Wie die Alleinerzieherin in der Armutsfalle zum Messie wird

Der Verein Tempora zeigt unter dem Titel „Showing Of(f)! Single Mother Rooms“ vier gallig bittere Monologe als Stationentheater
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Seit einigen Tagen führt das Volkstheater sein Publikum mit Kopfhörern durch das Grätzel rund um die Barnabitengasse und die „Stadt ohne Dach“. Bei dieser Expedition erfährt man viel über versteckte Obdachlosigkeit: Frauen bleiben lieber bei einem Mann, der sie schlägt, statt auf der Straße zu leben. Denn es gibt kaum Orte, an denen sie sich sicher fühlen können.

Der Theaterverein Tempora knüpft mehr oder weniger direkt mit einem Stationentheater daran an: „Showing Of(f)!“ beschäftigt sich mit den Problemen von Müttern, die ihre Kinder allein erziehen. Nicht immer freiwillig. Auch ihnen fehlt es ob beengten Wohnsituationen an Räumen, in die sie sich zurückziehen können.

Als Schauplatz für die vier Monologe wählten Veronika Glatzner und ihr Team „Single Mother Rooms“ im Nordbahnviertel. Einerseits, weil in diesem neuen, durch die Stammstrecke der S-Bahn durchschnittenen Stadtteil geförderte Wohnbauprojekte für Alleinerzieherinnen realisiert wurden. Und andererseits, weil es auch hier Leerstände gibt, die zumindest temporär genützt werden können. Mithin ist auch „Showing of(f)!“ eine Expedition.

Ausgangspunkt ist der selbstverwaltete Wohnungskomplex HausWirtschaft in der Bruno-Marek-Allee, in den Co-Working-Spaces, Freizeiteinrichtungen, ein Kindergarten, ein Veranstaltungssaal und eine kleine Open-Air-Tribüne, „Versunkener Hof“ genannt, integriert sind. Je nach zugeloster Kleingruppe gestaltet sich die Abfolge der vier Performances, jede etwa 20 Minuten lang, anders.

Trotz unterschiedlicher Autorinnenschaft dominiert ein fast notgedrungen sarkastischer Zugang. So weicht das Frauenquartett der direkten Anklage aus. Und das gelingt zum Teil erstaunlich präzise. Julia Schranz, die in der Gemeinschaftswaschküche weniger einen Folterort (so legt es die Ausstattung von Laura Malmberg und Patrick Loibl nahe) als einen Freiraum sieht, analysiert mit einem Rechenschieber aus Kluppen an der Leine ihr Sparbudget: Alleinerziehende geraten ungleich öfter in die Armutsfalle als Paar-Eltern; die drohende Pensionslücke schließt sich daher nur millimeterweise.

Die hinreißende Wollmilchsau der Grischka Voss erzählt, wie sie mit ihren vier Kindern vor dem Partner floh und eine Wohnung mieten wollte. Dies gelang (nach Hohngelächter bei „Wiener Wohnen“) schließlich nur, weil ihr Vater bürgte.

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Birgit Stöger veranschaulicht Budgetprobleme - mit einer Nutellatorte als Tortengrafik

Birgit Stöger erklärt anhand einer Nutellatorte als Tortengrafik, dass mit dem 18. Geburtstag der Tochter der Unterhaltsvorschuss (von der öffentlichen Hand, weil der Papi nicht zahlt) endet – und die Wohnung daher so gut wie unfinanzierbar ist.

Und Veronika Glatzner steuert, ausstaffiert wie eine Souterrain-Präsidentin von Werner Schwab, den mit ätzenden Sprachspielereien durchsetzten Höhepunkt bei: Wie man als Mutter mit zwei Kindern unter der Armutsgrenze zum Messi wird, der nichts wegschmeißt. Eine bittere Lehrstunde.

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