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Kultur
06/30/2022

Theaterregisseur Hans Hollmann mit 89 Jahren verstorben

Er war in den 70er- und 80er-Jahren einer der prägenden Regisseure des deutschen Sprachraums

von Philipp Wilhelmer

Theaterregisseur Hans Hollmann ist tot. Er starb mit 89 Jahren. Hollmann prägte mit seinen modernen Inszenierungen die Theater-Ästhetik der 70er und 80er-Jahre mit und arbeitete an allen führenden Bühnen. In Basel war er von 1975 bis 1978 auch Direktor des Theaters - es blieb seine einzige Leitungsfunktion. Von Elias Canetti, dessen Bekanntschaft Hollmann sehr viel bedeutete, inszenierte er die „Komödie der Eitelkeiten“ (1978 in Basel), „Die Befristeten“ (1983 in Stuttgart) und „Hochzeit“ (1985 am Wiener Akademietheater), in Bonn brachte er u.a. Elfriede Jelineks „Clara S.“ (1982) und „Krankheit oder Moderne Frauen“ (1987) sowie „Krieg“ (1987) und „Kolik“ (1988) von Rainald Goetz zur Uraufführung.

Durchbruch bei den Festwochen

Seine siebenstündige Inszenierung der „Letzten Tage der Menschheit“, die er 1974 für Basel und 1980 für die Wiener Festwochen erarbeitete, „war sicher ein Höhepunkt meiner Arbeit“, sagte Hollmann, der sich auch sehr gerne an eine frühe „Kabale und Liebe“-Inszenierung (1970 am Schiller Theater Berlin) oder an seine Uraufführung von „Baby Wallenstein“ von Herzmanosky-Orlando (1984 in Zürich) erinnerte.Unter seinen weit über 150 Inszenierungen befinden sich gleich drei „Fledermaus“-Produktionen, ebenfalls dreimal hat er Goldonis „Trilogie der Sommerfrische“ inszeniert, je zweimal widmete er sich u.a. den Horvath-Dramen „Geschichten aus dem Wiener Wald“ oder „Der letzte Tag“.

Vielseitiges Schaffen in Wien

In Wien führte Hollmann u.a. bei „Hamlet“ (mit Klaus Maria Brandauer, 1985 am Burgtheater), Raimunds „Der Alpenkönig und Menschenfeind“ (1990), „Die Schattenlinie“ von Tankred Dorst (1995 am Akademietheater) sowie bei Hugo von Hofmannsthals „Der Turm“ (1997) Regie. Am Theater in der Josefstadt inszenierte er 2006 „Bunbury“, 2008 Nestroys „Unverhofft“. 2010 stand er als Fürst Saurau in Karl Barattas Bühnenfassung von Thomas Bernhards „Verstörung“ auf der Bühne des Landestheaters NÖ.

Musiktheater als Schwerpunkt

Ab 1977 wandte sich Hollmann, der u.a. mit der Josef-Kainz-Medaille und dem Österreichischen Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst 1. Klasse ausgezeichnet wurde und in Frankfurt einen Studiengang für Theaterregie mitbegründete, verstärkt dem Musiktheater zu. Nach Mozarts „Don Giovanni“ in Frankfurt zeichnete er am Basler Theater u.a. für Wagners „Rheingold“ und „Die Walküre“ verantwortlich. In seiner Heimatstadt Graz führte er 1981 Regie bei der Österreichischen Erstaufführung der dreiaktigen Fassung von Alban Bergs „Lulu“. Zu seinen wichtigsten Opern-Arbeiten der 90er-Jahre zählen auch „Tannhäuser“ (Deutsche Oper am Rhein 1995), „Le Nozze di Figaro“ und „Die Frau ohne Schatten“ (Semperoper Dresden 1995 und 1996), „Elektra“ an der Grazer Oper (1995), sowie „Parzival“ (Opernhaus Zürich 1996).

Gelernter Jurist

Der am 4. Februar 1933 geborene Sohn eines Musikpädagogen studierte in Graz Rechtswissenschaften. „Das war ein Brotstudium, für das ich immer dankbar war“, erzählte Hollmann einmal. „Es hat mich die Klarheit des Denkens gelehrt.“ Als Student arbeitete er u.a. als Nachtwächter. Nach seiner Promotion 1956 besuchte er das Wiener Max-Reinhardt-Seminar, an dem er die Fächer Schauspiel und Regie belegte. Im Anschluss daran war er von 1958 bis 1968 am Theater in der Josefstadt in Wien engagiert. Erste überregionale Bekanntheit als Regisseur erlangte er 1967 mit seiner Inszenierung von Ödön von Horvaths „Italienischer Nacht“ am Staatstheater Stuttgart. „Mit Horvath habe ich Karriere gemacht“, so Hollmann, den die österreichische Dramatik stets besonders interessierte.

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