"Ukrainomania" im Volkstheater: Keine Auswege aus dem Dilemma

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Nicht Fisch, nicht Fleisch: Jan-Christoph Gockel holt den Krieg auf die Bühne – und lässt Joseph Roth untot herumschleichen

Seit Jahren reist Milo Rau zu den Brennpunkten, in den Kongo zum Beispiel oder in den Irak, um dort mit Ortsansässigen Szenen für Bearbeitungen antiker Stoffe zu drehen. Die Doku-Videos werden dann bei der Aufführung zum Teil raffiniert eingebaut. So war es auch bei „Die Seherin“, die Rau 2025 im Rahmen der von ihm geleiteten Wiener Festwochen präsentierte: Er nutzte wieder einmal die Betroffenheit über ein reales Schicksal, um besonders viel Applaus zu generieren.

Ein Kollege tat es ihm nun gleich: Jan-Christoph Gockel reiste mit Schauspielern des Volkstheaters in die Ukraine – in den Krieg. Nein, nicht etwa nach Odessa (auch das dortige Opernhaus wurde von Fellner & Helmer entworfen) oder an die Front, sondern nur knapp hinter die polnische Grenze, nach Lviv. Dort gibt es vergleichsweise selten Bombenalarm, die Infrastruktur funktioniert (auch wenn mitunter der Strom abgeschaltet werden muss). Aber trotzdem: Was für ein Thrill auf Kosten der öffentlichen Hand! Und die Videokamera ist immer dabei: Das Team machte sich auf die Suche nach dem Schriftsteller Joseph Roth, der einst in Lemberg gelebt hatte.

Der heißeste Scheiß

Ausgangspunkt der Beschäftigung bildete dessen Feuilletonbeitrag über die „Ukrainomanie“, die 1920 auf den Bühnen und in den Varietés „Berlins neueste Mode“ gewesen sei, auch wenn man so gut wie nichts über das Land gewusst hätte. Aber die Ukrainische Volksrepublik, 1917 ausgerufen, war schon wieder Geschichte. Die Erkenntnis: „Wenn Staaten bedroht sind, wenn die kurz vor dem Untergang stehen, sei es durch Klima oder einen Aggressor, dann ist das doch für uns gefundenes Fressen. Das ist doch der heißeste Scheiß, den die Leute sehen wollen.“ So fasst es der Roth-Darsteller in Gockels Stückentwicklung „Ukrainomania“ zusammen, die am Donnerstag im Volkstheater mit viel Gedöns zur Uraufführung kam.

Der „heißeste Scheiß“ ist die mosaikartige Umkreisung der tragischen Figur Joseph Roth aber nicht: Sie erzeugt ein bisschen Empathie (Standing Ovations!) und hinterlässt nach fast zweieinviertel Stunden doch etwas ratlos. Ja, Krieg ist generell fürchterlich, und ja, möge dieser „Scheiß-Krieg“ aufhören.

Dabei hatte die „Revue eines Lebens“, eine Kooperation mit dem Nationaltheater Lviv, fulminant begonnen. Denn die Schauspielerin Solomiya Kyrylova tritt als Conférencier vor den Vorhang, um amüsant, auch sarkastisch den Theateralltag in Lemberg zu beschreiben. Handy muss dort keines abgeschaltet werden. Denn eine App mit der Stimme Luke Skywalkers („Krieg der Sterne“) warnt vor Luftangriffen.

Als Übersetzerin fungiert die perfekt Deutsch sprechende Sofiia Melnyk, die den weiteren Abend live illustriert: Ihre Zeichnungen werden auf einen paillettenartigen Vorhang (mit Hunderten kleinen Scheiben und etlichen, bedeutungsschwangeren Leerstellen) projiziert. Zunächst zeichnet sie die immer größer werdende Trauergemeinde beim Begräbnis von Joseph Roth 1939 in Paris.

Die ewige Leidensgestalt

Am offenen Grab streiten sich der Freund (Stefan Suske), die Ehefrau (Alicia Neumüller) und die Lebensgefährtin (Nancy Mensah-Offei), ob Roth, der es mit der Wahrheit nicht genau genommen habe, nun Jude oder Katholik, Sozialist oder Monarchist war. Eine Antwort gibt es nicht: Bernardo Arias Porras geistert, dem Grab entstiegen, als melancholischer Jammerlappen ohne weitere Eigenschaften durch alle Szenen. Ein paar Sätze Roth darf diese ewige Leidensgestalt auf ihrer Suche nach sich selbst aber schon einstreuen.

Umrahmt ist das Begräbnis bei digitalem Schnürlregen von einem hinreißenden Rüpel-Paar: Samouil Stoyanov (ein „echter“, aus Bulgarien gebürtiger Wiener) und Kyrylova exerzieren als Totengräber vor, wie man sich über Sprachbarrieren hinaus zusammenraufen kann – und ein schreiend komisches Team bildet, das immer wieder als Clowns mit Füller-Einlagen in Erscheinung tritt.

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Die Trauergemeinde, live gezeichnet, wird immer größer: Begräbnis von Joseph Roth 1939 in Paris

Der Übergang zur Reise in die Ukraine – Stoyanov fällt plötzlich auf, dass Roth 1894 in Brody (Galizien) geboren wurde – ist eher holprig, aber Gockel strebt auch gar keine perfekt komponierte Inszenierung an: Es reihen sich Zufälligkeiten aneinander, zwischendurch gibt es einen Exkurs über den NS-Massenmord an psychisch Kranken auf Schloss Hartheim (dort wurde 1940, also nach Roths Tod, dessen Frau „euthanisiert“). Nancy Mensah-Offei covert Rihannas „Bitch Better Have My Money“, der verschuldete Alkoholiker Roth haut das Publikum um Geld an, bei der Uraufführung belagerte er auch Ex-Kunstministerin Hilde Hawlicek.

Irgendwann sagt eine Person im Video zu Roth: „Auswege sind Ihnen nicht eigen.“ Und so wartet man mit zunehmender Ungeduld auf das tödliche Ende: Stoyanov lässt eine Bombe ins Grab fallen, Multiinstrumentalist Jacob Suske verlässt seinen Arbeitsplatz rechts – und das mechanische Schlagzeug spielt für Kyrylova, die sich zur Soldatin auftrainiert, weiter. Möge die Macht mit ihr sein!

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