„Simon Boccanegra“: Seelendrama mit grauer Langhaar-Perücke

Der Bariton Ludovic Tézier gastierte erstmals als Titelheld der Verdi-Oper an der Wiener Staatsoper
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Von Neapel bis New York ist Ludovic Tézier der gefragteste Bariton, vor allem, was Giuseppe Verdi anlangt. Der Titelheld in dessen später Oper „Simon Boccanegra“ ist eine der Paraderollen des gebürtigen Franzosen. Jetzt verkörpert er endlich auch an der Staatsoper den Korsaren, der sich zum Dogen von Genua ausrufen lässt.

Sein Hausrollendebüt beginnt er in Peter Steins reduzierter, total auf das Seelendrama fokussierten Inszenierung mit Zurückhaltung. Hier agiert ein Staatsmann, der mit grauer Langhaar-Perücke an Faust vor der Verwandlung denken lässt. Nach der Pause ist Tézier in seinem Element. Mit seiner weich timbrierten, jetzt fülliger wirkenden Stimme lässt er jede Emotion spüren. Er zeigt Stärke und berührt. Da wird Verdis Partitur zur Seelenmusik. Die Spannung zwischen den Figuren etwa in der zentralen Szene, wenn der Doge seine verloren geglaubte Tochter findet, und im Terzett von Boccanegra, Amelia und Adorno ließe sich noch steigern.

Federica Lombardi, die nach der Geburt ihres ersten Kindes auf die Bühne zurückgekehrt ist, setzt ihren robusten Sopran kraftvoll ein und geht im Duett mit Charles Castronovo als Adorno aus sich heraus. Der versierte Verdi-Tenor weiß, worauf es ankommt. Mit mit seiner kernigen, abgedunkelten Stimme setzt er auf Dramatik, er schmachtet und wütet wie aus dem Opernlehrbuch.

Kwangchul Youn laviert als Fiesco zwischen verschiedenen Grauzonen. Attila Mokus zeigt den Intriganten Paolo wie einen Kleinkriminellen bar von Dämonie und vokaler Auffälligkeit. Evgeny Solodovnikov lässt als Pietro mit seinem ausdrucksvollen Bass aufhorchen. Wortdeutlich intoniert der Staatsopernchor. Marco Armiliato lässt am Pult des Orchesters Verdis Musik wie das Meer in sanften Wogen strömen und lädt mit satten, strahlenden Klangfarben auch zum Schwelgen ein. Jubel für alle Beteiligten.

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