Wann kommt das Strauss-Jahr?

Ein Schreibtisch mit Aktenordnern, einem Stempel, einer Kaffeetasse und abgelehnten Dokumenten, über dem ein Paragraphenzeichen an einem Spinnenfaden hängt.
Wenn es die Wiener Philharmoniker gibt, braucht es gar keine derartigen Jubeljahre, findet das (fiktive) Kulturamt.

Sehr geehrtes Kulturamt!

Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen gefallen hat, aber ich fand das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker unter Yannick Nézet-Séguin besonders schön. So feiert man die Strauss-Dynastie – und nicht so, wie es 2025 im offiziellen Strauss-Jahr der Fall war. Daher beantrage ich ein weiteres, ein richtiges Strauss-Jahr. Am besten gleich 2027, wenn es 200 Jahre her sein wird, dass Josef Strauss geboren wurde. Der war ohnehin der begabteste.

Mit sträußlichen Grüßen, M. L.

***

Sehr geehrter M. L.,

vielen Dank für Ihr Schreiben und für Ihren Antrag, den wir gerne zu unseren Akten legen (Geschäftszahl 01/2026), allerdings mit dem Stempel „abgelehnt“ versehen. Ein weiteres Strauss-Jahr, womöglich wieder mit einer eigenen Intendanz – wo denken Sie denn hin, werter Herr? Ist Ihnen entgangen, dass selbst die Stadt Wien gezwungen ist, Einsparungen vorzunehmen? (Wobei wir im Kulturamt andere Prioritäten gesetzt hätten als die bereits bekannten.) Wo sollen denn die -zig Millionen für Pepi Strauss herkommen?

Völlig Ihrer Ansicht sind wir jedoch bezüglich der qualitativen Beurteilung des Neujahrskonzertes: Die Entscheidung, es dem kanadischen Dirigenten Yannick Nézet-Séguin zu überantworten, hat sich als goldrichtig erwiesen. Wir müssen in unseren Aufzeichnungen weit zurückblättern, um ein ähnlich energetisches, vitales, gut geprobtes, mitreißendes Klassik-Ereignis ausfindig zu machen.

Der Erfolg dieses sympathischen Mannes, der den „Radetzkymarsch“ aus dem Publikum dirigierte – ein Einfall, der den meisten europäischen Dirigenten nie gekommen wäre, weil da zwischen Podium und Zuhörern gefälligst weiterhin eine Stufe zu sein hat – dieser Genieblitz hat gezeigt, wie wichtig es ist oder besser: wäre, das ganze Genre den Menschen innovativ näher zu bringen. Und er beweist auch, dass es dringend an der Zeit ist, sogar beim Neujahrskonzert neue Leute in die erste Reihe zu lassen (vielleicht bald eine Leutin?). Insofern haben uns wir im Kulturamt auch über die Wahl von Tugan Sokhiev für 2027 gefreut. Bestimmt wird da einiges von Josef Strauss gespielt werden. Es braucht also kein eigenes Gedenkjahr, es reichen die Philharmoniker.

Besonders zu würdigen erlauben wir uns bei dieser Gelegenheit die TV-Übertragung des Konzertes, die differenziert und dynamisch war wie die musikalische Darbietung. Im Vergleich dazu wirkte jene der „Fledermaus“ aus der Staatsoper zu Silvester wie altmodisches Abfilmen von schauspielerisch viel zu wenig geführten Sängern.

Kommentare