Kultur
11.04.2017

Wie eine winzige Redaktion den Pulitzer-Preis gewann

"Holy shit, we won!", rief Art Cullen seinem Bruder John zu. Der 59-jährige Journalist der "Storm Lake Times" hat den Pulitzer-Preis gewonnen.

Die Redaktion der Zeitung The Storm Lake Times ist winzig. Zehn Personen berichten über die lokale Polizeiarbeit, die jährlich stattfindende "Eiersuche im Park" und über die "Tornados", die Fußballmannschaft in Storm Lake, eine 10.600-Einwohner-Stadt im US-Bundesstaat Iowa. Die Zeitung hat eine Auflage von 3.000 Stück, und landet zwei Mal die Woche in den Briefkästen der Abonnenten.

"Es gibt keinen Grund, warum unsere Berichte schlechter sein sollen als die von der New York Times oder der Washington Post", sagt Art Cullen, 59 Jahre, Journalist bei der Lokalzeitung und seit kurzem Preisträger des begehrten Pulitzer-Preis. Die Überraschung war groß. In der Kategorie "Leitartikel" setzte sich der Journalist gegen Konkurrenten der Washington Post und des Houston Chronicle durch – zwei der renommiertesten US-Medien. Noch nie hatte ein Journalist einer derart auflagenschwachen Zeitung einen Pulitzer-Preis gewonnen.

In der Begründung heißt es, dass Cullen, der gemeinsam mit seinem Bruder die Zeitung leitet, engagiert ist und über eine beeindruckende Expertise verfügt. "Er fordert die Big-Player der Landwirtschaft erfolgreich heraus."

Cullen erfuhr via Livestream, dass er gewonnen hat. Seine erste Reaktion: "Holy shit, we won!"

https://twitter.com/PulitzerPrize/status/851512168944193538
The Pulitzer Prizes (@PulitzerPrize

Recht auf Transparenz

Der 59-Jährige hat insgesamt zehn Leitartikel über eine Klage der kommunalen Wassergenossenschaft Des Moines Water Works verfasst. Drei Entwässerungsbezirke im Nordwesten Iowas werden beschuldigt, eine Hohe Menge Nitrat in den Raccoon River geleert zu haben. Politiker, die darin verstrickt waren, kämpften gegen die Klage, sagten aber nicht, wie sie die Verteidigung finanzieren. Cullen deckte daraufhin ein mysteriöses Schwarzgeldkonto, das er folgend beschreibt:

"Seit die Klage durch Des Moines Water Works eingereicht wurde, hat die Storm Lake Times alle drei Bezirke über ein Jahr lang gefragt, wie sie ihre Verteidigung finanzieren. Sie weigerten sich aber Auskunft zu geben, obwohl die Öffentlichkeit ein Recht darauf hat. Irgendwann sind wir auf die Agribusiness Association of Iowa gestoßen, die einen Fonds eingerichtet haben, mit dem die Verteidigung finanziert wurde. AAI suchte aktiv nach Spenden von Unternehmen wie Monsanto und Koch Brothers und anderen Sugar Daddies."

Es sind vor allem die grossen Agrarfirmen, die Cullen in seinen Berichten anprangert. In Iowa, ein traditioneller Landwirtschaftsstaat, gehe es um Korruption, unheilige Allianzen mit der lokalen Politik und Umweltskandale. In einem Interview sagte Cullen, dass er fest der Überzeugung ist, dass die Öffentlichkeit ein Recht darauf, hat zu wissen, woher das Geld kommt. "Wenn du weißt, woher das Geld kommt, dann weißt du auch, wer die Strippen zieht."

Umweltverschmutzung: "Es passiert"

Seit der Gründung der Storm Lake Times im Jahr 1990 seien sein Bruder und er besessen von der Veränderung in der Landwirtschaft in Iowa gewesen. Vorbei waren die Zeiten von Vieh- und Weideland, sagt Cullen der Washington Post. Mais und Sojabohnen dominieren mittlerweile das Landschaftsbild. Mit der Umstellung sei aber auch die Nitratverschmutzung gekommen, die für einige Unternehmen zwar ärgerlich sei, aber nicht weiter relevant – solange niemand draufkommt. Deshalb sei Transparenz wichtig, erklärt er in einem Gespräch mit der Journalismus-Plattform Poynter.org.

"Sie haben das gesamte Landwirtschaftssystem seit den Achtzigerjahren geändert, ohne daran zu denken, wie sie unser Grundwasser beeinflusst. Es passiert und wir werden weiterhin darüber berichten", sagt Cullen. Der Mitherausgeber der Zeitung, in der auch sein Sohn und seine Frau arbeiten, freut sich – abgesehen vom 15.000-Dollar-Preisgeld – über die Genugtuung, die der Pulitzer-Preis mit sich bringt: "Nach meinen Artikeln habe ich einige Freunde verloren. Sie verstanden nicht, warum ich große Unternehmen kritisiere. Sie nannten meine Familie Farmer-Gegner", erzählt er. "Meine Frau ist auf einer Farm aufgewachsen. Wir sind keine Farmer-Gegner, aber Gegner von Verschmutzung."

https://twitter.com/iowabangerz/status/851595681026396160
Iowa Hiphop Blog (@iowabangerz

Lokaljournalismus

Für viele ist die Auszeichnung Cullens auch eine Auszeichnung für den Lokaljournalismus. "Wir schreiben, was ist", sagt Cullen, "aber online tun wir nicht so viel. Wir haben noch nicht herausgefunden, wie wir damit Geld verdienen können. Es bereitet uns derzeit nur Kopfschmerzen. Außerdem: Im Internet nehmen alle deine Artikel, teilen es auf Facebook, aber einen Penny bekommt man dafür nicht.“