereits stark präsente Formate verstärken. Wir werden durch die beiden Spielstätten, das Performeum und das Schloss Neugebäude, außerdem vom Gast zum Gastgeber.

Der Club als idealer Ort ohne Rassismus und Sexismus. Braucht es den heute mehr denn je?
Schon in den 1990er-Jahren war der Club ein Ort der sozialen Utopie, an dem es egal war, welche Hautfarbe man hatte, ob man der homo- und heterosexuellen Welt angehörte oder dem darin implizierten Dualismus nicht entsprechen möchte. Dass es so eine urteilsfreie Zone im Jahr 2017 noch immer braucht, beweisen nicht nur zahlreiche global vernetzte Communities, die mit ihren Partys, ihrer Musik ein gemeinsames Ziel verfolgen: den tanzbaren Protest, Kunst als politisches Ausdrucksmittel. Denn: Was hat sich 25 Jahre nach Michael Jacksons "Black or White" verändert? Nicht viel. Die von Jackson damals sicherlich hoffnungsvoll formulierte Textzeile "It don’t matter if you’re black or white" müsste man heute mit einem Fragezeichen versehen. In meinem utopischen Clubraum und in meinem non-binären Mikrokosmus sind wir alle gleich, in der Realität sieht das aber anders aus.

Wie unterscheidet sich die heutige Szene von der damaligen?
Anders als die Techno-Protestkultur der 1990er-Jahre wird die Musik heutzutage hauptsächlich digital produziert. Auch die Art, wie sie sich verbreitet und wie sie gehört wird, hat sich in den vergangenen zehn Jahren total verändert: Das MP3 reist durch das Internet schneller als der Kontext, aus dem es entstanden ist. Ich wollte ein Programm zusammenstellen, das sich mit dieser Veränderung, den neuen Produktionsbedingungen für zeitgemäße, avantgardistische Musik und den irrsinnigen Szenen und Stilen, die daraus entstanden sind, auseinandersetzt.

Die "Akademie des Verlernens" ist das Diskursformat der Wiener Festwochen. Was soll man verlernen?
Es will Diskurs umdenken und Diskurs erlebbar machen. Es werden also nicht fünf Experten zusammensitzen und im Beisein des Publikums ihre Expertisen von der Bühne predigen, sondern die Teilnehmer auf Augenhöhe abholen, sie einbinden und mit ihnen in Austausch treten. Mit dabei sind u.a. Gayatri Chakravorty Spivak, Akteure des "Wiener Alltags" wie der berüchtigte Ali OTK. An der Schnittstelle Diskurs und Performance ist Hamamness, ein aufblasbarer Hamam im Performeum. Es geht ums Ablegen versteckter Privilegienrucksäcke, die wir umgehängt haben.

Für das Programm gab es auch Kritik. Wie gehen Sie damit um?
Ich habe gar nicht so viele negative Sachen gehört. Wir setzen heuer eben andere Impulse, lassen einiges weg und machen nicht "more of the same", sondern sehen uns neue Bereiche an, verfolgen einen anderen Ansatz. Dass man es dabei nicht jedem recht machen kann, ist klar. Mir ist wichtig, dem Publikum spannende Wege abseits der ausgetrampelten Pfade zu zeigen. Das Programm ist vielfältig programmiert und inhaltlich mit Brüchen versehen.

Langjährigen Festwochen-Besuchern sind viele Namen im Programm wohl fremd. Was würden Sie diesen empfehlen?
Da wäre Princess Nokia, die losgelöst von kapitalen Strukturen und Zwängen, sprich ohne Label, autonom, ihre Musik veröffentlicht und trotzdem zu einem Star der neuen Bühnen unserer Zeit geworden ist. Sie denkt mit ihren queeren Texten das Hip-Hop-Genre vorwärts. Dann kommt der im Umfeld von Príncipe Discos, einem Label aus Lissabon, agierende DJ Nigga Fox, der in seinen Tracks und Sets Kudoro, ein Musikstil bzw. Tanz, der ursprünglich aus Angola stammt, mit westlicher Clubmusik kreuzt. Zu Gast ist auch GQOM – so nennt sich ein Projekt aus Durban in Südafrika, bei dem junge Künstler auf billigen Geräten ihre Version von House-Musik produzieren. Ein hypnotischer, monotoner, aber enorm treibender Sound. Und NON ist ein Label, das von drei Menschen betrieben wird, die auf unterschiedlichen Kontinenten leben. Diese Mikrokulturen sehen das Internet nicht als Problem, sondern als Chance, als Plattform, die nicht den kapitalistischen Strukturen unterworfen ist.

Performances mit Aufblas-Hamam in Favoriten

Im "Performeum" in der Laxenburger Straße 2a in Favoriten haben die Wiener Festwochen (bis 18. 6.) ihr Festivalzentrum eingerichtet – zugleich ihr wichtigster Aufführungsort – u.a. mit der Ausstellung "The Conundrum Of Imagination" und Aufblas-Hamam.

Musiktheater in weitesten Sinn gibt es mit Mozart goes Popkultur im Museumsquartier bei "Les Robots ne conaissent pas le Blues oder Die Entführung aus dem Serail" (26. 5.): Oper trifft auf Performance, afrikanische und elektronische Beats treffen auf die Musik Mozarts, in der Opernregie von Benedikt von Peter und der Formation Gintersdorfer/Klaßen. Mit den Showbizstars SKelly und Franck Edmond Yao alias Gadoukou la Star sind zudem Meister des "Couper Decaler", Westafrikas erfolgreichstem Tanz- und Musikstil, auf der Bühne zu erleben.

Als Hip-Hop-Oper konzipiert ist "Ishvara" (13. 5.)des Chinesen Tianzhuo Chen. Regisseur Ivo van Hove widmet sich mit "Obsession" (31. 5.) dem gleichnamigen Film von Luchino Visconti. Mit "Democracy in America" (23. 5.) gastieren Romeo Castellucci und seine Societas im Volkstheater. Das israelische Kollektiv Mammalian Diving Reflex ist mit den Performances "Haircuts by Children" (20. 5.) im Franz und Gloria und "All the Sex I" ve Ever Had" (30. 5.) im Theater Akzent vertreten. Die Gruppe Saint Genet führt mit "Promised Ends: The Slow Arrow of Sorrow and Madness" (16. 5.) ein "assoziatives Theater der Grausamkeit" auf. " Hyperreality" (24. bis 27. 5.) ist ein Festival for Club Culture im Schloss NeugebäudeIn Und Jonathan Meese bringt mit Komponist Bernhard Lang seinen ganz eigenen Parsifal auf die Bühne: "MONDPARSIFAL ALPHA 1-8" (ab 4. 6. im Theater an der Wien) nennt sich die "ERZMUTTERZ DER ABWEHRZ".

Alle Infos unter www.festwochen.at