Eine Weltausstellung für Puccini

Zwei Frauen stehen auf einer Bühne mit einem abstrakten Bühnenbild.
Kritik: Scala-Intendant Pereira und sein Musikdirektor Chailly feiern einen großen Erfolg mit "Turandot".

Man muss es Alexander Pereira, dem österreichischen Intendanten der Scala, lassen: Er besitzt ein untrügliches Gespür für das Große. Size matters – nun also in Mailand.

Anfang Mai wurde in der Hauptstadt der Lombardei die EXPO eröffnet – und selbstverständlich nützt Pereira diese Gelegenheit, sein neues altes Theater ins Zentrum zu stellen. Die Premiere von Giacomo Puccinis "Turandot", raffiniert programmiert, wurde solcherart zum inoffiziellen Startschuss der Leistungsschau.

Schon Mitte Mai, konkret am 16., wird die Oper "CO₂" von Giorgio Battistelli mit Cornelius Meister am Pult und in der Regie von Robert Carsen uraufgeführt – ebenso abgestimmt auf die EXPO, die sich mit dem Weltklima und mit Ernährung befasst.

Für die kommenden Jahre hat Pereira dann eine Art Puccini-Weltausstellung geplant, mit Premieren sämtlicher Opern des Meisters aus Lucca. Als nächstes folgt 2016 "Fanciulla del West", danach "Madama Butterfly", "Manon Lescaut" und der Rest der zehn Werke (wenn man das "Trittico" als eines sieht). Jede Produktion wird auf DVD erscheinen. Denn im Gegensatz zu Opern von Giuseppe Verdi, einem anderen Säulenheiligen der Mailänder Scala, sind die Werke von Puccini in den Augen von Pereira bildlich noch nicht ausreichend dokumentiert.

Erstklassig

Ein Dirigent mit erhobener Hand und Taktstock vor einem dunklen Hintergrund.
epa03590569 Italian conductor Riccardo Chailly rehearses with the Gewandhaus Orchestra in Leipzig, Germany, 19 February 2013. Chailly became music director of the Gewandhaus orchestra in 2005. He will turn 60 on 20 February. EPA/JAN WOITAS

Mit Riccardo Chailly, dem Nachfolger von Daniel Barenboim als Musikdirektor der Scala, scheint er dafür den richtigen künstlerischen Partner gefunden zu haben. Chailly brilliert schon bei "Turandot" mit einer intensiven, hochdramatischen, dann wieder äußerst sensiblen Gestaltung. Das Scala-Orchester spielt farbenprächtig, fein differenziert, dynamisch ausbalanciert – man ist geneigt, anzunehmen, dass nun der richtige Mann am richtigen Ort engagiert sein dürfte. Musikalisch besser wird man "Turandot" vermutlich nirgendwo anders hören.

Auch bei der Auswahl der Fassung setzt die Scala nicht auf Konvention: Gespielt wird das von Luciano Berio komplettierte Finale und nicht die üblich gewordene, recht verkitschte Fertigstellung von Franco Alfano. Die Berio-Version, die 2002 bei den Salzburger Festspielen mit Dirigent Valery Gergiev zu hören war und auf Notenmaterial von Puccini zurückgreift, dieses aber in die Gegenwart beamt, ist die zweitbeste Art, diese Oper zu beenden. Besser ist es nur, mit dem Tod von Liù aufzuhören und auf das vermeintliche Happy End zwischen Turandot und Kalaf zu verzichten – nicht umsonst hatte Puccini nicht so recht gewusst, wie es nach Liùs Suizid weitergehen könnte.

"Das ist eine geniale Fassung, weil sie Puccini mit der Moderne kombiniert", sagt Chailly im KURIER-Gespräch. Er selbst hatte das neue Finale bei Berio in Auftrag gegeben und 2002 in Amsterdam erstmals dirigiert. "Bei ‚Turandot‘ selbst gibt es ja schon Zwölf-Ton-Serien. Und dank Berio schließt die Oper endlich in Es-Dur, dem Zeichen für Ruhe. So muss es sein." Begonnen hatte Chailly seinen Job als Scala-Musikdirektor mit Verdis "Requiem", "Turandot" ist nun seine erste Opernproduktion.

Berlin: "Kein Thema"

Obwohl er erst seit kurzer Zeit im Amt ist, wurde er bereits als möglicher Nachfolger von Simon Rattle als Chef der Berliner Philharmoniker genannt. Dieser soll kommenden Montag bestellt werden. "Ich bin jetzt in Mailand und das sehr gerne. Der Job in Berlin ist für mich kein Thema", sagt er. Muss er wohl auch sagen. Vielleicht wird es ja noch zum Thema.

Die "Turandot"-Regie stammt von Nikolaus Lehnhoff und wurde ursprünglich auch für die Premiere mit Chailly in Amsterdam entwickelt. Sie setzt auf klare Linien, chinesische Symbolik und auf die Farben Rot und Schwarz. Musik und Ausstattung sind perfekt aufeinander abgestimmt. Diese Inszenierung wirkt klassisch, keineswegs konservativ.

Nina Stemme ist eine hochdramatische, beeindruckende Turandot, die manchmal forciert, als würde sie noch Elektra singen. Dennoch wird man kaum Bessere finden. Alexander Antonenko ist ein Kalaf mit klarer Höhe, Kraft und schönen Kantilenen. Maria Agresta singt die Liù sehr berührend.

Mailand ist dieser Tage also auch Opernhauptstadt.

KURIER-Wertung:

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