Kultur
09.01.2018

Was im TV erfolgreich ist, ist auch auf der ORF-TVthek ein Hit

ORF-TVthek: Online-Chef Thomas Prantner über Publikumszuspruch, einen Relaunch und die Regierungspläne zum ORF.

Die ORF-TVthek hat ein starkes Jahr hinter sich. Dort dominierten Damen-Fußball-EM live sowie Politik und Comedy bei den Abrufen - allen voran das Verbal-Match Erwin Pröll mit Armin Wolf. Im Kurier-Gespräch zieht der stv. ORF-Technik-Direktor und Online-Chef Thomas Prantner Bilanz und spricht über die nächsten Entwicklungschritte beim Online-Portal und möglichen bei ihm selbst.

Kurier: Wenn es um Streamen geht, ist viel die Rede vom "neuen Fernsehen": Wie positioniert sich die TVthek in einem Umfeld, das von Giganten wie Amazon, Netflix und Sky bis hin zu den Mediatheken der großen öffentlich-rechtlichen Sender reicht?

Thomas Prantner: Mit den Giganten können und wollen wir uns nicht messen. Aufgabe der ORF-TVthek ist es, die hochwertigen TV-Contents des ORF auf allen Plattformen für das Publikum zugänglich zu machen – sie ist daher nicht nur online, sondern auch mobil und am Smart-TV zugänglich. Wie erfolgreich sie als moderne, digitale Ergänzung zum „klassischen“ linearen ORF-TV ist, zeigt der hohe Publikumszuspruch: Mit durchschnittlich 6,1 Mio. Visits pro Monat hat die Videoplattform des ORF im Jahr 2017 einen neuen Rekord erzielt. Und laut ÖWA Plus für das 2. Quartal 2017 nutzen pro Monat 1,296 Mio. österreichische Internetuserinnen und –user unser Angebot. Die ORF-TVthek behauptet sich damit hervorragend am österreichischen Streaming-Markt und erreicht ihr Ziel, dem Publikum zeit- und ortsunabhängig Zugang zu seinen Lieblingssendungen bzw. Top-Live-Events zu gewährleisten, optimal.

Gibt es Gespräche mit anderen Öffentliche-Rechtlichen über Kooperationen bis hin zu gemeinsamen Plattform-Ideen?

Es gibt immer wieder Kooperationsanfragen von öffentlich-rechtlichen Sendern, aber auch Privat-TV und Bezahl-Plattformen. Wir sind offen für Kooperationen.

Welche Bereiche der TVthek werden besonders nachgefragt?

Was im TV erfolgreich ist, gehört auch auf der ORF-TVthek zu den Publikums-Hits. Bei den Livestreams lagen 2017 vor allem Sport-Liveübertragungen und die Berichterstattung zur Nationalratswahl an der Spitze der Abrufe. Auch bei den Video-on-Demands stehen News- und Infosendungen hoch in der Publikumsgunst, aber auch Comedy- und Serienformate wie die DIE.NACHT oder die Vorstadtweiber sowie Top-TV-Events sind sehr stark nachgefragt.

Das stetige Wachstum der TVthek scheint zumindest zeitweise Probleme bei den Brandbreiten zu bereiten. Wie wird darauf reagiert zumal ein nutzungsstarkes Jahr insbesondere im Sport bevorsteht?

Das immer weiter steigende Interesse der User an Streaming-Angeboten führt bei allen Betreibern erfolgreicher Videoplattformen zwangsläufig dazu, dass die Bandbreitenkapazitäten laufend erhöht werden müssen. Beim Kitzbühel-Super-G 2017 wurde eine maximale Bandbreite von 90 GBit/s und ca. 60.000 gleichzeitige User gemessen. Wir stellen uns auf diese Entwicklung ein und haben mit ORS und APA hervorragende Partner, mit denen wir das Streaming der ORF-TVthek zukunftsfit machen.

Layout und der Aufbau der TVthek scheinen nicht mehr zeitgemäß.

Oberstes Ziel für uns ist, eine möglichst hohe Usability der ORF-TVthek zu gewährleisten. Unsere User sollen schnell, bequem und mit möglichst wenigen Clicks zu dem von ihnen gewünschten Angebot kommen. Nicht zuletzt aufgrund des inzwischen mehr als 220 VOD-Sendungen und Livestreams sowie 30 Videoarchive umfassenden Angebots der Videoplattform arbeiten wir an einem Relaunch, der voraussichtlich im 3.Quartal 2018 stattfinden wird. Er soll ein moderneres Design, einen noch besseren Überblick über das Angebot, eine Optimierung von Suchfunktion und Bildqualität, die Vergrößerung des Players und eine verbesserte Darstellung der barrierefreien Angebote bringen.

