Die Kraft der Worte behalten

Salman Rushdie war Stargast der Jubiläumsausgabe des Festivals Literatur im Nebel. Nach dem überlebten Attentat von 2022 freute sich der Schriftsteller, wieder im Waldviertel zu sein.
Die Kraft der Worte behalten

Von Susanne Zobl

Was auf den größten Bühnen der Welt heute unmöglich ist, wurde auf dem Podium der Margithalle in der etwas mehr als 4.000 Seelen zählenden niederösterreichischen Stadtgemeinde Heidenreichstein beim Festival „Literatur im Nebel“ Wirklichkeit. Salman Rushdie wohnte den Lesungen aus seinen Geschichten bei, scherzte beim Podiumsgespräch und signierte seine Bücher für seine Anhänger.

Seit dem 12. August 2022 schien so etwas schiere Utopie. An diesem Tag wurde der heute 78-jährige Schriftsteller Opfer eines Attentats. Er sollte bei einer Tagung in Chautauqua, USA, über die Sicherheit verfolgter Autoren sprechen. Doch dann passierte es. Ein islamistischer Fundamentalist hatte ihn in 27 Sekunden mit einem Fausthieb und zwölf Messerstichen attackiert. Der Anschlag raubte Rushdie das rechte Auge, aber nicht die Kraft seiner Worte und seinen Humor.

 

Drei Personen sitzen auf einer Bühne und diskutieren vor einer großen, bunt beleuchteten Wand mit Veranstaltungsankündigung.

„Er sitzt im Gefängnis und ich hier in Heidenreichstein“, kommentierte er das Geschehen im Buch „Knife“. Er wolle dem Attentäter keine unnötige Aufmerksamkeit widmen.

Fatwa

Den Gründern des Festivals in Heidenreichstein, dem ehemaligen Kulturminister Rudolf Scholten und dessen Frau Christine, ist Rushdie seit Jahrzehnten verbunden.

Das kam so: Am 14. Februar 1989 hatte Ajatollah Ruhollah Khomeini mittels Fatwa alle Muslime aufgerufen, Rushdie wegen seines satirischen Romans „Die satanischen Verse“ zu töten. Eine Million Dollar Kopfgeld waren dafür ausgeschrieben.

Anfang der 1990er-Jahre holte Scholten Rushdie nach Wien und verlieh ihm den Preis für europäische Literatur. Als die Scholtens 2006 ihr Literaturfestival im Waldviertel gründeten, war kein Geringerer als Rushdie ihr erster Gast. Die Berichterstatterin war dabei, als er im nahen Literaturwald den ersten Baum pflanzte. Als sie mit ihm in einer kurzen Pause bei seinem aktuellen Auftritt darauf zurückblickte, quittierte er das mit einem sanften Lächeln.

Die Fatwa schien zur Nebensache zu verkommen – bis zu jenem Tag im August. Klar, dass diesmal die Margithalle diskret bewacht wurde. Rushdie schien gelassen, als er sich die politischen Reden übersetzen ließ. Sie kamen von Bürgermeisterin Alexandra Weber und von Bundespräsident Alexander van der Bellen, der seine Ansprache wegen einer Grippe von seiner Kabinettsdirektorin Andrea Mayer vortragen ließ.

Reflexionen

Ob ihm das Attentat wieder präsent wurde, als seine österreichischen Kollegen Dimitre Dinev, Raphaela Edelbauer, Natascha Gangl, Robert Menasse, Karin Peschka und Doron Rabinovici seine Dokumentation vortrugen? Staatsoperndirektor Bogdan Roščić ergänzte mit Franz Schuh und der Autorin Anna Maschik Rushdies Reflexionen über Kunst.

Im Gespräch mit ORFIII-Journalist Peter Fässlacher resümierte Rushdie seine Gedanken am Tag des Unglücks, etwa wie er nach seinen Kreditkarten und seinen Wohnungsschlüsseln fragte. Heute deutet er das als Signal für seinen starken Überlebenswillen. Denn, ob er diese jemals wieder brauchen würde, war in diesem Moment nicht klar. Jetzt werden seine Auftritte wieder abgesichert.

Mit einem Scherz wandte er sich ans Publikum: „Sie sehen nicht gefährlich aus“. Doch ein Leben in Zurückgezogenheit wäre ihm langweilig. Die größte Angst hatte er in der Zeit danach um seinen literarischen Schaffensdrang. Doch der stellte sich ein, als er das Unsägliche selbst im Band „Knife“ zur Literatur hatte werden lassen.

Alles hat Auswirkungen

Irgendwann einmal hatte er sich vorgestellt, er würde als Autor unter einem Baum sitzen und über süße Dinge schreiben. Heute weiß er, das sei unmöglich. Denn die Politik komme einem stets in die Quere. Alles, was in der Welt passiert, hat eine Auswirkung auf uns. „Jetzt steigen die Benzinpreise und wir müssen aber trotzdem unsere Autos tanken“, merkt er realistisch an.

In seinem jüngsten Buch, „Die elfte Stunde“, erzählt er Geschichten über das Sterben. Michael Maertens las daraus. Ein Exkurs über die Bedeutung von Literatur von Lisz Hirn und eine Lesung aus Rushdies „Don Quichotte“ von Natascha Gang, Roland Koch und Michael Wächter ließen diesen denkwürdigen Abend ausklingen.

Kommentare