Verbale Schläge unter die Gürtellinie, um die Ehe zu retten
Und dann wenden sie sich einander zu: Bernau und Wokalek
Was braucht es, um exzellentes Theater zu machen – abgesehen von hinreißenden Schauspielern? Nicht viel. Und schon gar kein Bühnenbild, das sich ins Rampenlicht drängt. Ausstatterin Franziska Bornkamm beherzigt das: Sie stellt einfach ein niedriges Podest hin, flankiert von zwei Scheinwerfern auf Ständern, und darauf ein paar Sessel, die so aussehen wie die, auf denen man im Saal sitzt.
Das Volkstheater tourt schließlich mit dem neuen Stück des britischen Bestsellerautors Nick Hornby durch die Bezirke. Es nennt sich „State of the Union“, hat aber mit Politik nicht viel am Hut, außer dass der Brexit auftaucht – als Metapher für eine langjährige Beziehung, die auf dem Spiel steht.
Louise ist fremdgegangen, und Tom, der für den Ausstieg aus der EU gestimmt haben will, kann die Kränkung nicht überwinden: Er zieht aus. Was gar nicht im Sinn seiner Frau ist: Sie sieht den Seitensprung als Chance, die Ehe und damit die Familie zu retten. Daher lautet der deutsche Titel eigentlich „Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst“, was es recht gut trifft.
Es handelt sich jedenfalls um „Eine Ehe in 10 Sitzungen“, wobei nicht die Termine bei der Therapeutin gemeint sind. Denn Louise und Tom treffen sich jedes Mal davor im Pub. Die Rollenzuschreibung ist klassisch: Er trinkt Bier, sie Weißwein. Als Identifikationsfiguren erfüllen sie diverse Klischees (sie akkurat, er schmuddelig).
Hinzu kommt: Sie arbeitet als Ärztin, und er, ein arbeitsloser Musikjournalist, taugt auch als Hausmann nicht viel. Da nagt ihre Affäre an seinem Selbstwertgefühl: Tjark Bernau, mit Glatze Nick Hornby nicht unähnlich, macht seine Unterlegenheit überdeutlich – mit Verzweiflungstaten oder depperten Ansagen. Er kann nicht aus Toms Haut. Die Strategien, Louise zurückzugewinnen, sind von geradezu erbärmlicher Hilflosigkeit.
Wenn es nicht „egal“ ist
Zum Glück weiß sie, dass es um mehr geht als um Sex: Johanna Wokalek kämpft, mitunter zu forsch, dann wieder nachsichtig, immer liebevoll. Und so liefern sich die beiden beim Ehe-Sezieren eine hoch amüsante Verbalschlacht mit Schlägen unter die Gürtellinie (um sich nicht die Köpfe einzuschlagen): ehrlicher als bei der Therapeutin. Das erinnert an die bittere Marius-von-Mayenburg-Komödie „Egal“ (im Akademietheater), allerdings ohne das destruktive Potenzial: Die Hoffnung lebt.
Das von Rückschlägen begleitete Aufeinanderzubewegen in 100 Minuten, garniert mit Popsongs über Facetten der Liebe, setzt Direktor Jan Philipp Gloger subtil wie leichtfüßig um: Zunächst sitzen Wokalek und Bernau mit dem Rücken zum Publikum. Aber weil es ein Pärchen zu beobachten gilt, das sich in einer ähnlich misslichen Lage befindet, wenden sie sich allmählich um. Zum Schluss ist die korsetthafte Sitzordnung völlig aufgehoben.
Das andere Paar hat man unterdessen völlig aus den Augen verloren: Man konzentriert sich aufeinander. Herzergreifend. Die Premiere am Freitag in der VHS Brigittenau wurde zu Recht bejubelt.
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