Kultur
03.09.2018

"Suspiria“-Remake in Venedig: Im Rausch der Online-Giganten

Blutiges Remake von „Suspiria“ mit Dakota Johnson, Lady Gagas Film wird vom Blitz getroffen

Es hat bereits Tradition in Venedig, dass zumindest einmal während des Filmfestivals der Blitz einschlägt. Diesmal traf es die Premiere von Lady Gagas Schauspieldebüt. Ein schweres Unwetter am Lido unterbrach die Vorführung des Musikdrama-Remakes „A Star Is Born“ für eine gute Viertelstunde. Lady Gaga nützte die Pause und warf Kusshände ins Publikum. Man kann sagen, sie eroberte Venedig im Sturm – im wahrsten Sinne des Wortes.

„A Star Is Born“ bleibt trotzdem mau, wenngleich Lady Gaga in ihrer Rolle als singende Küchenhilfe, die von einem männlichen Rockstar entdeckt und auf die große Bühne gehievt wird, ihr ganzes Temperament zur Verfügung stellte.

Ihr Schauspielerpartner Bradley Cooper – auch Regisseur des Films – konnte weder Klischees noch Konventionen dieses Stadion-Rock-Stoffes in eine auch nur annähernd interessante Form bringen.

Doch der am meisten erwartete Film in Venedig war ohnehin ein völlig anderes Remake: „Suspiria“, ein Horror-Remake von Luca Guadagnino, schlug am Wochenende sein Publikum in blutigen Bann. Und brachte Tilda Swinton und Dakota Johnson als bejubelte Star-Gäste an den Lido.

Die Vorfreude auf „ Suspiria“ war deswegen so groß, weil das Original aus dem Jahr 1977 von Dario Argento – Vater von Asia Argento – längst Kultstatus genießt. „Suspiria“ gilt als Klassiker unter den sogenannten „Giallos“, einem Subgenre des italienischen Horrorfilms, und erzählt von den grässlichen Morden an den Tänzerinnen einer deutschen Ballettschule. „Suspiria“ wurde besonders durch die unheimliche Synthesizer-Musik der Gruppe „Goblin“ und den brüllenden Farben seiner Innenausstattung legendär. Außerdem kommen junge, hübsche Frauen auf sehr spektakuläre Art und Weise zu Tode.

Regisseur Luca Guadagnino, zuletzt Oscar-nominiert für sein Schwulendrama „Call Me By Your Name“ , hegte schon lange Zeit eine Faszination für Argentos Horror-Trip. Nun machte ausgerechnet die Streamingplattform Amazon Guadagninos Remake-Traum war und produzierte ihn für 20 Millionen Dollar.

Amazon-Kino

Tatsächlich ist Venedig heuer im Rausch der Online-Giganten Netflix und Amazon. Der Streamingdienst Netflix hat gleich sechs Premieren auf dem Festival – zuletzt den schaurig-schönen Western-Kanon „The Ballad of Buster Scruggs“ der Brüder Joel und Ethan Coen.

Mit dem „Suspiria“-Remake bringt der Konkurrent Amazon nun seinen ersten Horrorfilm auf den Markt und in den Wettbewerb.

Guadagninos famoses „Suspira“ spielt im geteilten Berlin der 70er-Jahre. Die linke Terrorgruppe RAF hat gerade ein Flugzeug entführt und versucht, gefangene Terroristen freizupressen. Eine junge Amerikanerin namens Susie Bannon – die umwerfende Dakota „Fifty Shades of Grey“ Johnson – tritt in die Schule einer berühmten Tanz-Company ein und wird Ensemble-Mitglied. Dort führen ausschließlich sinistre Frauen das Regiment. Besonders Madame Blanc – faszinierend alterslos: Tilda Swinton – trainiert die Gruppe und interessiert sich ganz speziell für den Neuankömmling. Doch hinter der Kulisse der Tanzschule scheint sich eine unheimliche, okkulte Vereinigung zu verbergen.

Guadagnino ließ sich vom Kino Rainer Werner Fassbinders inspirieren und entwirft sein Berlin der 70er-Jahre in düsteren Farben und mit kalten, unheimlichen Schauplätzen. Dazu engagierte er formidable deutsche Schauspielerinnen wie Angela Winkler und Ingrid Caven; denn auch Resonanzen des Zweiten Weltkrieges schlagen sich in „Suspiria“ nieder.

Die Idee kollektiver Geschichtstraumata steigert Guadagnino in einer spektakulären Szene zu einer blutrünstigen Orgie, die aussieht wie eine Mischung aus Wiener Aktionismus und Pasolinis „Die 120 Tage von Sodom“.

Quentin Tarantino, so heißt es, hätte vor Beglückung geweint, nachdem ihm Guadagnino erstmals sein „Suspiria“ gezeigt hatte.

Beobachter der Branche zeigen sich trotzdem baff, dass Amazon ein so radikales Projekt auf seinen Programmzettel setzte, zumal Amazon offensichtlich angekündigt hat, in Zukunft mehr Projekte mit Massenappeal in Angriff zu nehmen.

In jedem Fall wird „Suspiria“ sowohl in Europa wie auch den USA einen Kinostart haben, bevor es auf der Online-Plattform gezeigt wird.

Und tatsächlich sind Horror-Filme im Kino ganz besonders gut aufgehoben. Denn wer fürchtet sich schon gerne allein?