Den Nachttopf von Novalis ausleeren: „Sehnsucht nach Sangerhausen“

Eine skurrile Provinzkomödie der anderen Art von dem deutschen Regisseur Julian Radlmaier.
Eine junge Frau sitzt auf einer Bank.

Von Gabriele Flossmann

Südharz, Sommerabend: In der Provinzstadt Sangerhausen kreuzen sich die Wege einer ostdeutschen Kellnerin und einer aus dem Iran geflüchteten YouTuberin. Was als zufällige Begegnung beginnt, entwickelt sich zu einer gemeinsamen Reise – vom Stadtzentrum hinaus in die Karstlandschaft und das Kyffhäuser-Gebirge. Zwischen Alltagsbeobachtungen und skurrilen Zwischenfällen entsteht das Porträt einer ungewöhnlichen Freundschaft und der Sehnsucht nach einem anderen Leben. 

Julian Radlmaier, bekannt für seine eigenwilligen, oft ironisch gebrochenen Erzählweisen, verbindet in seinem neuen Film Elemente der Provinzkomödie mit leiser Gesellschaftssatire.

 Zu Beginn seines Films stellt Radlmaier die zunächst heiter wirkende Feststellung: In Sangerhausen spukt„s wohl. Aber bald schon merkt man, dass es die Geister von Unterdrückten und Ermordeten der deutschen Geschichte sind, die sich in diesem Ort herumtreiben: ein Hausmädchen, das mit 19 Jahren im Kindbett starb; erschossene Arbeiter aus einem Streik von 1921; eine antifaschistische Partisanin aus Sarajevo und eine Bedienstete in der Zeit der Französischen Revolution, eine Frau, die ihrem tristen Leben als Dienerin entkommen und nicht mehr länger den Nachttopf von Novalis leeren will. 

Gespenster der Vergangenheit

Nach und nach enthüllt sich, wie sich die Gespenster einer schlimmen Vergangenheit in die Gegenwart fügen. Am Höhepunkt des Films verschlägt es seine Figuren zum Kyffhäuserberg und in die Barbarossahöhle, wo der Legende nach Friedrich I. noch immer auf seine Wiederkehr und auf ein geeintes Deutschland wartet.

 Was nach kritischer Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus und einer Ausleuchtung politischer Abgründe klingt, wird im Film zu dem, was man heute “Infotainment„ nennen würde: Ein unterhaltsamer Nachhilfeunterricht in die Geschichte unserer Vorfahren, der auch unsere Augen dafür öffnen soll, was hier und heute alles schiefläuft. Für Neda, eine iranische Filmemacherin im Exil, die sich in Deutschland als Influencerin durchschlägt. Sung-Nam ist aus der Sowjetunion geflohen, um dem Kriegsdienst zu entgehen, kümmert sich um ein Ziehkind und jobbt als Reiseführer.

 Erkenntnisse, die der Film vermittelt: Rassismus, Prekarität, politische Unterdrückung und verstaubte Rollenbilder hinterlassen im Leben von Menschen merkliche Spuren. Eine mögliche Rettung verspricht – wie schon zuvor in einigen Filmen von Julian Radlmaier – das Bilden von Banden, in denen zumindest zeitweise ein Gefühl von Gemeinschaft alle Beteiligten weiterbringt. Die Gespenster der Vergangenheit und die verwundeten Seelen von heute finden sich zusammen – und tauschen sich aus. 

Als Zuschauer muss man bei diesem Film aufmerksam bleiben, um den vielen Personen, all den Spielen mit dem Realen, Emotionalen und Realistischen lückenlos folgen zu können. Manchmal ist auch ein wenig Rätselraten nötig.  Vor allem wenn es um Anspielungen und um bekannte Gesichter aus Radlmaiers früheren Filmen geht.  Aber wer einen Kinobesuch der etwas anderen Art erhofft, ist hier gut bedient. 

INFO: D 2025. 90 Min. Von Julian Radlmaier. Mit Clara Schwinning. 

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