Kultur
23.05.2017

Triumphaler "Tannhäuser" in München

Fulminante Neuproduktion von Richard Wagners Oper mit Dirigent Kirill Petrenko.

Es ist von einem musiktheatralischen Ereignis zu berichten, das sich – wenig überraschend – an der Bayerischen Staatsoper München zutrug.

Dort dirigierte Generalmusikdirektor Kirill Petrenko erstmals Richard Wagners "Tannhäuser", allein das schon ein Ereignis ersten Ranges.

Und dort inszenierte Romeo Castellucci, ebenso zum ersten Mal, dieses Werk. Obwohl er dafür am Ende mit vielen Buhs verabschiedet wurde, sei betont, dass er etwas Faszinierendes, Mutiges, Einzigartiges auf die Bühne stellte.

Vermutlich galt der Protest der Tatsache, dass man nicht annähernd alles versteht, was hier an Symbolik, Metaphern, Zitaten aus der Mythologie und aus der Kunstgeschichte zu sehen ist. Aber ist das nicht sekundär? Muss man immer jedes Detail in der Sekunde analysieren können? Ist es nicht wunderbar, wenn ein Regisseur zum Denken animiert? Wenn er sein Publikum fordert? Wenn er banale Antworten verweigert und in der szenischen Umsetzung ein eigenes Kunstwerk schafft?

Gemälde

Castelluccis "Tannhäuser" ist wie eine visuelle Reise durch den Wagner-Kosmos und die Welt der Kunst. Er kreiert, auch als Bühnen- und Kostümbildner, großformative Gemälde und Installationen, die man nicht wieder vergisst. Hier ist das Wort "museal" im Opernbereich endlich einmal positiv konnotiert.

Der italienische Regisseur geht mit dem Chor, mit den Tänzerinnen (Choreographie: Cindy Van Acker) und den Statisten so kreativ um wie kaum ein anderer. Dafür bleibt die Personenführung der Protagonisten auf der Strecke. Bei ihm sind sie wie Privatpersonen, die zufällig ins falsche Bild geraten sind. Nicht umsonst bahrt er im dritten Aufzug Tannhäuser und Elisabeth unter ihren realen Namen, also Klaus und Anja, auf.

Man könnte durchaus bemängeln, dass zahlreiche andere Opern ebenso in diesem Ambiente spielen könnten – aber auch das ändert nichts an der herausragenden Qualität. Und man könnte finden, dass dieser "Tannhäuser" am eigenen Geschmacksempfinden vorbei gehe. Man kann aber definitiv nicht urteilen, dass er schlecht sei. Das ist wieder großes Musik-Theater.

Göttinnen

Während der Ouvertüre zeigt Castellucci dutzende Bogenschützinnen, oben ohne, im Stil der Artemis, die auf ein riesiges Auge schießen. Die Jagd auf Tannhäuser, den Verlorengegangenen, ist eröffnet.

Der findet sich gleich im Venusberg. Dieser ist hier ein Gebirge aus Fleisch und Haut, mit Venus im Fatsuit, erinnernd an jene von Willendorf. Die Wenigsten an der Orgie Beteiligten haben noch Gesichter, nur dicke Körper, die Individualität ist verloren gegangen, es geht nur noch, im wahrsten Wortsinn, um die Masse. Kein Wunder, dass es Tannhäuser da zu viel wird.

Dem Landgrafen Hermann obliegt es danach, Tannhäuser mit der Jagdgesellschaft wie ein Tier einzufangen. Und auf der Bühne beginnt das blutige Mysterienspiel mit einer sich drehenden weißen Scheibe, auf die aktionistisch rote Farbe rinnt. Es bilden sich Ornamente, bis das Blut schließlich stockt. Hermann Nitsch 2017.

Zwischenwelt

Im zweiten Aufzug macht Castellucci die Halle auf der Wartburg zur eigenständigen Figur, die sich wandelt – mithilfe von auf Schienen fahrenden langen Vorhängen. Zum Raum wird hier die Zeit. Wir sind endgültig im Zwischenreich angekommen, zwischen Dies- und Jenseits, zwischen Traum und Realität, zwischen Licht- und Schattenwelt. Man denkt an seinen "Orfeo ed Euridice" bei den Wiener Festwochen oder seine "Moses und Aron"-Regie in Paris, wo er ebenso die Dimensionen verschwimmen ließ.

Im dritten Aufzug erleben Tannhäuser und Elisabeth die ganze Zeit über ihren eigenen Tod und sehen selbst zu, wie sie aufgebahrt werden. Unterschiedlichste Stadien des Verfalls werden gezeigt, bis am Ende nur noch Staub bleibt.

Klaus Florian Vogt, der Tannhäuser, kann bei seinem Rollendebüt ohne Personenregie wenig mit dieser Alleingelassenheit anfangen, aber auch das ist wohl Konzept. Es ist beachtlich, dass er diese Partie überhaupt schafft, für Tannhäuser ist sein knabenhafter Tenor jedenfalls zu dünn, zu unpräzise, viel zu wenig heldisch. Phänomenal singt Christian Gerhaher den Wolfram – so schön hat man das Lied an den Abendstern wohl kaum je gehört. Georg Zeppenfeld ist ein markanter, dennoch nobler Landgraf Hermann, Dean Power ein famoser Walther von der Vogelweide. Elena Pankratova singt die Venus erstklassig, kraftvoll, mit schönem dunklen Timbre, Anja Harteros setzt bei der Elisabeth mehr auf die dramatischen, denn auf die lyrischen Facetten.

Zauberei

Atemberaubend gut ist das Dirigat von Kirill Petrenko, bei dem sich die Ideologiefrage, ob er dieses Werk besonders romantisch oder doch lieber entschlackt dirigiert, gar nicht stellt. Er macht die auf der Wiener Bearbeitung von 1875 basierende Fassung auch zu seinem eigenen Kunstwerk, changiert zwischen größter Dramatik, mächtigem Gestus (unterstützt vom fabelhaften Chor) und zartesten, feinst strukturierten Passagen. Die musikdramaturgische Gestaltung ist in jedem Moment plausibel, Klangkultur und Farbenpracht sind überragend, die Tempi (von der besonders schnellen Hallenarie bis zum zelebrierten Abendstern) überzeugend. Klangkünstler trifft hier auf Bildkünstler, konkrete Klangmalerei auf Abstraktion.

Erwähnten wir schon, dass das ein Ereignis war?