„Babys machen, was sie wollen“: Teenager werden Mütter in „Junge Mütter“

Die Regie-Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne über ihre Zusammenarbeit mit jungen Müttern und deren unberechenbaren Kleinstkindern.
Junge Frauen mit Babys.

In ihrem Filmdrama „Junge Mütter“ (derzeit im Kino) erzählen die Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne von Teenagermüttern. Sie heißen Julie, Perla, Ariane, Naima und Jessica und haben eine Gemeinsamkeit: Sie sind als Teenager ungewollt schwanger geworden. Oft aus zerrütteten Familien stammend, haben die Mädchen keinen Rückhalt und sind heillos überfordert mit ihrem Muttersein. Ein Schutzraum auf Zeit ist für sie ein Mutter-Kind-Heim, das ihnen Hilfe und Unterstützung bei der Kinderbetreuung bietet. Dort werden die Mädchen angehalten, selbstständig den Haushalt zu führen und sich um das Baby zu kümmern, können aber jederzeit auf den Rat und die Hilfe der Sozialarbeiterinnen zurückgreifen.

Es ist ein ungewöhnliches Setting und eine ungewöhnliche Konstellation, die die für ihre sozialrealistischen Filme berühmten Filmemacher Jean-Pierre und Luc Dardenne für ihren 13. Langfilm gewählt haben. Wie bisher bieten die zwei Altmeister – beide mittlerweile über 70 – schnörkelloses Kino, das ungeschönt, aber mit viel Empathie Einblick in schwierige Lebensumstände eröffnet.

Das Teenagerthema ist nicht neu für die Dardennes: Schon in „Rosetta“ und „Das Kind“ standen Jugendliche aus prekären Verhältnissen im Mittelpunkt, in „Der Junge mit dem Fahrrad“ war es ein 12-Jähriger, der aus dem Heim abhaut und seinen Vater sucht: „Es war etwas Neues für uns, mit mehreren Hauptdarstellerinnen zu filmen“, bekennt Luc Dardenne im KURIER-Interview in Paris, „denn bisher konzentrierten wir uns meist auf eine Person.“

Daher hätten sie sich erst einmal Gedanken über den Aufbau der Geschichte machen müssen: „Aus unserer Sicht bestand die Gefahr, dass wir die Story zu sehr konstruieren, daher haben wir fünf verschiedene Drehbücher verfasst – eines für jede Frau. Am Ende sollte eine geschmeidige Erzählung mit starken Momenten herauskommen.“

Als besondere Herausforderung beim Dreh erwies sich die Arbeit mit den Babys: „Du kannst ihnen keine Anweisungen geben, weil sie machen, was sie wollen. Zu Beginn waren wir deshalb sehr angespannt, weil wir ansonsten immer alles unter Kontrolle haben. Doch dann war die Situation überraschend entspannt: Wenn die Babys weinten oder Hunger hatten, unterbrachen wir die Dreharbeiten. Wenn wir Takes wiederholen mussten, verloren die Kinder nicht die Lust am Drehen wie erwachsene Schauspieler, sondern wurden immer wacher und präsenter. Sie waren zu hundert Prozent authentisch. Jeder Tag war unvorhersehbar und zugleich total spannend. Die Babys gaben uns Energie, und wir waren auch viel schneller beim Dreh als sonst. Vielleicht war es gut, einmal nicht so perfektionistisch zu sein.“

 Luc und Jean-Pierre Dardenne.

Drehbuch-Preis in Cannes für „Junge Mütter“: Jean-Piere (re.) und Luc Dardenne. 

Es wären nicht die Dardennes, wenn sie neben dem Alltag ihrer Protagonistinnen im Mutter-Kind-Heim nicht auch deren sonstige Probleme beleuchten würden.

Verlassen und vergessen

Perla ist total verzweifelt, als sie von ihrem Freund eiskalt sitzen gelassen wird. Julie gerät wieder in den Drogensumpf und vergisst, Tochter Mia aus der Kinderkrippe abzuholen. Jessica setzt alles daran, ihre verschwundene Mutter zu finden, die sie einst weggegeben hat. Ariane wieder schafft es nur mit Mühe, sich dem Einfluss ihrer psychisch kranken Mutter zu entziehen. Nur Naima hat die Kraft, sich ein Leben aufzubauen, einen Job zu suchen und mit Tochter Selma in eine eigene Wohnung zu ziehen.

„Wir sind so vielen Schicksalen begegnet“, reflektiert Jean-Pierre Dardenne die Dreharbeiten: „Frauen, die keine Beziehung zu ihrem Kind fanden, Frauen, die keinen Ort und keinen Menschen hatten, zu dem sie sonst hätten gehen können, Frauen, die aufgrund ihrer Probleme richtig krank wurden.“ Das Problem, das sie bis heute in ihren (Alb-)Träumen verfolgt, ist die zeitliche Begrenztheit dieses Schutzes für Mutter und Kind. Maximal 18 Monate dürfen die jungen Frauen mit ihren Babys im Mutter-Kind-Heim bleiben.

Und dann? – „Ja, das ist die Frage. Das Dilemma. Im günstigsten Fall werden die Frauen in eine Art Halbautonomie entlassen und können in kleine Wohnungen ziehen, die ihnen das Heim zur Verfügung stellt. Aber auch dort ist ihre Zeit begrenzt. Meistens sehen sie dann keinen anderen Ausweg, als das Kind in eine Pflegefamilie oder zur Adoption freizugeben, weil sie keine Perspektive haben. Da tut sich eine ganz furchtbare Lücke auf. Da müsste die Politik endlich handeln.“

Ein Happy End gibt es bei den Dardennes nicht. Doch ihr nüchterner Blick auf das Leben benachteiligter Menschen hindert sie nicht an Mitgefühl: Am Ende beschwören sie die Hoffnung, dass die Mütter doch noch einen Weg für sich und ihre Kinder finden. Wenigstens zum Teil – sie halten nach wie vor Kontakt zu den Frauen – ist das den Müttern gelungen.

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