Kultur
13.04.2018

Was fehlt: Der Kunst-Knopf am Smartphone

Kunst und Kultur suchen immer noch ihren Platz in der neuen digitalen Welt - und vor allem die passenden Clickbait-Themen.

Wer bei der aktuellen Aufführungsserie von Richard Wagners "Parsifal" in der Wiener Staatsoper fünf Stunden lang irgendwo zwischen musikalischer Moderne, Weltverneinung und christlicher Mythologie seinen Weg gesucht und letztlich ins Finale gefunden hatte, hat vieles mitbekommen: leichte Fadesse von der Inszenierung, absolutes Musikglück und herausragende Sängermomente.

Aber kein Thema für einen Tweet.

Und das ist ein gewisses Problem.

Denn die Kunst und Kultur sucht derzeit noch stark einen Platz in der zunehmend digitalisierten öffentlichen Debatte. Viele ihrer Themen verschließen sich der Social-Media-Logik - Aufregung! Knackigkeit! Irgendwas mit Flüchtlingen! -, dementsprechend inexistent sind diese dann auf Facebook und Twitter. Wer ins Konzert geht, schreibt dann zumeist höchstens "Super war's" in irgendeiner Ausformulierung. Dann gibt es ein Like vom Lebenspartner, der auch mit war, und das Thema ist beendet.

Die Institutionen selbst erzählen auch nicht ihre Inhalte, sondern predigen zu den bereits Bekehrten: Morgen sei Premiere, heißt es im täglichen Pflichtpost (mit Bild), und wen das nicht ohnehin interessiert, den interessiert es nachher auch nicht. Besser geht es da schon auf Instagram - die dortige Bildsprache nimmt Kunstfotos und Selfies von Schauspielerinnen dankbar auf.

Gesucht: Der Impact

Und trotzdem: Kunst und Kultur werden im Ökosystem des Silicon Valley unter Wert geschlagen. Was auch an einer lange währenden gewissen Zurückhaltung auf Seiten der Künstler lag: Erst jetzt, wo der digitale Sturm schon lange voll ausgebrochen ist, erscheinen die ersten Romane, die diese neue Welt adäquat und abseits der ungelenken Großelternsprache beschreiben, etwa Joshua Cohens "Buch der Zahlen". Künstler schaffen 3-D-Welten aus Klimtbildern in der Game-Engine.

Und dann? Dann gehen die Sphären wieder getrennte Wege, in den Bühnenhäusern gilt es noch als fortschrittlich, wenn Videos projiziert werden, und wenn sich ein Romanplot dadurch leicht auflösen lassen könnte, dass beide Protagonisten je ein Smartphone hätten, dann lassen die Autoren diese Möglichkeit lieber aus (und schreiben damit halt nicht über die echte Welt).

Dabei stand die Kultur - konkret: die Musik - ja eigentlich am Beginn der aktuellen Ausformung der digitalen Transformation: Um die Jahrtausendwende wurde die Musik zum ersten leicht und frei kopierbaren Kulturprodukt, und die Branche war nie wieder so wie zuvor: Der Verkauf ging in die Knie, die Bands machten im Gegenzug die Konzerttickets teurer, und heute haben wir Festivals, die pleite gehen, und Spotify, das Mikrocentbeträge an die Musiker ausschüttet.

Und einen Boom - auf niedrigem Niveau - der vorvorletzten Kulturproduktgeneration: Vinyl ist wieder da, komplett mit Cover zum Angreifen und zum Designen. Superteure Kompilations-Boxen bedienen jene, die sich der digitalen Flüchtigkeit gemieteter Streamingmusik nicht ergeben wollen.

Aber, wie gesagt: Das ist ein geringer Anteil, für den Großteil ist der Kauf von Musik im Großen und Ganzen vorbei.

 

Und damit auch, sagen zumindest viele Bands, das Gefühl für den Wert von Musik: Wer Geld für ein Album ausgibt, hat zumindest die Motivation, sich mehr als einmal die darauf enthaltene Musik anzuhören. Beim Streaming lässt man es einmal durchlaufen, und wenn es zu kompliziert oder zu fad ist, klickt man es weg. Im Streaming sieht man sich ein, zwei Folgen an, oder die ersten Paar Minuten eines Filmes; wenn es dann nicht passt, klickt man weiter.

Kein Grund zum Negativsein

Andererseits gibt es Formate und Künstler, die sich mit fantastischer Sicherheit in der neuen digitalen Welt bewegen, von Jan Böhmermann bis Kanye West und den YouTube-Influencern, deren Namen Sie jetzt eh nicht kennen. Die zeigen, dass sich die Kulturwelt noch ordentlich etwas überlegen muss, um in der digitalen Zeit zu bestehen - und die ihr gebührende Aufmerksamkeit zu bekommen. Denn, wie der künftige Staatsopernchef bei seiner Antrittspressekonferenz sagte: Längst müssen alterwürdige Kunstformen wie die Oper dem Publikum genügend Gründe bieten, das Haus zu verlassen - und nicht bei Netflix hängen zu bleiben.