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Kultur
06/11/2019

Sinkane: Funky Kinder der Diaspora

Auf dem Album "Depaysé" umarmt die multiethinische Band mit Kosmopoliten-Pop die Welt

Während sich Teile Europas auf Nationalismen besinnen, in Ibiza zu literweise „Flügerl“ zackig Staatsgeschäfte gemacht werden, in Großbritannien der Brexit geistert und Donald TrumpAmerika first“ brüllt, dominieren inhaltsleere Beruhigungs- und Bekräftigungslieder die internationalen Charts: Hierzulande ist gerade seichter Rap von Capital Bra angesagt, auf der Insel schmust man zu Ed Sheeran, und die Amerikaner wackeln zu Lil Nas X mit dem Popo. Soll heißen: Musiker beziehen kaum noch Stellung, kommentieren in ihren Songs weder politische noch gesellschaftliche Themen.

Ahmed Gallab und seine multiethnische Band Sinkane sind dabei eine von immer weniger werdenden Ausnahmen, die bekanntlich die Regel bestätigen. Keine Musik ohne politische Botschaft. So lautet das Band-interne Leitbild, dem das Sextett rund um den Mastermind, Sänger und Gitarrist Ahmed Gallab auch auf ihrem nagelneuen Album treu bleibt.

„Ya Sudan“

Der siebte Longplayer von Sinkane heißt „Dépaysé“, was auf Französisch so viel wie „aus seiner gewohnten Umgebung entfernt sein“ bedeutet. Ein Gefühl, das Ahmed Gallab als in London geborener, jetzt in den USA lebender muslimischer Musiker sudanesischer Abstammung gut kennt. Über seine Wurzeln reflektiert er dann auch im Lied „Ya Sudan“, die auch als Hymne für die jüngsten Protestbewegungen im afrikanischen Staat gedeutet werden kann: Nach drei Jahrzehnten an der Macht wurde der sudanesische Präsident Omar al-Baschir im April von den Streitkräften gestürzt. Seit dem Putsch versuchen das Militär und die Opposition eine Übergangsregierung zu bilden. Dabei kommt es täglich zu blutigen Auseinandersetzungen.

Zurück zu Erfreulicherem, zurück zur Musik: Im Falle von Sinkane geht um leichtherzige Melodien für schwere Zeiten. „Dépaysé“ beinhaltet wie schon das wunderbare Vorgängeralbum „Life & Livin' It“ stilistisch sehr unterschiedliche, aber im weitesten Sinne afrikanisch klingende Songs, die das Leben feiern – zumindest was das Rhythmische betrifft. Inhaltlich geht es wesentlich schwerer zur Sache. Mit dem Ergebnis, dass in in einigen Liedern die Text-Sound-Schere weit aufgeht: Die oft sehr persönlich, sehr politisch eingefärbten Texte werden gerne mit gut gelaunten und vor allem herrlich groovenden Beats gereicht.

Energie

Die Songs der „Kinder der Diaspora“, wie kürzlich Ahmed Gallab beim FM4-Überraschungskonzert im Wiener Fluc seine Band (ein Chinese an der Gitarre, ein Afroamerikaner am Bass, eine Filipina an den Keyboards und ein Mann aus Trinidad am Schlagzeug) vorstellte, klingen absichtlich ungeschliffen, voller Energie und umarmen die Welt: Im Lied „Mango“ servieren Sinkane Reggae im Stile Bob Marleys, funky Grooves, die an Fela Kuti erinnern, und Jazz der Marke Mulatu Astatke. Aber auch Afro-Rock und hymnische Pop-Momente („On Being“) haben einen Fixplatz auf dem Album, auf dem das Völkerverbindende und die Hoffnung auf eine friedliche, bessere Zukunft im Vordergrund stehen. „Together we can start a new life“, heißt es etwa im Lied „Everybody“.

Dem kann man sich eigentlich nur tänzelnd anschließen: Yes! We! Can!