Kultur
12/16/2018

Seit 50 Jahren ist der Teufel los

Spurensuche im Plattenladen. Das Rolling-Stones-Album „Beggars Banquet“ wurde ein halbes Jahrhundert alt.

von Bernhard Hanisch

Es lässt sich nicht leugnen. Es ist ein Treffen der Verweigerer, der Zurückgebliebenen. Dieses stille Nebeneinander der Steinzeitmenschen, die in Plattenstößen mit flinken Fingern und Grunzlauten der Ehrfurcht im Angebot stöbern.

Cheap Thrills, Janis Joplin, Electric Ladyland, Hendrix. 1968, verdammt lange fünf Jahrzehnte ist das her...

Die Muffigkeit der Secondhand-Ware beschleunigt den Jäger und Sammler darin, endlich Beute zu machen. Beute, die kreativ umhüllt, Geschichten erzählt, die Interesse oder nur Erinnerungen weckt, die man in Händen halten, zugegeben, in Einzelfällen auch streicheln mag.

The Beatles, schlicht das Weiße Album. Es existiert noch. Abgegriffen, oder herausgeputzt als luxuriöse Edition zum 50-jährigen Geburtstag...

Auf Knopfdruck

Ist es die Flucht vor der Digitalisierung handgemachter Kreativität? Vielleicht.

Ärger über die Beliebigkeit, mit der Musik in geradezu unsportlicher Manier auf Knopfdruck verfügbar wird, die gestreamt, oder als Massenware heruntergeladen, auf elektronischer Halde liegt? Der Höhlenbewohner weint.

Ein Album – ob alt oder neu, aber im Idealfall aus Vinyl – ist schließlich dazu da, um darin zu blättern, bevor man hineinhört.

Schon wieder ein Klassiker. Er zeigt auf eine Wand gekritzelte Klosprüche und die wohl berühmteste und versiffteste Toilette der Rockgeschichte. Sie waren schließlich immer für Überraschungen gut, die Briten. Der stille Ort des Austritts. Ein halbes Jahrhundert vor dem Brexit, wird er von jugendlichen Rotzlöffeln als Covermotiv gewählt. Die Rolling Stones nehmen in den Londoner Olympic Studios das Album Beggars Banquet auf.

Eine aus zehn Songs bestehende Werkschau, deren Erscheinen in der Phase des gesellschaftlichen Umbruchs von der Fangemeinde als Wiederkehr zur Tradition, zum Rock, Blues, Folk und als Abkehr vom psychedelischen Irrflug erleichtert zur Kenntnis genommen wird.

Drei Alben, Let It Bleed, Sticky Fingers und Exile on Mainstreet sollten folgen. Begründet ist damit der eigentliche Mythos der Stones.

Weg von den Beatles

Der New Yorker Produzent Jimmy Miller befreit die Band endlich vom Verdacht, Nachahmungstäter der Beatles zu sein.

Die Zeit? Sie erinnert an heute, sie ist unruhig. Es ist der Sommer des Jahres 1968...

Zappelnd schält sich Mick Jagger aus seiner Verschlafenheit. Der als animalisch befundene Samba-Rhythmus treibt ihn in seine bevorzugte Rolle.

Ein 25-jähriger Provokateur, kein Revolutionär will er sein. Einschmeichelnd bedrohlich stellt er sich vor. Als Teufel, wohlhabend und mit guten Manieren zwar, aber von eigener Bösartigkeit überwältigt, folgt ein ekstatischer Streifzug durch die historische Finsternis.

Keith Richards’ Intermezzo zersägt strukturlos die Kompaktheit des Vortrags und ihm passiert das wohl beste Gitarrensolo seines musikalischen Daseins.

Unverkennbar drogenverseucht und teilnahmslos schrummt Brian Jones auf akustischer Gitarre. Ein reales Drama biegt in die Einbahnstraße und wird nicht einmal ein Jahr später auf dem Grund seines Swimmingpools enden. Im Chor, der den Song hintergründig mit den charakteristischen „Wuh-wuh“-Lauten versorgt, verbergen sich Marianne Faithfull und Anita Pallenberg, die Gespielinnen auf der imagegerecht regen Tauschbörse einer Rock’n’Roll-Band.

„Sympathy for the Devil“ nimmt Formen an. Die Erzählung von Tod und Verderben erklärt Luzifers Macht, im Song stirbt die Zarenfamilie, es tobt der Blitzkrieg, aus Aktualitätsgründen stellt sich die Frage nach den Mördern der Kennedys. Und überhaupt, ist jeder Polizist ein Verbrecher – es ist der Zeitgeist, der nach solchen Frechheiten verlangt.

Im Film „One Plus One“ hält der von allen guten Geistern verlassene französische Regisseur Jean-Luc Godard Teile der Studiosession fest, eingebettet in verstörende Rahmenhandlungen.

Sequenz aus dem von der BBC aufgezeichneten Konzertfilm Rock and Roll Circus:

Vor den Shitstorms

Die Stones hören den „guten Ton“ der damaligen Gesellschaft nicht, sie wühlen als Band mit großer Breitenwirkung auf Baggers Banquet in Inhalten („Dear Doctor“, „Parachute Woman“, „Stray Cat Blues“), die im Jahr 2018 wohl zu handfesten Me-Too-Debatten und Karriere begrabenden Shitstorms führen würden.

Als es in den Straßen von Paris schon vor 50 Jahren brennt, verweigern mehreren Radiostationen die Veröffentlichung von „Street Fighting Man“. Der Mittelpunkt des Albums. Zu subversiv.

Im Dezember 1968 erscheint Beggars Banquet. Nach viermonatiger Streiterei mit der Plattenfirma. Das biedere Cover zeigt das Bild einer Einladungskarte.

Das Klo? Auf den Albumdeckel durfte es erst im Jahr 1984. Seit 50 Jahren ist der Teufel los, scheinheilig war die Gesellschaft aber schon immer.

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