Sind voneinander angezogen: Rudi (Anna Zöch) und Moritz (Lukas David Schmidt)

© © Alex Gotter

Kritik
05/13/2022

"Trümmerherz" im Werk X am Petersplatz

Auf den Trümmern des Krieges und der Herzen wird Boogie-Woogie getanzt. "Trümmerherz" im Werk X am Petersplatz. Noch bis 21. Mai.

von Marco Weise

Es ist kompliziert. Er liebt sie. Sie liebt einen anderen. Dieser andere will – abgesehen von Sex – aber keine Beziehung, und schon gar keine Verpflichtung eingehen. Die Lage ist also verzwickt. Aber niemand hat gesagt, dass es einfach wird. Vor allem nicht, wenn die Rahmenbedingungen für eine große und unbelastete Romanze nicht wirklich gegeben sind. 

Willkommen im Wien der Nachkriegszeit: Hitler ist weg, die Russen ziehen durch die Straßen. Es kommt zu Vergewaltigungen. Es gibt keine Arbeit, kein Geld, also grundsätzlich eher wenig Spaß. Aber genau diesen Spaß sucht Rudi (Anna Zöch), eine junge Frau von Anfang 20. Sie will lachen, tanzen, den Krieg und das Leid hinter sich lassen. Einfach vergessen.

Dass das nicht klappt, dafür sorgt ihre verwitwete Mutter (Bettina Schwarz), die Rudi tagtäglich mit der Realität konfrontiert. Und die ist für Rudi besonders schwer: Der Vater ist als kommunistischer Widerstandskämpfer den Nazis zum Opfer gefallen. Ihre Schwester Mitzi (Josefine Reich), die ihr den zweiten Elternteil ersetzte, wird mit einem Besatzungssoldaten nach Amerika ziehen. Daher brauche Rudi einen Mann, meint zumindest die Mama, die für ihre Tochter längst den Richtigen, den lieben Pepi (Felix Krasser) ausgesucht hat. Der ist aber nicht so interessant wie der Moritz (Lukas David Schmidt), ein Hallodri und Strizzi, der Rudis Reize - zumindest kurzfristig - zu schätzen weiß. Was folgt, ist mehr oder weniger vorprogrammiert: eine emotionale wie tränenreiche Achterbahnfahrt der Gefühle: „Hör auf zu weinen. Wenn du weinst, muss ich auch weinen“.

 

Auf den Trümmern der Herzen

 

„Trümmerherz“, Nomen est omen, heißt das Stück, das am Donnerstagabend im Wiener Werk X am Petersplatz Premiere feierte. Es stammt von Theatermacher Bernhard Bilek, der sich dafür auf die Spuren seiner mit knapp 90 Jahren gestorbenen Großmutter gemacht hat, und erzählt von einem "Wiener Mädel aus einer matriarchalischen Arbeiterinnenfamilie vor dem Hintergrund der österreichischen Nachkriegszeit".

Inszeniert wurde es von Martina Gredler, die daraus eine sehr körperliche Darstellung gemacht hat. Die wunderbar-berührende Begleitmusik zum großen Drama liefert Nadine Abado, die, auf der Bühne sitzend, ihre Gitarre streichelt, ins Mikro haucht und die Darsteller mit „L'amour Hatscher“ und Sehnsuchts-Balladen versorgt.

In dem knapp 80 Minuten dauernden Stück werden dann einige gesellschafts-politische Problemzonen, die seit den 1950er-Jahren bis heute nachwirken, angesprochen, offen gelegt und versucht, tänzerisch zu verarbeiten. Das Nicht-Gesagte, das Verdrängte, das Vergessene (sehr österreichisch) wird dann auf einer körperlichen Ebene erfahr- und sichtbar gemacht, was des Öfteren schmerzvoll endet.

Für einen gelungenen Abend gibt es am Ende viel Applaus. 

Weitere Termine:

14. Mai, 19.30 Uhr
15. Mai, 19.30 Uhr
19. Mai, 19.30 Uhr
20. Mai, 19.30 Uhr
21. Mai, 19.30 Uhr

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