
© Werner Kmetitsch
Wenn aus Provokation Desinteresse wird
Kritik: Kurt Weills "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" in der Inszenierung von Calixto Bieito in Graz.
Trashyâ ist die Szenerie, vollgestopft bis obenhin. In die Höhe gestaffelt stehen WohnwĂ€gen mit mehrstufigen Spielebenen (Rebecca Ringst). Davor wimmelt es von einem bunten Völkchen in grellen FantasiekostĂŒmen (Ingo KrĂŒgler), wie aus einem Comic entsprungen.

Aber der Katalane wird seinem Ruf, einer der radikalsten Regisseure zu sein, nur teils gerecht: In âseinemâ Mahagonny, der Stadt, wo es fĂŒr Geld alles zu haben gibt, wird zwar gemordet, gequĂ€lt, auf Leichen uriniert, gekotzt, in allen Stellungen und in Gruppen kopuliert, kollektiv onaniert, gestrippt, etc. Aber Sex und Gewalt in derartiger Permanenz und ĂberfĂŒlle erzeugen keine Provokation mehr, sondern Desinteresse.
Allen Beteiligten wie auch dem Chor wird darstellerisch AuĂerordentliches abverlangt. Herbert Lippert ist ein expressiver Jim Mahoney mit prĂ€chtigen Höhen. Margareta Klobucar als sexy Jenny, bringt einen klaren Sopran ins Spiel. Fran Lubahn ist mit ihrer körperlosen Stimme und reifem Timbre der Leokadja Begbick nicht mehr gewachsen und wurde ausgebuht. David McShane, ein sadistischer Dreieinigkeitsmoses, bleibt sĂ€ngerisch blass. Die kleineren Rollen sind adĂ€quat besetzt.
Julien Salemkour, der im Herbst hier auch den Lohengrin dirigieren wird, treibt die Grazer Philharmoniker temperamentvoll zu einem straffen, akzentreichen, idealen Weill-Stil an. UneingeschrÀnkte Zustimmung.
KURIER-Wertung: **** von *****