Turku 2011: Feuer, Sauna & Seifenkisten

Das finnische Turku ist neben Estlands Hauptstadt Tallinn heuer europäische Kulturhauptstadt, am 15. Jänner war Eröffnung.

Helsinki ist hip. Aber heuer steht Turku international im Spotlight. Als Kulturhauptstadt neben dem estnischen Tallinn. Bis ins 19. Jahrhundert die wichtigste und größte Stadt Finnlands, gilt Turku als Geheimtipp für elektronische Musik – möglichst hart und laut – und Underground-Literatur. ... Für Einsteiger empfiehlt sich das Beisl "Neue Apotheke", wo Reino Mäki – der bekannteste Krimiautor Turkus – seinen Detektiv Jussi Vares die Abende zwischen alten Arzneischränken und einem Verkaufspult als Bar verbringen lässt. 

Bild: Am Ufer des Aura-Flusses sind Restaurant-Schiffe vertäuft Finnisch schräg Das Motto "Turku in Flammen" im Doppelsinn des Wortes spielt einerseits darauf an, dass das Städtchen im Lauf seiner 850-jährigen Geschichte ungefähr 30-mal abgebrannt ist. Andererseits verweist "Turku brennt" auf das künstlerische Potenzial der wirtschaftlich derzeit arg gebeutelten Hafenstadt. Jedenfalls heiß hergehen soll es in der fünftgrößten Stadt Finnlands mit ihren 175.000 Einwohnern. Der Regisseur Juha-Pekka Mikkola nimmt’s wörtlich: Sein "1827 – Infernal Music", ... ... ein höllischer Heavy-Metal-Totentanz des Altrockers Hauki mit brummenden Bässen und dröhnenden Trommeln, wird an die große Brandkatastrophe von anno dazumal erinnern. Zum spontanen, ambulanten Schwitzen werden von Künstlern gestaltete Erlebnissaunen an öffentlichen Plätzen aufgestellt. Für den Aufguss zwischendurch. 

Bild: Modell für das Projekt "SaunaLab" Sogar auf dem Aura-Fluss werden Saunen schwimmen, Teil des "Sauna-Laboratoriums", in dem die Finnen ihre Leidenschaft künstlerisch interpretieren. 

Bild: der Pavillon Turkoosi am Fluss wird auch Saunen beinhalten Auch wenn es im Jänner bitterkalt und kaum fünf Stunden lang hell ist: Das auf Freiluft-Veranstaltungen spezialisierte englische Team Walk The Plank gestaltete am 15. 1. eine bombastische Eröffnungsshow mit Musik, Akrobatik, Lichtinstallationen und Pyrotechnik. Mit Laternenpicknicks, mit Open-Air-Festivals bei klirrender Kälte und mit Dancing Towers, auf denen Ballettelfen mit Feuer spuckenden Drachen im schmelzenden Schnee tanzen, will Turku auf sich aufmerksam machen.

Bild: An der Eröffnungsshow wirken 2000 Einwohner von Turku mit Beim Candle-Light-Dinner im Spiegelzelt-Theater des Mannerheim-Parks erzählen Artisten des Cirque Dracula, viele von ihnen waren beim Cirque Du Soleil, von blutrünstigen Grafen – mit spektakulärer Akrobatik und Kung-Fu-Elementen. Kimmo Pohjonens audio- visuelle Konzert-Inszenierung "Akkordeonringkampf" bringt die in Vergessenheit geratene gemeinsame Tradition des finnischen Wrestling-Sports und der Akkordeonmusik zurück auf die Bühne. Außerdem sind ein Seifenkistenrennen für die ganze Familie und Ameisensafaris geplant, bei denen man dem Leben der Ameisen in Turku mittels Webcams auf die Spur kommt. Am Fluss-Ufer ragt ein roter Ziegelbau mit eisernen Toren und hohen Fensterbändern empor: Hier entstand aus einem ehemaligen, 130 Jahre alten Eisenbahndepot das neue Kulturzentrum "Logomo". Hier wird unter dem Titel "Alice in Wonderland" die größte zeitgenössische Fotoschau Finnlands zu sehen sein. Sonst hat man bewusst in die Menschen investiert, die Kultur machen – und nicht in neue Theater und Arenen. Also in Oper, Hard Rock, Puppentheater, Zirkus, ...

Bild: Eines von 150 Projekten ... mal schräg wie in einem Kaurismäki-Film, mal ernst, mal verspielt, etwa wenn plötzlich jemand ein Schild hochhält: "Vergiss nicht zu atmen!" Genutzt wird Bestehendes wie das Turku-Museum, in dem eine große Carl-Larsson-Ausstellung (16. 9. 2011 bis 8. 1. 2012) gezeigt wird, oder das Sibelius-Museum, in dem regelmäßig Konzerte stattfinden werden. Statt der sonst 700.000 Touristen sollen heuer zwei Millionen kommen und Mehreinnahmen von 200 Mio. € bringen. Suvi Innilä als Kulturprogramm-Gestalterin hofft auf einen anhaltenden Schwung, wie ihn auch andere kriselnde Städte wie Liverpool aus ihrem Kulturjahr mitgenommen haben. ... "Die Kulturhauptstadt, das ist so etwas wie ein Tritt in den Hintern für Turku", heißt es. Ohne diesen Anstoß hätten viele Neuerungen sicher zehn Jahre länger gedauert.

Bild: Lichthütte als Ruhe-Oase vom finnischen Künster Reino Koivula Turku: Kultursignale aus dem Norden 

2011 
Mit ca. 50 Mio. € Budget organisiert Turku heuer 1000 Veranstaltungen in 150 Projekten. Link zu de rWebsite der Kulturhauptstadt siehe unten

Zukunft 
Bis 2013 stehen die Kulturhauptstädte bereits fest. 2012: Guimaraes (Portugal) und Maribor (Slowenien); 2013: Marseille (Frankreich), Kosice (Slowakei). Bis 2019 hat die EU die Reihenfolge der weiteren Länder festgelegt. Nach 2019 könnte es jährlich wieder nur eine Europäische Hauptstadt der Kultur geben. Aber Städte, die es bereits
waren, können sich kein
zweites Mal bewerben.

Bild: Walk the Plank gestaltet die Eröffnung am 15. Jänner

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(kurier / Werner Rosenberger, tem) Erstellt am
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