Theater an der Wien: Furioser Koloraturen-Marathon mit Bollywood-Flair
Alles von Männern gespielt: „Alessandro nell’Indie“.
Jede einzelne Stimme beglückt, das Orchester reißt mit, das Geschehen auf der Bühne lässt einen aus dem Staunen nicht herauskommen. Und das fast fünf Stunden lang. Das klingt wie eine Wunschvorstellung für einen Opernabend. Doch einen solchen gibt es wirklich. Max Emanuel Cencic hat ihn mit „Alessandro nell’Indie“ von Leonardo Vinci realisiert.
Zuerst 2022 bei seinem Festival Bayreuth Baroque in der Richard-Wagner-Stadt und derzeit am Theater an der Wien. Dieser Produktion merkt man an, dass hier ein Künstler Hand angelegt hat, der die Musik von innen versteht. Cencic, viel gefragter Countertenor und Opernregisseur und Gründer des Bayreuther Barockfestivals, hat eine Gabe, starke Werke der Versenkung zu entreißen und diese glänzend zu besetzen.
Vor mehr als zehn Jahren erkannte er das Potenzial von Leonardo Vincis Kompositionen. Eine davon ist dessen Vertonung von Pietro Metastasios Libretto über den Indienfeldzug von Alexander dem Großen für den Karneval in Rom anno 1730. Es geht um Liebe, Intrigen, Eifersucht, ein bisschen Heldentum, ein bisschen Krieg und einen Herrscher, der sich gern selbst in Szene setzt.
Gespielt wird alles von Männern, denn Frauen durften per päpstlichem Dekret auf keiner öffentlichen Bühne auftreten. Daran hält sich Cencic. Er setzt auf Opulenz, prachtvolle Kostüme (Giuseppe Palella) mit indischem Touch und britisch-historisierendem Bridgerton-Flair und eine immense Liebe zum Detail. Die Handlung zeigt er als Spiel im Spiel des extravaganten George IV. von England, der sich im indischen Pavillon von Brighton (Bühne: Domenico Franci) als Herrscher von Makedonie in Szene setzt. Geritten wird auf dreirädrigen goldenen Dromedaren, Alexander thront auf einem Pferd. Mit Sumon Rudra, dem Leiter einer Bollywood-Tanzschule in Athen ersann Cencic die präzise auf Musik und Gesang abgestimmte Choreografie.
Sängerfest
Rudras’ griechische Tänzer überzeugen als Frauen und als Krieger, etwa wenn sie Schlachtgetümmel mit wallenden Gewändern und Puppen zeigen. Davon kann Hollywood heute nur träumen.
Die Geschichte von Alexanders Sieg über den indischen König Poro, dessen Liebe zu Cleofide, der Königin des anderen Teils von Indien, dient als Basis für einen Marathon von Koloraturen. Bei Cencic wird dieser zum echten Sängerfest. Maayan Licht ließ sich wegen einer Erkältung zwar ansagen, aber bei seiner famosen Performance als extravaganter Alessandro nichts anmerken. Dennis Orellana, der mit seinem Sopran bereits als Irina in Peter Eötvös’ „Drei Schwestern“ in Salzburg aufhorchen ließ, preschte durch die Oktaven zu den höchsten Tönen. Bruno de Sá, 2025 beim Musiktheaterpreis ausgezeichnet, ist das vokale Glanzzentrum der Aufführung. Diese Stimme ist klar, expressiv und verfügt über ein goldenes Timbre. Jake Arditti spielt und singt die Rolle von Poros Schwester Erissena exquisit herb. Countertenor Nicholas Tamagna punktet als intriganter Timagene, Tenor Stefan Sbonnik mit tollen Phrasierungen und pastellen schimmerndem Timbre. Martyna Pastuszka führt das {OH!} Orkiestra Historyczna auf seinen historischen Instrumenten mit Drive und besticht als Violinistin im Duett mit Poro auf der Bühne. Im Finale ergänzt sublim eine Formation aus Damen und Herren des Arnold Schoenberg Chors. Ovationen.
Kommentare