Auf den Spuren von Egon Schieles Spachtel
Man soll das Leben vom Werk trennen, heißt es oft, wenn großer Kunst diskutable Charakterzüge ihres Schöpfers gegenüberstehen. Doch allzu oft sind die Trennlinien nicht klar zu ziehen: Etwa, wenn zwei Männer nicht nur künstlerisch, sondern auch verwandtschaftlich vielschichtig „verbandelt“ sind und der eine nach dem Tod des anderen nicht nur über dessen Kunst, sondern auch über persönliche Gegenstände, Briefe, Fotos und andere Erinnerungsstücke verfügt.
Das Wien Museum wagt nun mit einer Ausstellung einen fokussierten Blick auf einen solchen Bestand – die „Sammlung Peschka“, die eher eine An-Sammlung darstellt, wie die Kuratorin und stellvertretende Direktorin Ursula Storch sagt.
Der Maler Anton Peschka (1885–1940) war ein Freund und Studienkollege von Egon Schiele (1890–1918). 1914 heiratete er Schieles jüngere Schwester Gerti (1894–1981) – anfangs gegen den Willen Schieles, der den beiden aber dann seinen Sanctus erteilte und ihnen das Bild „Junge Mutter“ zum Hochzeitsgeschenk machte.
Werk und Erinnerung
Über Peschkas Sohn Anton jun., der 1997 starb, gelangte das Werk 2007 ins Wien Museum – gemeinsam mit anderen Werken, Briefen und Memorabilien, darunter Möbel aus Schieles Atelier.
Als Karin Maierhofer, Restauratorin am Wien Museum, die „Junge Mutter“ 2019 mit Röntgen- und Infrarotaufnahmen analysierte, konnte sie genau nachvollziehen, dass Schiele die Mutter zunächst mit zwei Babys dargestellt hatte. Denn schon vor ihrer Hochzeit war Gerti mit einem Kind schwanger gewesen: Die „kleine Gerti“, auch „Binki“ genannt, wurde 1913 geboren und wuchs bei Peschkas Eltern in Altmannsdorf auf. Im Bild blieb sie unsichtbar.
Maierhofers Detailkenntnis von Schieles Malweise sollte nun aber zur Lösung eines weiteren Rätsels dienen, das das Wien Museum mit Peschkas Nachlass „geerbt“ hatte: Die großformatige Stadtansicht „Mödling II“, bei Schieles Tod 1918 unvollendet geblieben, stand lange im Verdacht, vom Schwager posthum bearbeitet worden zu sein. Schon der Sammler Rudolf Leopold hatte 1972 dahin gehend argumentiert, die Expertin Jane Kallir äußerte ähnliche Bedenken.
Spachtel und Pinsel
In der Restaurierwerkstätte des Wien Museums, dem der KURIER im Vorfeld der Ausstellung einen Besuch abstattet, fällt auch dem laienhaften Blick die uneinheitliche Bearbeitung der Bildfläche auf: In manchen Partien ist die Farbe dick aufgetragen und mit der Spachtel verteilt, anderswo scheint der Malgrund durch, an einer Stelle ist die Farbe verronnen. Häuser scheinen manchmal wie Schachteln offen zu stehen.
Mit Röntgenaufnahmen kann Maierhofer zeigen, dass Schiele die Kirche zunächst in der Bildmitte angesetzt und später nach links versetzt hatte. Manche Linien, die dabei stehen blieben, „recycelte“ er und malte dabei Häuser, die es so in der Realität nie gab.
Dass diese Veränderungen aber vom Schwager stammten, schließt die Restauratorin aus: Denn die Farbmischung der Grautöne im Bild stimmte genau mit jener überein, die bei Analysen anderer, unzweifelhaft von Schiele stammender Gemälde gefunden worden war. Und an den Stellen, in denen die Farbe mit Spachtel aufgetragen wurde, entdeckte Maierhofer ein Rillenmuster, das sich auch in anderen Schiele-Gemälden feststellen ließ.
Diese forensische Arbeit wertet die Mödling-Ansicht nun also als „reinen“ Schiele auf. Sie entlastet den Schwager aber nicht vom Verdacht, Werke nachträglich „verbessert“ zu haben. Tatsächlich findet sich im Nachlass auch ein Brief, den Anton Peschka 1921 an seine Frau Gerti richtete: „Heute Samstag habe ich am morgen begonnen mit aquarellieren von 4 Blättern Egons“, heißt es darin. „Diese werde ich bestimmt verkaufen können den solche Blätter (sic!) werden gesucht und gut bezahlt.“
In der Not der Zwischenkriegszeit schien eben jede Verdienstmöglichkeit willkommen. Dass zahlreiche Fälschungen und Verfälschungen von Schiele Werken weiter zirkulieren, weiß die Fachwelt natürlich längst: Die Detektivarbeit ist noch lange nicht vollendet.
- Egon Schiele (1890–1918) hatte drei Schwestern.
- Die jüngste, Gertrude (1894–1981) heiratete 1914 Schieles Freund Anton Peschka (1885–1940). Das Paar hatte vier Kinder.
- Der Sohn Anton Peschka jun. (1914–1997) verfügte testamentarisch, dass sein Nachlass an die Stadt Wien gehen sollte. Durch Miteigentumsansprüche anderer Verwandter verzögerte sich die Übergabe bis 2007.
- Die Ausstellung „Schiele-Peschka: Eine Familienaufstellung“ ist von 30. April bis 27. September im Wien Museum zu sehen.
- Der Katalog (Müry Salzmann Verlag) kostet 29 €.
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