Was sind die nächsten Entwicklungsschritte - was geschieht in Sachen Integration von Flimmit?

In Sachen Flimmit hat der ORF einen Antrag auf Umstellung der derzeit kommerziellen Flimmit-Plattform zu einem öffentlich-rechtlichen Abrufdienst mit fiktionalem Schwerpunkt (Film und Serie) an die KommAustria übermittelt. Das Verfahren liegt derzeit zur Genehmigung bei der KommAustria. Nach Vorliegen der Entscheidung, werden die nächsten Schritte festgelegt.

Es gibt auch ORF-Pläne für Facebook-Kanäle und Kinder-Internetfernsehen - wieweit ist davon die TVthek bzw. sind Sie als Chef dessen davon betroffen?

Es gibt ein derzeit laufendes Verfahren bezüglich eines ORF-YouTube-Channels, das müssen wir abwarten. Ein eigenes Kinder-Internetfernsehen ist dann denkbar, wenn die entsprechenden gesetzlichen Rahmenbedingungen vorhanden sind.

Es gab auch Kritik an Ihnen, weil in den zurückliegenden Monaten, in denen auch im ORF Wahlkampf war, so scheint's, vor allem Bundesländer-Archive angelegt wurden. War das ein Buhlen um Bundesländer-Stimmen im Stiftungsrat für den Fall des Falles?

Von einer Kritik an den TVthek-Videoarchiven über die Geschichte der Bundesländer ist mir nichts bekannt. Im Gegenteil. Es gab viel Lob und Zustimmung für die Aktion “ORF-TVthek goes school”. Diese Online-Archive leisten mithilfe der neuen Medien einen wichtigen Beitrag zur Erfüllung des öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrags an Österreichs Schulen und sind außerdem ein klares Bekenntnis zur erfolgreichen Arbeit der ORF-Landesstudios.

Die Bundesländer-Videoarchive auf der ORF-TVthek wurden bereits Ende 2014 mit der „Geschichte Niederösterreichs“ gestartet und in den vergangenen Jahren schrittweise fortgesetzt. 2017 wurde nur ein einziges Bundesländer-Archiv, nämlich die „Geschichte Wiens“ gelauncht, mit dem die Reihe abgeschlossen wurde. Weitere im Jahr 2017 umgesetzte Videoarchive, u.a.: „Große Töchter Österreichs: Bedeutende Frauen im Porträt“ und „Die Geschichte Südtirols“.

Außerdem wurden zahlreiche andere ORF-TVthek-Projekte realisiert – von der Bereitstellung der Videoplattform für Apple TV und Panasonic-Geräte bis zum Ausbau der „Restart“-Funktion bei laufenden Livestreams.

Jetzt ist viel die Rede von einer ORF-Gesetzes-Reform. Wie sehen Sie die?

Mit optimistischen Erwartungen. Entscheidend ist, dass der ORF als modernes öffentlich-rechtliches Medienunternehmen in seinem gesamten Leistungsspektrum erhalten bleibt und die Rahmenbedingungen für die digitale Entwicklung auf die Höhe der Zeit gebracht werden. Wir stehen mit den von Generaldirektor Wrabetz initiierten Transformer-Projekten mitten in einem Strukturreformprozess.

Die von der Regierung geplante engere Kooperation mit den Privaten im Bereich Onlinevermarktung sehen wir positiv. Den ersten Schritt in diese Richtung haben wir mit der Austria Videoplattform (AVP) der APA seit Anfang 2017 bereits umgesetzt. Der ORF stellt als der wichtigste Content Provider im Schnitt 2.400 eigenproduzierte, journalistisch hochwertige TV-Beiträge pro Monat für 17 private Medienhäuser und 45 Medienportale zur Verfügung -vor allem News, Regionales und Society. Diese Videos werden gemeinsam vermarktet. Wir brauchen einen gemeinsamen österreichischen Schulterschluss gegen die Übermacht der internationalen Internet-Giganten.

Sie gelten als FPÖ-nahe, die nun in der Regierung sitzt. Im Zuge dieser ORF-Novelle soll ein Vorstand die Geschäftsführung ablösen. Streben Sie einen Platz in diesem Vorstand an?

Es gibt eine gewählte ORF-Geschäftsführung. Ich habe als stv. Direktor für Technik, Online und neue Medien einen Vertrag bis Ende 2021. Sollte es zu gesetzlichen Änderungen inklusive einer neuen Führungsstruktur kommen, ist die Situation neu zu bewerten.